Medienkompetenz, Soziale Netzwerke, Frieden, Graue Wölfe, Kurden, Türkei, Türken

Wir sind Kinder des späten 20. Jahrhunderts und keine Generation vor uns sollte über mehr Medienkompetenz verfügen – doch die Ereignisse in den letzten Monaten, sei es in Europa oder im Nahen Osten, sprechen das Gegenteil. Gerade jetzt, wo die Ereignisse in der Welt und in unserer unmittelbaren Umgebung aus den Fugen zu geraten scheinen, brauchen wir unseren Verstand mehr als je zuvor. Besonders im Internet. (Foto: Aksiyon)

Die Geschehnisse in der Türkei sind erschreckend und treffen uns alle sehr, egal ob Kurdisch oder Türkisch. Meine Kindheit habe ich damit verbracht, mir Schauergeschichten über die PKK anzuhören, egal ob aus den Erzählungen meiner Eltern oder aus den Nachrichten – der Terror der „Guerilla“ hat mich mein Leben lang begleitet. In den letzten Jahren wurde es eher ruhig in der Türkei. Terror war nicht mehr ein großes Thema. Seit mehreren Wochen allerdings ist er wieder so präsent wie eh und je.

Das Internet ist ein neues Schlachtfeld

Mein Facebookfeed ist überschwemmt vom Konflikt in der Türkei. Die türkische Seite spart nicht an patriotischen und oftmals nationalistischen Bildern und Texten. Aktuell ist Facebook für mich in Rot und Weiß getaucht.

Auf der anderen Seite lese ich viele Posts über Cizre und die Wehklagen der kurdischen Bürger über den türkischen Staat. Auch hier wird mit Nationalismus nicht gespart. Beide Seiten nehmen kein Blatt vor den Mund. Sie fluchen, beschimpfen, beschweren und attackieren sich gegenseitig mit Vorwürfen. Meistens werden etwa Fotos von vermeintlichen Angriffen auf beiden Lagern geteilt, auf denen provokante Sätze zu lesen sind. Auf anderen werden Ereignisse geschildert, die bei vielen das Blut zum Kochen bringen. Am schlimmsten ist allerdings – viele, viel zu viele rufen zum Kampf gegeneinander auf.

Wir sind alle ein Volk

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, wie die meisten Leser hier. Während meiner Kindheit haben auf unserer Straße viele Volksgruppen beieinander gelebt. Wir Kinder sind zusammen auf dem Spielplatz gewesen und auch wenn wir die Worte der Erwachsenen im Hinterkopf hatten, haben wir während des Spielens nicht daran gedacht, ob der Gegenüber ein Kurde, ein Araber, ein Deutscher oder ein Russe war.

Im Alltag spielt Politik keine Rolle und darauf sollten sich viele wieder besinnen! Es ist schon viel zu sehr ausgeartet. Der Konflikt verschiedener Parteien und Interessengruppen ist nach Deutschland übergeschwappt und dominiert nahezu unseren Alltag.

Es geht nicht, dass Menschen, die sich bis vor kurzem noch zum Tee oder Kaffee getroffen haben oder beim wöchentlichen Einkauf im türkischen Markt getroffen und gegrüßt haben, über Facebook-Postings einen ungemeinen Hass zu Wort bringen und sich nicht mehr kennen wollen.

Es geht nicht, dass Menschen auf die Straßen gehen und sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, die eigentlich zu ein und demselben Volk gehören. Jeder kann seine Ethnie haben, aber wir sind trotz allem ein Volk. Die Enkel derer, die Schulter an Schulter ihr Land und ihr Volk gemeinsam gegen den Kolonialismus und gegen die Unterwerfung befreit haben. Ein Volk, das zu denselben Liedern tanzt und weint. Auch in der Diaspora. Was geschehen ist, ist geschehen, es gilt an die gemeinsame Zukunft zu denken und aus alten Fehlern zu lernen, diese nicht zu wiederholen.

Wägt ab, was richtig und falsch ist

In Zeiten wie diesen ist das Internet voll von unwahren, propagandistischen und zur Provokation dienenden Beiträgen und Nachrichten. Besonders auf Facebook und Twitter sind Bilder, Videos und Texte mit vermeintlichen Geschehnissen und Fakten zu finden, die nichts als bloße Lügen sind – deshalb müssen wir als User stets abwägen, was ist Wahrheit und was nicht. Glaubt nicht allen Meldungen, die ihr lest, schaut euch erst die Quelle an und versucht sie aus mehreren Perspektiven zu betrachten. Besonders wir, die weit weg sind von den Ereignissen und vom Ursprungsort, können sehr leicht in die Falle von Provokateuren tappen. Versucht trotz allem objektiv zu sein. Wutausbrüche helfen niemandem.

Nein zum Krieg

Auf Twitter haben in der vergangenen Woche viele Türken ihren Wunsch nach Frieden geäußert. Mit Hashtags wie #Tuzağadüşmeyelim (Lasst uns nicht in die Falle tappen!) und #savaşahayır (Nein zum Krieg!) haben sie zur Besinnung, Nutzung des Verstandes und Zurückhaltung aufgerufen. Verständlich, bei dem ganzen Chaos in dem Land, ist die Angst vor einem Bürgerkrieg groß. Genau dem müssen wir als Volk entgegenwirken, denn es ist endlich mal an der Zeit, dass Türken und Kurden sich wirklich, ehrlich und ohne Vorbehalte einander annähern und verstehen, dass sie durch das Schicksal und der Geschichte miteinander verbunden sind. So wie alle Menschen auf diesem Planeten.