Nicht nur aus touristischer Sicht ist die Türkei, die vielerlei zu bieten hat, für Russinnen und Russen interessant. Das macht sich Ankara gerade zu Nutze. Foto: Aleksandr Grechanyuk/Freepik

Seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine gilt im Westen weitgehend die Devise: Keine Geschäfte mit Russland. Das NATO-Land Türkei geht einen anderen, pragmatischeren Weg. Und das zahlt sich für Ankara aus.

In einem Luxus-Einkaufszentrum in der westtürkischen Hafenstadt Bodrum werben Schilder mit russischer Aufschrift um Kunden. Dass in hiesigen Häfen auch die Jachten russischer, vom Westen mit Sanktionen belegter Oligarchen andocken, ist kein Geheimnis.

Das NATO-Land Türkei hat seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine beiden Partnern die Treue versprochen und sich nicht an Sanktionen gegen Russland beteiligt. Für die Türkei zahlt sich das aus. Importe aus und Exporte nach Russland haben sich innerhalb eines Jahres verdoppelt.

Türkische Unternehmen füllen Lücke

Russland wird 2022 der größte Handelspartner der Türkei und löst damit Deutschland ab, heißt es von der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer (AHK Türkei) in Istanbul. Auch deutsche Unternehmer in Moskau müssen zuschauen, wie nach dem Abzug westlicher Firmen unter anderem türkische und chinesische Unternehmen die Lücken füllen.

Die Türkei hat Deutschland beim Verkauf von Maschinen und Ausrüstung an Russland überholt, wie das Moskauer Wirtschaftsportal rbc.ru unlängst meldete. Die Türkei hat die Situation in vielerlei Hinsicht zu ihrem Vorteil gewendet.

Türkei importiert Energieträger billiger

„Seit Beginn des Krieges kann die Türkei billiger Energieträger importieren“, sagt Erdal Yalçın, Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an die Hochschule Konstanz und Forschungsmitglied am IfW Kiel zum Thema Internationaler Handel. Öl und Gas kamen schon vor dem russischen Angriffskrieg maßgeblich aus Russland.

Nun haben sich die Ölimporte 2022 in etwa verdreifacht, wie aus Daten des Statistikamtes hervorgeht. Vor dem Hintergrund einer Währungskrise und galoppierender Inflation dürfte das der Regierung in Ankara im Wahljahr 2023 gelegen kommen. Aber auch in Russland selbst ist die Türkei präsenter denn je.

Türkische Modegeschäfte ersetzen westliche

Russische Medien berichten, dass türkische Modegeschäfte – die Marke Koton zum Beispiel ersetzte Marks & Spencer – und Restaurants eröffnen. Die Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Türkei und Russland gebe „Anlass zu großer Sorge“, hieß es in einem Schreiben des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell.

Ankara dürfe Russland keine Umgehungslösungen für Sanktionen anbieten. Eine etwas verquere Warnung, findet Yalçın: „Die Türkei importiert Rohöl aus Russland, bereitet es in seinen Raffinerien auf und verkauft es dann – als türkisches Produkt – nach Europa. Das ist eine Umgehung der Sanktionen in legaler Form.“

Türkei als Retterin in der Not

Der EU als Abnehmerin könne man insofern genauso wie der Türkei einen Vorwurf machen, so Yalçın. Auch das Geschäft mit Halbleitern aus der EU ist ein Beispiel für eine Umgehung der Sanktionen in legaler Form. Die Ausfuhren der Chips von dort nach Russland seien seit zehn Monaten deutlich zurückgegangen.

Schlupfloch Bosporus: Warum der Handel zwischen der Türkei und Russland boomt

Gleichzeitig steige der Export der Chips in die Türkei und von dort weiter nach Russland, sagt Yalçın. „Wenn die Abnehmerin eine 100-prozentige türkische Firma ist, ist es legal.“ Die Firma müsse am Produkt nur marginale Änderungen vornehmen, ein Sticker reiche. Für Russland ist die Türkei damit die Retterin in der Not.

Russen kaufen massig Immobilien

Wer nach Europa will, fliegt mit großer Wahrscheinlichkeit über die Türkei – oder bleibt gleich dort. Die Türkei ist wegen der Reisebeschränkungen in der EU das wichtigste Urlaubsland für Russen. Die Immobilienkäufe von Russen in der Türkei – die ab 500.000 Dollar gleich die türkische Staatsangehörigkeit beinhalten – sind enorm gestiegen.

Von Januar bis November wurden rund 14.000 Immobilien an Russen verkauft. 2019 waren es noch 2.900 Käufe. Dass mehr Russen im Land sind, macht sich vielerorts bemerkbar. In den ersten elf Monaten 2022 wurden laut türkischer Handelskammer TOBB insgesamt 131 russische AGs und 1077 russische GmbHs in der Türkei gegründet.

Mit dem Bargeld-Koffer in die Türkei

Zum Vergleich: Im Vor-Corona-Jahr 2019 waren es 17 AGs und 95 GmbHs. Die Türkei profitiere auch von russischem Kapital, das verstärkt in das Land fließe. Die türkische Leistungsbilanz weise auf hohe Kapitalzuflüsse hin, dessen Ursprung nicht vollends geklärt werden kann. „Also meist Geld, das im Koffer in ein Land gebracht wird“, sagt Yalçın.

Aber auch für den Westen hat sich das türkische Handeln stellenweise als profitabel erwiesen: Die Türkei ist nachhaltig bemüht, zwischen Moskau und Kiew zu vermitteln. Nicht zuletzt gilt der gute Draht des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu Kremlchef Wladimir Putin als Grund die Fortsetzung des für die Welternährung so wichtigen Getreidedeals.

Westen profitiert von Erdoğans Nähe zu Putin

Erdoğans Nähe zu Putin und die gemeinsamen Treffen mit ihm sind für den türkischen Staatschef dabei innenpolitisch kaum riskant – anders als für westliche Staatschefs. Bis Ende 2030 wollen Russland und die Türkei ihr Handelsvolumen auf 100 Milliarden Dollar erhöhen.

Russland und die Türkei: Es ist kompliziert

Russland will außerdem den größten europäischen Gasknotenpunkt in der Türkei errichten, ein Handelsplatz für Energie der Energiegroßmacht – und gleichzeitig ein langgehegter Traum Erdoğans. Unter russischer Ägide entsteht zudem derzeit ein erstes, 20 Milliarden US-Dollar teures Kernkraftwerk in der Türkei, zwei weitere sind in Planung.

Verliert der Westen also gerade die Türkei als engen Handelspartner? „Kurzfristig hat die Orientierung gen Russland für die Türkei Vorzüge. Langfristig ist es aber nicht nachhaltig“, meint Yalçın. Es sei der Handel mit Europa, der der Türkei langfristig die meisten Arbeitsplätze verspricht. Auch Thilo Pahl von der AHK Türkei sagt: „Deutschland ist und bleibt weiterhin der wichtigste Exportmarkt für türkische Unternehmen.“

dpa/dtj