Al-Qaida-Massenausbruch in Abu Ghraib - ein Wendepunkt?

Einer der Schlüsselfaktoren im Zusammenhang mit der Situation in Syrien ist die Beteiligung von Al-Qaida-Kämpfern im Bürgerkrieg dieses Landes. Vor allem zwei Fragen sind hier angebracht: 1. Für wen kämpfen sie? 2. Würde irgendein Kampf, an dem sie teilnehmen, auch nur mit einem Anschein von Demokratie enden?

Während die Antworten auf diese Fragen immer noch in der Schwebe sind, wurden neue Nachrichten darüber verbreitet, dass mehr als 500 Al-Qaida-Führer und Mitglieder aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis im Irak ausgebrochen seien, wo sie seit dem Einmarsch der Amerikaner festgehalten worden waren. Dies war ein fragwürdiger Ablauf für Abu Ghraib, das als das höchststufige Sicherheitsgefängnis im Irak bekannt ist. Fluchten aus so einer Festung sind in einer so großen Zahl praktisch unmöglich, wenn diese nicht sorgfältig geplant und effektiv ausgeführt sind. Oder es sogar Mitwisser oder Helfer im Inneren gegeben hat. Mehr als 500 Mitglieder der Al-Qaida befinden sich in diesem Gefängnis, eine große Zahl von ihnen war zum Tode verurteilt worden. Deshalb wurde diese Gruppe auch unter verschärften Bedingungen in Haft gehalten.

Verdachtsmomente und Gerüchte kommen auf, dass das Phänomen Resultat einer geplanten Operation war. Damit taucht unweigerlich die Frage auf, von wem sie geplant wurde. Die Zahl der Beteiligten an diesem Ausbruch ist außergewöhnlich hoch und die Organisation, der sie angehören, ist weltweit berüchtigt für ihre Gewalt und ihren unerbittlichen Terrorismus.

Nicht ohne Unterstützung denkbar

Anhand der Größe der Operation muss man davon ausgehen, dass der Ausbruch das Resultat des Handelns einer hochqualifizierten Geheimdienstorganisation sein könnte. Doch die Wahl der Organisation und das Senden aller „befreiten“ Häftlinge nach Syrien, um am Bürgerkrieg in diesem Land teilzunehmen, deuten darauf hin, dass auch Beamte der irakischen Regierung daran beteiligt gewesen sein könnten.

Es besteht kein Zweifel darüber, dass die sicherheits- und die allgemeinpolitischen Auswirkungen dieser Operation sowohl über den Irak als auch über Syrien hinaus wirken werden. Diejenigen, die der Freien Syrischen Armee (FSA) Hilfe angeboten haben, könnten es sich jetzt zweimal überlegen, ob sie eine Widerstandsbewegung, welche möglicherweise Al-Qaida und deren zweifelhafte Zielen beinhalten könnte, unterstützen wollen oder nicht. Könnte nicht genau die Schaffung dieses Effektes das eigentliche Ziel einer solchen Operation sein?

Diejenigen, die die Operation ausgeführt haben, wollen zweifellos klarmachen, dass sie stärker sind als die irakische und syrische Regierung gleichermaßen und dass sie Ziele haben, die deren Horizont überschreiten. Ein anderes Ziel könnte sein, die Ziele der syrischen Opposition zu vernebeln und zu diskreditieren, indem man sie mit einer berüchtigten internationalen Terrororganisation in Verbindung bringt und so den Abbruch der Hilfe und Unterstützung an die FSA erreicht.

Wenn die Regierung des irakischen Ministerpräsidenten Nur Al-Maliki für diese Eskapade direkt verantwortlich sein sollte – eingedenk der Tatsache, dass Al-Qaida gerade für den Irak eine große Bedrohung ist – war er möglicherweise gezwungen, sich den Interessen einer größeren Macht zu beugen oder er verfolgt Interessen eigener Art. Dadurch wird seine Position aber auch im Irak selbst immer zweifelhafter.

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Die FSA gerät zwischen alle Stühle

Auch der Zeitpunkt der Eskapade ist interessant. Sie fand zu einer Zeit statt, als zwischen der irakischen Regierung und der syrischen Führung ein Bündnis geschlossen wurde. Tatsächlich schickte die irakische Regierung erhebliche materielle Hilfe, zusammen mit irakischen Freiwilligen nach Damaskus, um an der Seite der syrischen Berufssoldaten und regierungsloyalen Freischärler zu kämpfen. Unter den irakischen Freiwilligen gab es Djihadisten, die ein Ausmaß an Gewalt an den Tag legten, das jenem der Regierungstruppen in nichts nachsteht.

Diese Extremisten sind zudem dafür bekannt, eine andere Agenda zu haben, sie lautet „der globale Dschihad und das Kalifat“. Ihre Agenda ist eine andere als die der FSA, welche ihr Land von der Tyrannei und der Diktatur befreien will.

Wozu könnte diese Situation führen? Erstens könnten jene Parteien, die Al-Qaida als eine Bedrohung für ihre nationale Sicherheit sehen, in einen Konflikt mit Syrien hineingezogen werden. Zweitens könnte der Kampf der Kurden sowohl im Irak als auch in Syrien, angesichts der Abschwächung des Ansehens und der Stellung der FSA, noch legitimer werden. Syrische Kurden kämpfen gegen die Al-Nusra-Front, eine Splittergruppe der Al-Qaida, und werden so zunehmend wie eine Selbstverteidigungseinheit im Einklang mit der Befreiungsrhetorik der syrischen Opposition aussehen. Für die türkische Regierung wird es immer schwieriger werden, den Anspruch der syrischen Kurden auf Selbstverwaltung zu unterdrücken und offene oder verdeckte Unterstützung an Fraktionen, welche der Türkei in dieser Hinsicht helfen, zu gewähren.

Kurden als künftiger Verbündeter der Türkei?

Im Irak wird die kurdische Regionalregierung definitiv für sich eine Lehre ziehen, wie sehr sie der Regierung in Bagdad hinsichtlich ihrer Freiheit und hart erkämpften Autonomie vertrauen kann.

Ebenso wird die türkische Regierung mehr als nur einen Grund finden, ihren Eifer hinsichtlich der Unterstützung der syrischen Opposition insgesamt angesichts der Infiltrationsgefahr durch extreme Gruppen zu mäßigen – auch wenn eine Eindämmung der kurdischen Selbstverwaltungsambitionen dadurch immer schwieriger wird. Erste Anzeichen für ein Umdenken sind bereits zu bemerken: Saleh Muslim, der Führer der wichtigsten kurdischen Partei in Syrien, der Partei der Demokratischen Union (PYD), besuchte die Türkei und knüpfte Kontakte mit türkischen Beamten.

Autoreninfo: Doğu Ergil ist Dozent an der Fakultät für Politikwissenschaft der Fatih-Universität und Kolumnist bei „Today’s Zaman“.