der tukische Journalist Can Dündar

Noch vor einem Jahr kannte den Namen Can Dündar in Deutschland fast niemand. Das hat sich inzwischen spürbar geändert. Grund dafür ist die Hartnäckigkeit, mit der der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan ihn verfolgen lässt und der Mut Dündars, mit dem er dem widersteht. Can Dündar (55), Ex-Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet, wurde im November 2015 verhaftet. Wegen „Spionage und Verrats von Staatsgeheimnissen“ kam er ins Gefängnis, nachdem seine Zeitung über eine angebliche Waffenlieferung des türkischen Geheimdiensts nach Syrien berichtet hatte.

Drei Monate lang war er in Silivri hinter Gittern, isoliert von den tausenden anderen Häftlingen, die dort ebenfalls eingesperrt sind. Dann entschied das Verfassungsgericht, dass er zunächst freizulassen sei. Dündar hat versucht, aus seiner Haftzeit das Beste zu machen. Für ihn als Journalisten hieß das nicht zuletzt, über seine Erfahrungen im Gefängnis zu schreiben. Das Ergebnis ist ein Buch mit dem doppeldeutigen Titel „Lebenslang für die Wahrheit“, das gerade auch auf Deutsch bei Hoffmann & Campe erschienen ist.

Dündar wollte ausdrücklich kein Gefängnistagebuch vorlegen, es geht ihm nicht um das Alltagsleben hinter Gittern. Sein Motto lautet: Selbstfreflexion ja, Selbstmitleid nein. „Lebenslang für die Wahrheit“ ist nicht sein erstes Buch, aber das erste, das der promovierte Politikwissenschaftler mit der Hand schreiben musste, oft, bis der Schmerz nicht mehr zu ertragen war. Drei Kugelschreiber und mehrere linierte Hefte hat er dafür gebraucht, die letzten Kapitel entstanden nach seiner Entlassung.

„Ich würde diesen Kerker nach Kräften zum Mikrofon machen, soweit meine Stimme reichte“, war Dündars feste Absicht. Er hat etliche Briefe geschrieben, etwa an Kanzlerin Angela Merkel und den französischen Staatspräsidenten François Hollande. Er hat Kolumnen für seine Zeitung verfasst und Artikel für zahlreiche ausländische Medien. Und er hat regelmäßig Besucher empfangen – Anwälte und Parlamentsmitglieder in erster Linie.

Sein Buch erzählt von der Solidarität, die er erlebt hat, von Unterschriftensammlungen, die seine Freilassung forderten, Protestaktionen wie der „Wache der Hoffnung“, bei nicht nur Freunde und Bekannte Dündars vor dem Gefängnis Posten bezogen oder von der Berichterstattung in den Medien weltweit über seine Haft.

„Lebenslang für die Wahrheit“ ist ein überraschend positives Buch, dafür, dass es im Gefängnis entstand. Und auch ein sehr persönliches. Denn Can Dündar mag keine Politprosa. Er erzählt auch von ganz intimen Momenten, etwa wie er am Tag seines Prozesses im November 2015 mit seiner Mutter telefoniert, wie er nach dem Urteil seine Frau umarmt oder wie glücklich er ist, als er nach der Zeit im Gefängnis seinen Sohn in London trifft, den er schon Monate lang nicht mehr gesehen hat.

Seit Dündar seine Aufzeichnungen im Gefängnis beendet hat, ist viel passiert: Im Mai ist er zu mehr als fünf Jahren Haft verurteilt worden. Am Tag der Urteilsverkündung hat ein hasserfüllter Nationalist versucht, auf ihn zu schießen. Während des Putschversuchs im Juli war Dündar im Ausland. Nachdem die Regierung den Ausnahmezustand verhängt hat, hat er entschieden, nicht in die Türkei zurückzukehren und auch die Chefredaktion seiner Zeitung abzugeben.

Seine Frau kann er zurzeit nicht sehen – außer beim Skypen. Als sie vor kurzem von Istanbul nach Berlin fliegen wollte, nahm ihr die Polizei den Reisepass ab. In der Türkei hat währenddessen noch ein weiterer Prozess gegen Dündar begonnen. Diesmal wird ihm vorgeworfen, eine bewaffnete Terrororganisation unterstützt zu haben. Die Rückkehr in sein Heimatland ist damit ungewisser denn je. Im Westen Europas ist er zu einem Symbol des Kampfes für die Pressefreiheit geworden und hat eine Reihe von Auszeichnungen bekommen. Gerade erst ist seiner Zeitung Cumhuriyet der Alternative Nobelpreis zugesprochen worden. Man sieht schon: Es gibt genug Stoff für ein weiteres Buch. Hoffentlich kann Dündar es diesmal in Freiheit schreiben. (Andreas Heimann, dpa/dtj)