In der Gottesvorstellung der Muslime spielen die 99 schönen Namen Gottes eine wichtige Rolle. Die Islamwissenschaftlerin Kathleen Göbel stellt sie in ihrem neuen Buch „Gottes geheimer Name“ aus der Perspektive „einer Frau der modernen Zeit aus dem Westen“ vor. Sie sagt, dass es eine Verbindung von jedem Menschen zu Gott gebe und erklärt im Interview mit dtj-online die Rolle der Namen in der Mensch-Gott-Beziehung. Wir sprachen mit ihr über die Entstehung, die einzigartige Struktur und darüber, wie sie aus „traditionellen Materialien einen neuen Teppich“ gewoben hat.

Sie stellen in Ihrem neuen Buch 99 Namen Gottes vor und nennen es dennoch „Gottes geheimer Name“. Wieso?

Die islamische Weisheitslehre besagt: Einer Person, der es gelungen ist, all die 99 Namen so zu verinnerlichen, sodass sie in der Lage ist, sie zu „verkörpern“, wird der einhundertste Name zugänglich. Manche bezeichnen ihn auch als den „größten Namen“; ich habe ihn hier „geheim“ genannt. Auf der Stufe eines so hohen Einklangs mit dem göttlichen Willen wird es der Person möglich, als ein Kanal des Göttlichen zu fungieren und so Dinge zu bewirken, die Normalsterbliche üblicherweise nicht bewirken können.

Ist das Buch eine wissenschaftliche Studie mit neuen Erkenntnissen aus der Islamwissenschaft?

Das Buch hat ein wissenschaftliches Fundament, jedoch ist es keine akademische Fleißarbeit. Es enthält keine neuen Weisheiten – es gibt den Qur‘an, die Hadithe und über die Jahrhunderte hin genügend namhafte Kommentatoren, Lehrmeister, Gelehrte, Philosophen, Schriftsteller und Dichter, die ihre Beiträge geleistet haben, und was es zu dem Thema zu sagen gibt, ist bereits gesagt. Insofern liefert das Buch auch keine neuen Erkenntnisse.

Worin sahen Sie dann Ihre Aufgabe als Autorin?

Meine Aufgabe habe ich darin gesehen, das altbekannte authentische Material über die Namen Gottes behutsam und ohne etwas daran zu verändern, auf eine moderne Art und Weise zusammenzustellen. Und das im Duktus unserer Zeit und auf der Basis dessen, was ich von meinen Lehrern gelernt habe. In gewisser Weise habe ich mit vorhandenen traditionellen Materialien wie der Wolle, den Farben und dem Webstuhl ein neues Teppichmuster gewoben: das einer Frau unserer modernen Zeit aus dem Westen. Mit diesem Werk steht nun das wertvolle Material über die Namen Gottes auch deutschsprachigen Lesern zur Verfügung.

Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?

Das Schreiben an sich hat gar nicht so lange gedauert, aber kaum hatte ich damit vor acht Jahren begonnen, gab es plötzlich viele Hürden zu überwinden – nicht allein im Hinblick auf das Buch, sondern auch im Alltag. Und manchmal stand ich fast wieder am Nullpunkt. Aber ich bekam auch immer wieder Hilfe, und so habe ich nicht aufgegeben und die Hürden überwunden.

Mangel an Wissen auf beiden Seiten

Worin lag Ihre Motivation, trotz allem an dem Projekt festzuhalten?

Das Gefühl, einen Beitrag leisten zu können, der hier im Westen von enormer Bedeutung sein kann; gerade in einer Zeit, in der sich alles zuspitzt. Ich bin überzeugt, dass Wissen und Bildung wirkungsvolle Allheilmittel gegen all den Hass, die Gewalt und das Blutvergießen sind. Ich hatte immer wieder Gelegenheit festzustellen, dass es auf beiden Seiten – im Westen wie in der islamischen Welt – an Wissen sowohl über die Religion des Gegenübers als auch über die eigene mangelt.

Wie ist das Buch aufgebaut?

Jedem einzelnen der 99 schönsten Namen sind jeweils zu seinem Konzept passende Verse aus dem Qur‘an zugeordnet sowie Hadithe, Kommentare von Gelehrten der verschiedenen Rechtsschulen und ebenso Lehrgeschichten und Prosa von großen Lehrmeistern und Philosophen wie Jami, Hafiz, Rumi, Saadi, al-Ghazali, Ibn Arabi. Das schließt fröhliche Zeilen nicht aus, und so kommt zuweilen auch der weise Narr Mullah Nasrudin zu Wort.

Wie sind Sie mit den historischen und theologischen Differenzen, die es unter den Muslimen gibt, umgegangen?

In diesem modernen Buch stehen die aus unterschiedlichen Ansätzen resultierenden Widersprüche nebeneinander; sunnitische Aspekte neben schiitischen und hanafitische neben solchen von Bektaschis – ein buntes Kaleidoskop, in dem sich all das Gegensätzliche zu einem Gesamtbild fügt, das von Vielfalt und Toleranz zeugt. Solch ein übergeordneter Ansatz, der sich bemüht, verschiedene Rechtsschulen und Strömungen in ein und demselben Werk zu Wort kommen zu lassen, ist meines Wissens neu. Bislang haben die Gelehrten, die ja stets einer bestimmten Rechtsschule oder Doktrin angehörten, natürlich dann auch aus der Perspektive dieser Schule geschrieben. Ganz nebenher hat sich das Buch auch zum derzeit umfangreichsten Kompendium der kalligrafischen Darstellung entwickelt.

Gott hat aus muslimischer Sicht keine Grenzen und ist daher als Person für den Menschen unfassbar. Welche Rolle spielen die Namen Gottes für das Gottesverständnis im Islam?

Zunächst möchte ich hierzu den Schlusssatz des Buches zitieren:

Gott hat keine 99 Namen und auch keine 1000 Namen.

Die gesamte Schöpfung flüstert und schreitet und singt seine Namen.

Wer kann sie nennen, wer kann sie zählen?

Diese 99 Namen sind eine Auswahl aus Gottes zahllosen Namen, für deren Studium unsere Lebenszeit nicht ausreichen würde. Die 99 schönsten Namen Gottes sind fester Bestandteil eines gemeinsamen islamischen Erbes über konfessionelle und kulturelle Grenzen hinweg. Ihre Reihenfolge entspricht der ihres Vorkommens im Qur‘an. Al-Fatiha, die Sure, mit der der Qur‘an beginnt, nennt gleich drei der Namen Gottes: ar-Rahman, ar-Rahim, al-Malik. Jeder einzelne dieser Namen versinnbildlicht ein ganz bestimmtes Konzept. Jedes dieser Konzepte stellt einen Weg zur Annäherung an Gott dar und steht allen Menschen frei.

Was genau meinen Sie damit?

Diese Namen sind nicht nur für Muslime reserviert. Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt. Jeder einzelne der 99 schönsten Namen hat eine Entsprechung zum jeweiligen Zustand, in dem man sich zu einem bestimmten Moment befindet. Zu jeder Stufe, zu jeder Phase, in der sich ein Mensch gerade befindet, gibt es einen korrespondierenden Namen, der ihr mehr entspricht als ein anderer. Jeder dieser Namen kann ein Weg zu Gott sein. Eine „Telefonnummer“ – um es modern auszudrücken – die unter bestimmten Umständen in einem bestimmten Moment funktioniert, man „kommt durch“ und baut eine innere Verbindung zu Gott auf.

Innerer Blick auf den Islam dank vieler Reisen

Mit Ihrem westlichen Hintergrund gelingt es Ihnen, einen inneren Blick auf das Gottesverständnis der Muslime zu geben. Als Leser merkt man, dass es eine sehr persönliche Beschäftigung mit dem Thema ist. Woher kommt dieser innere Blick auf dem Islam?

Nach dem Abitur studierte ich an der FU in Berlin Germanistik, Psychologie und Islamwissenschaft und nutzte die Semesterferien, um verschiedene muslimische Länder zu bereisen und das an der Uni Erlernte auf die erlebte Realität loszulassen. Eine meiner Reisen führte mich Mitte der 1970er Jahre nach Istanbul und weiter durch Anatolien. Für damalige Verhältnisse eine Abenteuerreise und in gewisser Weise ein Kulturschock, weil ich erfuhr, wie all das, was zu der Zeit damals in Berlin unterrichtet wurde, kaum etwas mit den Quellenmaterialien zu tun hatte und noch weniger mit den Menschen und ihrem Alltag in der islamisch geprägten Region. So blieb ich fast ein Jahr lang in der Türkei und hatte das Glück, bei namhaften Lehrern dort – wie aber auch in anderen Ländern – studieren zu können. Zahllose Reisen folgten, sodass ich einen Teil meines Lebens in islamisch geprägten Ländern verbracht habe.

Welche Rolle spielen die Namen Gottes und seine Eigenschaften für die Interpretation der Natur aus Sicht des Islam?

Natürlich kann die Betrachtung der Natur auch ein Weg zur Annäherung an Gott sein. Der Qur‘an nimmt an vielen Stellen Bezug auf die Natur wie auf die Schöpfung des Lebens, die Bedeutung der lebenserhaltenden Elemente wie Luft und Wasser, auf die Ordnung und die Gesetzmäßigkeiten der Natur wie Wolken, Regen und Berge, die dem Menschen nützlich sind.

Aber er nimmt auch immer wieder Bezug en detail: So tragen viele Suren Titel wie z.B. „Die Kuh“, „Die Biene“, „Die Sterne“ oder „Die Ameise“. Zahlreiche Verse berichten von Begebenheiten zwischen den Propheten und Tieren. Als ein exemplarisches Beispiel gilt die Geschichte vom König und Propheten Salomo, der in all seinem Prunk und seiner Macht mit den wirklich großen Dingen dieser Welt befasst, jedoch davon doch nicht so eingenommen war, als dass er umsichtig genug war, nicht auf eine Ameise zu treten, die versuchte, ihr Volk vor dem Zertrampelt werden zu retten. Er befahl seinem gewaltigen Heer anzuhalten und dankte Gott für all die Gaben, die Er ihm gewährt hatte.

Islamwissenschaftlerin Kathleen Göbel hat sich mit den schönsten Namen Gottes befasst.

Die Natur ist demnach kein Objekt, welches der Mensch nach Lust und Laune ge- und verbraucht, sondern ein Buch der göttlichen Allmacht und Barmherzigkeit. Verpflichtet uns diese Betrachtung nicht zu Respekt vor der Natur?

Ja, es ist Respekt und zugleich Dankbarkeit. Beides sind wichtige Schlüsselwörter hinsichtlich unserer Beziehung zu Gott und zur Natur. Ein aktuell weltweit diskutiertes Thema ist der respektlose und verschwenderische Umgang mit der Natur. Der Qur‘an nimmt in Ayat 30:41 Bezug darauf:

Unheil ist auf dem Festland und auf dem Meer erschienen aufgrund dessen, was die Hände der Menschen erworben haben. Dies möge ihnen einen Vorgeschmack einiger ihrer Taten geben, auf dass sie umkehren mögen.

In dem Buch finden sich neben fundiertem theologischem Wissen auch viele Geschichten und Anekdoten. Welches ist Ihre „Lieblingsgeschichte“?

Nun ja, der Bereich der Vorlieben ist ja doch einem gewissen Wechsel unterworfen… Dennoch möchte ich gern auf die Geschichte vom Propheten Salomo und Bilqis, der Königin von Saba, eingehen. Eine zauberhafte Liebesgeschichte, die angebahnt wurde vom HudHud (im Deutschen: Wiedehopf); eine lange Geschichte, die tiefe Einblicke in mystische Bereiche gibt. Es sind wenige und kurze Ayats, die so verdichtet sind, dass sie ausreichen, selbst höchst subtile Vorgänge zwischen Salomo und Bilqis aufzuzeigen. Er empfängt sie mit allen Eh­ren, wie es unter Königen Brauch ist, stellt sie aber vor verschiedene Herausforderungen, die sich auch um das Thema Täuschung und „Ent“-Täuschung drehen. Sie be­steht und er lädt sie ein, ihm in seinen prächtigen Palast zu folgen. Dort gelangt sie in einen Raum, auf dessen gläsernem Pflaster das Licht funkelt, sodass sie glaubt, es wäre Wasser in einem Becken und ihre Gewänder schützt, weil ihre bloßen Beine zu sehen sind. Salomo korrigiert den Irrtum und sie räumt souverän und freimütig ein, geirrt zu haben:

Mein Herr, ich habe mir selbst Unrecht getan, aber nun erge­be ich mich zusammen mit Salomo Gott, dem Herrn der Welten!“ (27:44)

Ibn ‚Arabi weist in seinem Kommentar zu dieser Qur‘an-Stelle ausdrücklich darauf hin, dass sich Bilqis mit Salomo, d.h. gemeinsam an seiner Seite und gleichgestellt mit ihm Gott unterwarf.

Warum liegt Ihnen diese Geschichte besonders am Herzen?

Diese Geschichte, die ein Frauenbild spiegelt, das von dem im Westen bekannten Klischee abweicht, eignet sich auch, um auf die Übersetzungsproblematik hinzuweisen, die unnötig Hürden für eine Person aufbaut, die nach Fakten sucht: Warum ist in den meisten deutschen und englischen Übersetzungen die Rede von Bilqis Schenkeln, Unterschenkeln, Schienbeinen und Waden, wo doch im arabischen Text eindeutig „Beine“ (الساقين) steht. Welchen Grund gibt es, nicht schlicht und einfach das zu übersetzen, was zweifelsfrei auf dem Papier steht? Dies ist ein einfaches Beispiel und es verfälscht hier nicht allzu viel vom ursprünglichen Sinn, aber durch die Verwendung von detaillierteren Körperbezeichnungen wie „Waden“, Schenkel“ etc. anstelle des neutralen „Beine“ wird die Assoziation zu einer moralisierenden Lesweise provoziert. Es wird suggeriert, dass sie Unrecht getan habe, indem sie ihre nackten Waden zeigte. Das subtile Thema Täuschung / „Ent“-Täuschung wird so – bedauerlicherweise – verdrängt, denn sie ergibt sich Gott ja aufgrund einer Einsicht (27:44) und nicht etwa aufgrund einer moralischen Verfehlung.

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