Das Malatya-Massaker und die „White forces“

Von Orhan Kemal Cengiz*

Es gibt in der Türkei Geschichten und Begebenheiten, von denen man denken würde, nur ein meisterhafter Regisseur oder Autor könnte sie erzählen, ohne zwangsläufig den Eindruck zu erwecken, sie wären zu dick aufgetragen oder übertrieben. Gibt man sie exakt so wieder, wie sie sich zugetragen hatten, wirken sie auf den unvoreingenommenen, nicht mit der Situation in der Türkei vertrauten Zuhörer surrealistisch und im besten Fall in höchstem Maße kreativ. Und doch sind sie mitten aus dem Leben gegriffen.

Lassen Sie mich Ihnen ein bezeichnendes Beispiel dafür geben: Stellen Sie sich vor, Sie sehen einen Film über die Türkei, der von einem türkischen Regisseur gedreht worden ist. Ein türkischer Feldwebel infiltriert auf Grund von Befehlen, die er von seinen Vorgesetzten erhalten hat, eine christliche Gemeinde. Er gibt sich als neugeborener Christ aus, besucht Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen, bringt sich ins Gemeindeleben ein. In kurzer Zeit wird er von der christlichen Gemeinde als vollwertiger Bruder akzeptiert, er beginnt mit missionarischen Aktivitäten im ganzen Land und verteilt Tausende von Bibeln auf den Straßen, in Geschäften und an anderen Orten. Er lädt Türken zum Christentum ein.

Damit nicht genug. Er wird zu einer der führenden Persönlichkeiten innerhalb der christlichen Gemeinschaft, in die er eingedrungen war, später wird er Pastor und gründet seine eigene Kirche. Doch dann kommt ein weiterer Befehl durch seine Kommandeure. Sie setzen ihn darüber in Kenntnis, dass er die erste Phase seiner Mission erfolgreich abgeschlossen hätte und dass er nun wieder ein Muslim sein müsse. Und dies müsse er auch öffentlich kundtun.

Gezielte Lynchstimmung erzeugt

Er erscheint auf einem TV-Kanal nach dem anderen und erklärt, er sei erleuchtet worden, er habe das „hässliche“ Gesicht der Christen erkannt und sei deshalb wieder zu einem Muslim geworden. Nach seinen dramatischen Auftritten auf den TV-Kanälen beginnt eine intensive, mit allen Mitteln der Massenpsychologie inszenierte Hetzkampagne gegen Christen in der gesamten Türkei. Diese Kampagne gebiert eine regelrechte Lynchstimmung – und aus dieser heraus entstehen körperliche Angriffe und Morde.

Ich bin sicher, wenn Sie dies alles auf einem Bildschirm gesehen hätten, würden Sie sagen, dass der Film zu einem großen Teil übertreiben würde. Sie irren sich. All diese unglaublichen Dinge sind tatsächlich geschehen, und zwar in der Türkei von 2005 an.

Ilker Çınar (Foto), einer der wichtigsten Zeugen im Fall des Massakers vom Zirve-Verlagshaus, das den brutalen und tragischen Mord an drei Missionaren im Jahr 2007 in Malatya betrifft, zeigte all dies auf und erklärte im Detail, wie er die türkische öffentliche Meinung in der Vergangenheit manipuliert hatte. Wie authentisch seine Erklärung ist, wird sich selbstverständlich erst am Ende einer Gerichtsverhandlung zeigen. Allerdings wissen wir jetzt bereits, jenseits auch nur des leisesten Schattens eines Zweifels, dass einige der wichtigsten Elemente seiner Erzählung unbestreitbar wahr sind.

Zunächst einmal sahen wir diese dramatischen TV-Auftritte alle mit unseren eigenen Augen. Und dann sind die Dokumente in den Gerichtsakten einsehbar, die zeigen, dass Çınar Gehälter aus dem Generalstab sowohl während seiner missionarischen Tätigkeit als auch während jener Zeit erhielt, als er auf TV-Sendern erklärten, dass er wieder ein Muslim werde und wie schlimm denn die Christen nicht wären.

Medien als Teil der militärischen Befehlskette

Çınar sagte, alle Aufträge, die er erhielt, hätten ihn in verschlossenen Umschlägen oder per Telefon erreicht. Er erzählte der Staatsanwaltschaft und dem Gericht in seinen Aussagen sehr interessante Details. Er sagte, dass er zeitnah nach Eingang jedes Befehls, auf einem bestimmten TV-Kanal zu erscheinen, eine Einladung von dem genannten TV-Kanal erhalten hätte. Offenbar hatten die Kommandeure, die ihm die Befehle gaben, so viele verlässliche Freunde in den Medien, an den Universitäten und an vielen anderen wesentlichen Stätten des Einflusses auf die öffentliche Meinungsbildung, dass es ihnen möglich war, jederzeit für öffentliche Auftritte an beliebigen Orten zu sorgen. Ihr Netzwerk war so effizient, dass sie in der Lage waren, während der Primetime TV-Programme auf den meisten populären TV-Kanälen zu organisieren, sobald ein Feldwebel das wünschte.

Ich erinnerte mich wieder an all diese Geschichten, als ich einen Bericht der parlamentarischen Untersuchungskommission zu den Militärputschen las. Der Bericht lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Abteilung für spezielle Kriegsführung, die mit vielen Grausamkeiten der Vergangenheit verbunden war, beginnend mit den Pogromen gegen Nichtmuslime in Istanbul vom 6.-7. September 1955. Diese Abteilung war – ähnlich wie die unter dem Schlagwort „Gladio“ bekannt gewordenen Untergrundorganisationen in anderen Ländern Europas – während der 50er-Jahre gegründet worden, um einer möglichen sowjetischen Invasion gegenzusteuern.

Tatsächlich steht sie aber im Verdacht, im Laufe der Jahrzehnte bis zum Zusammenbruch des Warschauer Paktes an vielen Gräueltaten gegen Zivilisten beteiligt gewesen zu sein.

Bestanden alte „Gladio“-Seilschaften fort?

Eines der besonders interessanten Details in diesem Bericht besagt, dass die geschätzte Zahl der an diesem Netzwerk beteiligten Personen über 100.000 liegt. Diese Menschen seien aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens rekrutiert worden, von Händlern und Bauern bis hin zu Ärzten und Journalisten – man nannte sie „White forces“. Es entstand eine versteckte Armee, deren Ziel es war, zivilen Widerstand gegen jede Invasion zu führen. Anscheinend aber begann diese Abteilung, ein schmutziges Eigenleben zu entwickeln und ihr gelang es sogar, viele dieser bürgerlichen Elemente in ihre Schattenaktivitäten zu involvieren.

Interessanterweise erwähnte Çınar auch genau diese sogenannten „White forces“ in seiner Erklärung im Zusammenhang mit der psychologischen Kriegsführung gegen Christen. Stelle ich all diese Geschichten und Informationen nebeneinander, kommen immer mehr neue Fragen auf. Könnten diese Leute, die Çınar eingeladen hatten, im Fernsehen aufzutreten und die Konferenzen für ihn an den angesehensten Universitäten in der Türkei zu organisieren und all die anderen Dinge anzuordnen und zu inszenieren, ein Teil dieser „White forces“ sein? Es gibt so viele andere Fragen, die gestellt werden, und ich hoffe, wir werden in der Lage sein, zumindest einige von ihnen in naher Zukunft zu beantworten.

* Cengiz ist Kolumnist bei „Todays Zaman“