Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.

MEINUNG Erdoğan und Niveau, Erdoğan und Sittlichkeit, Erdoğan und Anstand: Mit jedem Tag, der vergeht, wird es schwieriger, Erdoğan und diese Begriffe nebeneinander zu bringen.

Traurig, aber wahr! Denn Erdoğans Benehmen lässt zunehmend Manieren vermissen. Inzwischen fallen nicht nur die Inhalte seiner Reden dürftig aus, sondern auch seine Umgangsformen entsprechen nicht mehr jenen eines Ministerpräsidenten.

Was noch schlimmer ist: Dieser Niveauverlust führt tagtäglich zu starken Spannungen und einer Polarisierung der türkischen Gesellschaft. Es führt zu einer explosiven Stimmung innerhalb der Gesellschaft und Politik.

Auch bei den Gezi-Protesten ist es so gekommen. Der Nährboden für die Gezi-Proteste wurde nicht etwa durch „ausländische Kräfte“ oder „schmutzige Banden“ geschaffen, sondern eigenhändig durch Erdoğan selbst.

Es war die Respektlosigkeit Erdoğans als Regierungschef gegen verschiedene Lebensstile und Freiheiten, die vor einem Jahr zum Gezi-Widerstand geführt haben.

Erdoğans Reaktion auf Cem Özdemir

Nichtsdestotrotz lässt sich Erdoğan nicht beirren. Die polarisierende Art hat er sich längst als Politikstil angeeignet. Er glaubt außerdem, dass dieser Stil bei seinen Wählern gut ankommt.

Tayyip Erdoğan hat eines dieser schlechten Beispiele zuletzt im Fall von Cem Özdemir vorgelegt. Der Grünen-Vorsitzende Özdemir kritisierte die Köln-Rede des Ministerpräsidenten Erdoğan. Er sagte:

„In den letzten Jahren gab es eigentlich ein durchaus positives Bild über die Türkei. Doch dieses Bild hat sich komplett gewendet und ein negatives Bild ist entstanden. Erdoğan hat sich zum Symbol dieses Bildes entwickelt. Er macht seine eigenen Erfolge aus der Vergangenheit eigenhändig zunichte. Seine Kritiker vergleichen ihn zum Teil mit Adolf Hitler und übertreiben damit. Der Vergleich mit Putin wäre angemessen, weil Erdoğan die Türkei wirklich in ein autoritäres Land verwandelt hat. Früher gab es die Polarisierung zwischen Türken und Kurden oder Konservativen und Linken. Aber heute hat man die Sorge, Erdoğan-Anhänger und seine Gegner könnten aufeinander losgehen. Es gibt nichts mehr, was man an Erdoğan noch verteidigen könnte. Selbst die tolerantesten Gruppen in Deutschland haben sich von ihm abgewendet. Erdoğan hat Deutschland zu einhundert Prozent verloren.“

„Du musst deine Grenzen kennen“

Die Reaktion des Ministerpräsidenten Erdoğan auf die Kritik von Özdemir war nun folgende: „Ein angeblicher Türke in Deutschland… Er ist dort der Bundesvorsitzende einer Partei…  Wer zum Teufel bist du? Was für ein Demokrat bist du? … Du musst deine Grenzen kennen!“

Sollte sich ein Ministerpräsident so verhalten? Er versucht, jedem seine Grenzen aufzuzeigen. Er scheut sich nicht davor, den erfolgreichen Vorsitzenden einer wichtigen deutschen Partei als „angeblichen Türken“ anzusprechen. Das ist unvorstellbar!

Er hat immer das letzte Wort

Was gut für die Nation ist oder nicht, entscheidet er… Wenn er ihm nicht gefällt, erklärt er auch schon mal einen Beschluss des Verfassungsgerichts für unpatriotisch.

Er mischt sich in die Rocklänge der Frauen ein…  Er bestimmt, welches Getränk die Leute trinken sollen… Er gibt Frauen Empfehlungen, wie viele Kinder sie bekommen sollen.

Wer Kolumnist wird, wer in TV-Sendungen auftreten darf, wer Vorsitzender des Staatsrates wird, wer den Zuschlag für eine Ausschreibung bekommt, wer Chef einer Zeitung wird, wer festgenommen und freigelassen wird: Alles wird von ihm entschieden und er hat immer das letzte Wort.

Wenn man diese Mängel im Namen der Demokratie kritisiert, dann wird man von ihm angegriffen und als Spion abgefertigt.

Wenn man als Journalist tagaus tagein damit beschäftigt ist, solch einen unverschämten Politiker zu kommentieren, geht das nicht spurlos an der Psyche eines Menschen vorbei.

Man kann sich kaum bändigen.

Genauso habe ich mich gefühlt, als Tayyip Erdoğan Cem Özdemir als „angeblichen Türken“ bezeichnete ansprach und ihn belehren wollte, seine Grenzen nicht zu überschreiten.

Als ich das hörte, wollte ich eine Kolumne verfassen, die mit folgenden Sätzen beginnt:

„Erdoğan! Wer zum Teufel bist du? Du musst deine Grenzen kennen!“

Aber man sagte mir: „Begib Dich nicht auf sein Niveau. Sei nicht so wie er.“

Und ich habe mich umstimmen lassen.

Autoreninfo: Hasan Cemal begann seine journalistische Karriere 1969 in der wöchentlichen Zeitschrift Devrim. Zwischen 1981 und 1992 war er Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet. Später landete er über die Zwischenstation Sabah bei Milliyet, für die er von 1998-2013 tätig war. Ein Erdoğan-kritischer Artikel führte zu seiner Kündigung. Seitdem schreibt er für T24, aus der auch der obige Artikel stammt.