Deutsch-türkischer strategischer Dialog in Berlin

Die Veranstaltung „Strategischer Dialog Deutschland-Türkei“, welche kürzlich in Berlin stattfand und von der türkischsprachigen Zeitung Zaman Europa in Zusammenarbeit mit den Universitäten Humboldt-Viadrina und Ankara Hacettepe organisiert wurde, behandelte die innenpolitische Situation in der Türkei und ihre Beziehungen zur Europäischen Union. Die Teilnehmer kamen zu dem Ergebnis, dass die wechselseitigen Beziehungen einen Neustart benötigten.

Neben dem türkischen Botschafter in Berlin, Hüseyin Avni Karslıoğlu, nahmen auch Wissenschaftler, Beamte und Journalisten aus der Türkei sowie aus Deutschland daran teil. Unter den mehr als 50 Teilnehmern befanden sich unter anderem die junge CDU-Abgeordnete Cemile Giousouf und der Abgeordnete und Vorsitzender der Jugendorganisation der türkischen Oppositionspartei CHP, Prof. Aykan Erdemir. Die Moderation der Sitzung übernahm Dr. Michael Thumann, Nahost-Korrespondent der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Potenzial der Einwanderer wird nicht ausgeschöpft

Der türkische Botschafter Karslıoğlu verwies in seiner Rede auf das 250-jährige Jubiläum der deutsch-türkischen Beziehungen und das tief verwurzelte Verhältnis der beiden Länder zueinander. „Der Dialog ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Wir hoffen, dass mit der neuen Regierung Schritte folgen, um die deutsch-türkischen Beziehungen weiterzuentwickeln. In Deutschland haben wir 3,5 Millionen Bürger mit türkischen Wurzeln. Ihre Erfahrungen sowohl in Deutschland als auch in der Türkei werden von beiden Ländern mit großem Interesse verfolgt. Wir verfügen über enge Beziehungen in Sport, Politik, Wirtschaft und Kultur“, so Karslıoğlu.

Es war das erste Mal, dass in Deutschland Intellektuelle und Experten beider Länder in dieser Form zu einer Sitzung dieses Formats zusammenkamen, um über die wechselseitigen Beziehungen zu sprechen, unterstrich Dursun Çelik, der Chefredakteur der Zaman Europa: „Bisher wurde an unterschiedlichen Orten über das Thema der Beziehung beider Länder immer nur gesprochen. Nun kommen jedoch zum ersten Mal aus beiden Ländern Experten, Wissenschaftler und Journalisten zusammen und diskutieren gemeinsam über die momentane Situation und Schritte, die man in der Zukunft unternehmen könnte.“ Außerdem machte Çelik darauf aufmerksam, dass die in Deutschland lebenden Einwanderer das Land bereichern und die Türken in Deutschland, wenn deren Potenzial ausgeschöpft wird, sowohl der Türkei als auch Deutschland außerordentlich großen Nutzen bringen könnten.

Gegenseitiger Interessenverlust

Der Türkei-Experte der Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin, Dr. Günter Seufert, erklärte, dass die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU sich verschlechtert hätten: „Die heutige türkische Regierung hat ihr Interesse an der EU verloren. Doch die EU hat aufgrund ihrer negativen Botschaften an die Türkei eigentlich von sich aus ihren Einfluss auf die Türkei verloren.“ Seufert meint, dass in Europa die Mitgliedschaft der Türkei falsch verstanden werde. Man müsse in Europa die Mitgliedschaft vom Prozess der Mitgliedschaft unterscheiden können und dies der Bevölkerung mitteilen.

Beide Seiten sollten ihr Geschichtsbild nochmals überprüfen

Während der Sitzung wurde auch das Thema der historischen und kulturellen Aspekte der deutsch-türkischen Beziehungen behandelt. Prof. Onur Bilge Kula, der das Image des Türken und Muslimen in der europäischen Literatur und Kultur untersucht und dazu zahlreiche Forschungsarbeiten veröffentlicht hat, deutete an, dass auf beiden Seiten wechselseitige Vorurteile und Unwissenheit herrschen, weswegen die Geschichtsbücher beider Seiten dringend überarbeitet werden müssten.

Mustafa Altaş, Leiter der World Media Gruppe, bedankte sich bei den Teilnehmern im Namen des Unternehmens und betonte, dass er die in Deutschland lebenden 3,5 Millionen türkischstämmigen Bürger als wie eine Brücke fungierend sehe und die World Media AG als Medieninstitution zunächst einmal viele Bildungsprojekte mit Blick auf die türkischen Bürger in Deutschland durchführen würde und werde. Altaş zufolge sei die Akzeptanz der Einwanderer in Deutschland sehr wichtig. Die Tatsache, dass die in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Jugendlichen immer noch als „Migranten“ und „Deutsche mit Migrationshintergrund“ definiert werden, könne keine Vorteile bringen. Altaş hofft in der Zukunft auf ein noch besseres Niveau der deutsch-türkischen Beziehungen und wird versuchen, dazu auf die bestmögliche Art und Weise beizutragen.