2013 … damals, als es das „Vielfalt“-Wort noch nicht gab… „Damals“, als ich über jene schrieb, die heute als Pioniere Deutschlands gelten. Jene, die das Land veränderten. Und „neudeutsche“ Kinder gebaren.

2013 hatte ich anlässlich des 40-jährigen Anwerbeschluss der GastarbeiterInnen einen Artikel verfasst. Nun möchte ich die Gelegenheit nutzen, um diesen hier zu veröffentlichen. Da – wo es in meinem Blog auf DTJ doch um Heimat_en gehen darf. Da – wo ich über Begegnungen und Menschen – die Personen sind – schreiben möchte. Da – wo ich über Alltagsheldinnen und Alltagshelden schreiben möchte; Akteure in den Mittelpunkt meiner nebeneinandergereihten Worte stellen darf – um diesen Worten, die ich für ausgewählte Pioniere auswähle, und somit deren und dessen Taten Ausdruck zu verleihen! (Exemplarisch geht es hauptsächlich um die türkischen GastarbeiterInnen.)

Und nun; darf ich vorstellen! Hier der Text:

 „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen“,

sagte einst Max Frisch, der große Schweizer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Als 1961 das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei unterzeichnet wurde, ging die BRD davon aus, dass die gerufenen Arbeitskräfte kommen, die Wirtschaft ankurbeln und wieder gehen. Auch die Kommenden dachten das. Jedoch betont Max Frisch mit seinem Zitat, dass es keine Maschinen waren, die nach Deutschland kamen. Dass es nicht so einfach ist, mal irgendwo hin zu ziehen, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sich einzurichten – auch wenn es erst einmal in Barracken stattfand, Kinder groß zu ziehen und dann diese hier errichtete neue Heimat zu verlassen. Klar fühlte sich die erste Generation hier in Deutschland sicherlich nicht heimischer als in der Türkei. Dennoch fiel es ihnen offensichtlich nicht so einfach, wieder zurück zu kehren. Was sind die Gründe hierfür? Was für Konsequenzen hat das für Deutschland?

GastarbeiterInnen DTJ Elifcansu Güler Heimaten

Thilo Sarrazin nennt in seinem im Jahre 2010 erschienenen Werk „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“[1] Gründe für die Desintegration vor allem der türkischen und arabischen Migranten – Menschen (!) wie sie von Max Frisch bezeichnet werden. Was tat Deutschland denn für die Integration dieser „Gast-“ und dann „Nicht-mehr-Gast-Arbeiter“? Geht es Sarrazin vor allem nur um die erste Generation, die sich laut ihm nicht integrieren konnte? Oder geht es um die Folgegeneration, mittlerweile (-generation)–nen. Im Gegensatz zu Sarrazin zählt Michael Blume in einem Zeitschriftenartikel nämlich auf, wie sich junge Muslime, zu diesen u.a. die türkischstämmigen Einwanderer zählen, sich sehr wohl in Deutschland integrieren konnten.[2] Wie kann das sein, das Blume auch Menschen aus der ersten Generation als integriert bezeichnen kann?

„Du bist DEUTSCH? Sowas gibt’s hier in Deutschland noch?!“

Fragen über Fragen, die heute mit einem Schmunzeln auch rhetorisch verstanden und schon beantwortet werden können. Denn wir leben in einem Jahrhundert, in dem das Thema Integration, Migration, Generation über Generation jedem in Deutschland schon mal begegnet ist. Begegnet sein muss. Beim Kennenlernen anderer Arbeitskollegen, stelle man sich gegenseitig die Frage, woher man denn ursprünglich komme. „Als die eine Kollegin meinte, sie sei Deutsche, wurde nachdrücklich gefragt, ob sie wirklich eine „ganze Deutsche“ sei.“ Wahrscheinlich meinte man mit heutiger Bezeichnung „Bio(graphie)-Deutsche“. Aber „dass es sowas noch gibt. Hier in Deutschland?!“, verwundert die KollegInnen schon.

Vielleicht stellt man sich auch manchmal die Frage, warum die nur als Gast gekommenen Arbeiter, die sogenannten „Gastarbeiter“ (und die Gastarbeiterinnen (!)) nicht wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt sind, oder weshalb GastarbeiterInnen nicht GastarbeiterInnen geblieben sind. Inwiefern konnten sich die GastarbeiterInnen denn nun integrieren, und ab wann gilt man bzw. Türke als integriert? Deckt sich die Definition von Integration der „Bio-Deutschen“ mit der von „Deutschtürken“?! – Nein, leider nicht. Aber vielleicht schließt der Begriff „Neudeutsch“ beide mit ein?

Mir kommt es manchmal so vor, als würden vor allem „Bio-Deutsche“ manchmal Integration mit Assimilation verwechseln – wo diese doch als so präzise im Umgang mit der Semantik von Begriffen auftreten…

Integration vs. Assimilation

Hier ein Versuch der Definition von Integration aus dem Integrationskonzept Augsburgs (-schon mal gut, dass es überhaupt solche Konzepte gibt): „Integration bedeutet das konstruktive Miteinander der Menschen aller Gruppenzugehörigkeiten in Augsburg, gleich welcher ethnischen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeit, gleich welcher Lebensweisen (Milieus), Lebensformen und Generationen. […]“[3]. Andere definieren Integration als die Entwicklung einer physischen und psychischen Gebundenheit an das Land, in das migriert wird. Es besteht noch ein Freiraum, in welchem die eigene Kultur, Religion oder Lebensweise beibehalten werden kann.

Anders ist es bei der Assimilation.

Assimilation bedeutet die Angleichung an einen Zustand, bzw. das Angleichen der kulturellen bzw. religiösen Werte an die Werte des Landes, in das migriert wurde. Ferner wird Assimilation folgendermaßen definiert: Assimilation (auch Assimilierung) bezeichnet (…) die Verschmelzung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen miteinander, wobei eine Unterscheidung von individueller Assimilation und der Assimilation von Gruppen für das Verständnis der Prozesse auf gesellschaftlicher Ebene grundlegend ist.“[4]

Deshalb auch das Bestreben vieler DeutschtürkInnen, sich nicht zu assimilieren, sondern zu integrieren. Der Grund der Aufregung über das Sich-Nicht-Assimilieren-Wollens liegt vor allem daran, dass man diese zwei Begriffe nicht differenziert genug im Hinterkopf zu behalten vermag.

Remigration von ErfolgstürkInnen

Solange jedoch eine Assimilation gefordert wird, werden sich die zum Großteil andersgläubigen (mittlerweile) Deutschen hier in Deutschland nicht wohlfühlen. Die anfänglichen Probleme kultureller Fremdheit, wie beispielsweise anfangs das fremde deutsche Essen ohne südländische Gewürze, haben an Bedeutung verloren. Heute gibt es schon allerlei Dinge aus der türkischen Heimat in der Bundesrepublik Deutschland. Sportvereine, türkische Kleidungsläden, türkisches Kino, türkische Medien, türkisches Essen, türkische Gemeinden und Moscheen bzw. Gebetseinrichtungen. Sogar „Gastarbeiterdeutsch“ gibt es mittlerweile :-) …  Doch dennoch gibt es eine Welle von Remigranten unter den deutschen AkademikerInnen, die türkische Wurzeln haben. Dies hängt damit zusammen, dass viele der akademischen Remigranten der Meinung sind, bessere Aufstiegschancen in der Türkei zu haben. Auch aus wirtschaftlich günstigen Gründen wird immer häufiger remigriert. Aber so heimatlich kommt es den RemigrantInnen in der Türkei auch nicht mehr vor. Nicht grundlos gibt es heute auch schon „Reintegrationskurse für hoch qualifizierte Rückkehrer.“[5]

Viele der dritten Generation schlossen bis vor wenigen Jahren eine Rückkehr in die Türkei aus. Gründe dafür sind auch, dass bisher der wirtschaftliche Aufschwung in der Türkei ausgeblieben ist und die Arbeitslosenzahl weiterhin nicht gesunken ist. Zudem gab es im Jahre 1980 einen Militärputsch, vor dem Oppositionelle und viele Kurdinnen und Kurden in die Bundesrepublik Deutschland flüchteten. Nach und nach macht die Türkei sowohl wirtschaftliche, als auch demokratische Fortschritte, weshalb die dritte Generation zunehmend eine Remigration nicht mehr ausschließt.

Die Remigration bringt mich zum Nachdenken und zu folgendem Ergebnis: Wenn Deutschland – damit meine ich die Regierung, das Volk, AkademikerInnen und Arbeitende, und vor allem auch Schülerinnen und Schüler – nicht erkennt, welche Potenziale es dadurch verliert, werden es bald immer weniger gut ausgebildete, integrierte, aber nicht-assimilierte Deutsche mit nicht-deutschem Hintergrund geben.

Integration leben, statt nur darüber zu reden

So stellt die Remigration kein Hindernis zur Integration dar, die sowohl von der Regierung aus gefördert werden, als auch von Türkischstämmigen verinnerlicht werden muss, indem durch die Rechts- und die Sicherheitslage der Bundesrepublik Deutschland Partizipation am politischen und gesellschaftlichem Leben ermöglicht wird, und andererseits diese Möglichkeiten des Engagements für die Gesellschaft von DeutschtürkInnen genutzt werden, so wie viele Beispiele es zeigten. Judith Conrady sagt ganz zu Recht, dass die Negativ-Zeilen leider viele Erfolgsgeschichten ausblenden. Zu nennen seien Namen wie Cem Özdemir, Serdar Somuncu, „der sich als türkischer Staatsbürger an Hitlers Mein Kampf heranwagte und mit einer Lesung aus dem Machwerk auf Tournee ging. Sein Ziel: Die Lächerlichkeit des Geschriebenen zu offenbaren.“ Auch nennt Conrady Kaya Yanar, „der mit seiner Comedy-Sendung Was guckst Du?! viel zur Entkrampfung des Verhältnisses zwischen Deutschen und MigrantInnen beitrug – und die Fernsehzuschauer ganz nebenbei so zum Lachen brachte, wie es nur wenigen anderen gelingt.“[6]

Wichtig ist, nicht so viel über Integration zu sprechen, sondern es zu leben.

Und last but not least: Hier zwei Fotos von den mir wichtigsten GastarbeiterInnen: Mama und Papa, die sich hier in Deutschland kennenlernten… Ich liebe und bewundere euch!!!

Zeynep Güler_Gastarbeiterin mit 25 in DTLD aufgenommenes Bild. Cansu Güler_ DTJ

Emrah Güler_Gastarbeiter in DTLD aufgenommenes Bild. Cansu Güler_ DTJ-001

Erste Fassung geschrieben am 15. Mai 2013. Bearbeitet am 04. Januar 2015.

Auswahlbibliographie zum Thema Migration (Stand Mai 2013)

Bade, Klaus J. (Hg.): Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. München 1992

Von Oswald, Anne und Schmidt, Barbara: „Nach Schichtende sind sie immer in ihr Lager zurückgekehrt…“. Leben in „Gastarbeiter“-Unterkünften in den sechziger und siebziger Jahren, in: Motte, Jan / Ohliger, Rainer / von Oswald, Anne (Hg.): 50 Jahre Bundesrepublik 50 Jahre Einwanderung. Nachkriegsgeschichte als Migrationsgeschichte. Frankfurt, New York 1999.

Müller, Helmut M.: „Schlaglichter der deutschen Geschichte“. Bonn 2007.

Jamin, Mathilde: Fremde Heimat. Zur Geschichte der Arbeitsmigration aus der Türkei, in: Motte, Jan / Ohliger, Rainer / von Oswald, Anne (Hg.): 50 Jahre Bundesrepublik 50 Jahre Einwanderung. Nachkriegsgeschichte als Migrationsgeschichte, Frankfurt/Main, New York 1999.

Hunn, Karin: „Irgendwann kam das Deutschlandfieber auch in unsere Gegend …“: Türkische „Gastarbeiter“ in der Bundesrepublik Deutschland von der Anwerbung bis zur Rückkehrförderung, in: Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft : Migration zwischen historischer Rekonstruktion und Erinnerungspolitik (ohne Zeitangabe), ohne Heftnummer-Angabe, S. 73-88, und Hunn, Karin: Asymmetrische Beziehungen : Türkische „Gastarbeiter“ zwischen Heimat und Fremde ; Vom deutsch-türkischen Anwerbeabkommen bis zum Anwerbestopp, 1961-1973, in: Archiv für Sozialgeschichte (2002), ohne Heftnummer-Angabe, S. 145-172.

Werner, Franziska: „Weltbürger mit türkischen Wurzeln“. Lebensentwürfe von Migranten und die Frage nach der Selbstverortung. Eine qualitative Studie in Augsburg und Istanbul. Hamburg 2009.

Karakoyun, Ercan: Transnationaler Lokalpatriotismus: Der Beitrag der Gülen-Bewegung zur Integration von Muslimen in Deutschland, in: Homolka, Walter / Hafner, Johann / Kosman, Admiel / Karakoyun, Ercan (Hg.): Muslime zwischen Tradition und Moderne. Die Gülen-Bewegung als Brücke zwischen den Kulturen. Freiburg in Breisgau 2010.

http://www.migazin.de/


[1] Sarrazin, Thilo: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. München 2010.

[2] Blume, Michael: Was junge Muslime in Deutschland leisten, in: Die Fontäne 13 (Oktober – Dezember 2010), Heft Nr. 50, S. 20-22.

[3] Hummel, Konrad: Das Weißbuch, Eine Stadt für alle – Augsburger Integrationskonzepte, Stadt Augsburg 2006, S. 26.

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Assimilation_%28Soziologie%29#cite_ref-0

[5] Yener, Ramiz: Reintegrationskurse für hoch qualifizierte Rückkehrer http://www.migazin.de/2011/01/11/reintegrationskurse-fur-hoch-qualifizierte-ruckkehrer/

[6] Conrady, Judith: Erfolgreiche Migranten. http://www.rp-online.de/gesellschaft/leute/ohne-diese-tuerken-waere-deutschland-aermer-1.2034238