Die Chancen, dass der letzte des halben Dutzends an Waffenstillständen, der im Hinblick auf Gaza in den letzten Monaten geschlossen worden war, zumindest für die Dauer eines Monats oder so halten könnte, während die beiden Seiten miteinander sprechen, sind intakt. Die Kampfpause könnte sogar Gaza-Bewohner und Israelis hin zu einer dauerhafteren Beruhigung führen. Wenn ja, liegt es wohl daran, dass sich Erschöpfung und ein Gefühl für die Sinnlosigkeit weiterer Gewalt breit macht, als daran, dass der Konflikt nahe vor einer Lösung stünde. Aber wenn es nicht zu einem – unwahrscheinlich – Gesinnungswandel auf beiden Seiten kommen sollte, könnte der Krieg früher oder später wieder aufflammen.

Mehr als 2100 Menschen starben im Zuge der jüngsten Kampfhandlungen in der kleinen Enklave, der Großteil Zivilisten und viele davon Kinder. Mindestens 230 000 von Gazas 1,8 Mio. Einwohnern wurden UN-Angaben zufolge vertrieben. Die Aussicht, dass diesem Krieg bald ein neuer folgen wurde, macht das Leid nur noch schlimmer. Es wird Jahre dauern, die zerstörten Spitäler, Schulen und Elektrizitätsversorgungseinrichtungen wieder aufzubauen, nur, damit diese irgendwann wieder zerstört werden. Der einzige Hoffnungsschimmer, der bleibt, ist, dass dieses trübe Bild den Fokus vieler Menschen wieder stärker auf die entfernte Aussicht richten könnte, dass irgendwann einmal zwei Staaten – Israel und Palästina – Seite an Seite friedlich nebeneinander leben könnten.

Bislang ist keiner gestärkt aus der Schlacht hervorgegangen. Auf der israelischen Seite betont Premierminister Benjamin Netanyahu, er habe den in Gaza regierenden Extremisten von der Hamas eine richtige Abreibung verpasst, und Israel sei der Sieger, weil die letzte Angriffswelle dazu geführt habe, dass keine Raketen mehr auf Israel fliegen und dass die grenzüberschreitenden Tunnel eingeebnet wurden, die der Ergreifung oder Ermordung von Israelis dienen sollten.

Netanyahu unter Beschuss von rechts, Hamas nimmt Bevölkerung als Geisel

Sollte dem so sein, hat er einen hohen Preis dafür bezahlt. Der Krieg hat eine ohnehin bereits schwächelnde Wirtschaft weiter belastet. Seine radikaleren Rivalen in der Koalition werfen ihm vor, er hätte die Hamas komplett zerstören können – obwohl dies weitere hohe Verluste an Menschenleben, eine ruinöse Besatzung oder die Machtübernahme durch eine andere „djihadistische“ Gruppe in Gaza hätte bedeuten können. Noch schlimmer ist, dass die Bilder von leidenden Kindern und zerstörten Straßen mit jedem Mal, dass Israel angreift, das Image des Landes in der Welt noch schlechter wird. Selbst der verlässlichste aller Verbündeten, die USA, haben sich wie sonst selten irritiert gezeigt.

Unterdessen ist die Hamas komplett von der Rolle. Sie betrachtet sich als Sieger – weil es sie noch gibt. Und es stimmt, dass sie Gaza weiterhin eisern im Griff hat, nachdem der Einfluss vor den Bombenangriffen zurückgegangen war. Aber ihre sterile Politik des Widerstands gegen Israel führt ins Nirgendwo und geht auf Kosten des Lebens von Menschen und des Lebensstandards der Normalbürger in Gaza. Die Palästinenser sollten sich ernsthaft die Frage stellen, ob es wirklich Sinn macht, von der Frage der Moral ganz abgesehen, dass die Hamas weiter nutzlose Raketen ziellos in Richtung Israel feuert, wenn der Preis dafür ein so hohes Maß an Zerstörung in Gaza ist.

Kann Abbas die Flucht nach vorne proben?

Kann aus der Katastrophe etwas Gutes hervorgehen? Dieser Krieg war sogar für Menschen schlecht, die nicht davon betroffen waren. Israels moderate Kräftige haben von Netanyahus Fehlern kaum profitiert, aber auch Mahmoud Abbas, der gemäßigtere unter den Palästinenserführern, wird von seinen eigenen Leuten als Steigbügelhalter Israels gesehen, was seine Verhandlungsposition schwächt. Aber er sitzt immerhin noch einer Einheitsregierung vor, die sich immer noch dem Frieden verpflichtet fühlt und – bemerkenswerter Weise – von der Hamas mitgetragen wird. Er könnte Hamas zur Entwaffnung drängen im Gegenzug zur Durchführung eines Wiederaufbauprogramms für Gaza, mit einer neutralen Kraft, die es überwachen soll. Und warum nicht wieder Zweistaatenlösungs-Gespräche in gutem Glauben versuchen? Dieser Boden wurde so oft beackert, dass es theoretisch durchaus Ergebnisse geben könnte.

Es mangelt nicht an gut gemeinten Vorschlägen von außen, aber an der Bereitschaft Israels und der Hamas, sich um Frieden zu bemühen. Und deshalb ist es trauriger Weise so, dass trotz einer Waffenruhe die Aussichten nicht gut sind.

Dieser Artikel erschien in The Economist.