Türkisches Außenministerium

Von MERYEM ÖZSAM

„Gülen-Anhänger haben viele Institutionen in der Türkei unterwandert“, heißt es bei vielen Erdoğan-Befürwortern. Das ist nichts Neues. Schon seit den 90er Jahren ist dieser Vorwurf vorhanden. Woran liegt das? Ist da etwas dran?

Noch nie war die politische Lage in der Türkei wirklich stabil. Seit mehr als 100 Jahren, insbesondere seit den 60er und 70er Jahren, also mit Beginn der Putsche, ist die türkische Gesellschaft betroffen und gezeichnet von Terror, Mord und Polarisierung. Jahrzehntelang hassten sich die Fronten, früher waren es besonders vor allem die Säkularen und Islamisten/Muslime. Fethullah Gülen, der sich schon damals für einen weltoffenen Islam einsetzte und den interreligiösen Dialog förderte, sah diese Kluft zwischen den beiden Fronten und wies in seinen Predigten auf die Wichtigkeit der Bildung und des Dialogs hin. Er setzte dies auch in die Praxis um. Er traf sich mit christlichen, aramäischen, alevitischen und sunnitischen Geistlichen, um gemeinsam gegen die Polarisierung in der Gesellschaft zu agieren. Mit Erfolg. So wuchs seine Anhängerschaft von Tag zu Tag. Somit aber auch die Zahl seiner Gegner, die vor allem aus dem politischen Islam kamen und seine Offenheit gegenüber den „ungläubigen Säkularen“ kritisierten. Bis heute.

Mit der Konstituierung der Bildungszentren, Schulen und Dialogeinrichtungen vor allem in Anatolien wuchs die Zahl der Anhänger Gülens weiter. Sie waren jung, gebildet und gläubig. Doch ihnen stand ein großes Hindernis im Weg. Die Politik, das Militär, das Bildungswesen und weitere gesellschaftliche Institutionen waren allesamt von Säkularen besetzt, so dass den gläubigen Muslimen der Zugang aufs strengste verwehrt wurde. Entweder war man säkular und strikt gegen den Islam, oder man hatte in der Gesellschaft nichts zu suchen. Frei nach dem Motto: Wenn du gläubig bist, bleibst du im Dorf deines Vaters. Das gleiche galt auch für junge Frauen, die keineswegs mit dem Kopftuch studieren durften. Heute sieht es nicht sehr viel anders aus. Entweder bist du pro Erdoğan und hast eine gute Position inne, oder du hast kein Recht auf einen angesehenen Beruf und bist dazu verdammt, arbeitslos zu sein. Man möge sich nur die Suspendierungen in den letzten Tagen ansehen.

Das war für Gülen absurd. Auch ein Gläubiger hatte das Recht auf Meinung und Beteiligung in der Gesellschaft. Das war also Gülen und seinen jungen Anhängern, die aus den kleinsten Dörfern Anatoliens kamen, bewusst. So musste also eine Alternative gefunden werden. Ein Studium mit einem guten Abschluss musste entsprechend auch logischerweise mit einer guten Position in der Politik etc. belohnt werden. Deshalb entschieden sich viele Anhänger der Gülen-Bewegung individuell (!) dafür, dass sie sich nicht „outen“, weder als Anhänger der Bewegung, noch als gläubiger Muslim. So kam es also dazu, dass viele Anhänger der Gülen-Bewegung, aber auch viele Anhänger anderer muslimischer Gemeinden ihren Glauben verstecken mussten, um hohe Positionen zu erreichen.

Das hört sich also tatsächlich nach „Unterwanderung“ an. Aber was genau passierte zu dieser Zeit in Gesellschaft, Politik und Medien?

Die Türkei verbesserte sich von Jahr zu Jahr wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch und wissenschaftlich. Das Vertrauen in die die Institutionen stieg. Der Hass gegenüber Andersdenkenden, insbesondere Muslimen, sank. Die Türkei näherte sich mehr an sogenannte westliche Werte an und die Demokratie verbesserte sich, stellt der Journalist und Türkei-Experte Rainer Herrmann fest.

Wenn also eine Unterwanderung stattgefunden von den „bösen Gülen-Anhängern“, wie lautstark in diesen Tagen in den türkischen Medien und in den sozialen Medien behauptet wird, so müsste es doch der Türkei heute beziehungsweise in den letzten Jahren viel schlechter gehen. Doch das ist nicht der Fall, eher das Gegenteil.

Jeder Mensch, der in Deutschland geboren ist und das Grundgesetz und die Demokratie respektiert, hat auch das Recht, in und für Deutschland zu arbeiten. Es ist absurd zu behaupten, dass jemand, der einer Bewegung oder Richtung angehört, auch weiterhin ausschließlich in dieser Bewegung arbeitet. Auch diese Person hat das Recht auf eine hohe Position in der Gesellschaft! Das gehört zu einem Rechtsstaat. Falls es dann zu Fehlern Einzelner, gar zur Bildung einer „Parallelstruktur“ kommt, müssen diese bestraft werden. Dafür hat sich auch Fethullah Gülen indirekt ausgesprochen. Aber so hierarchisch, wie es zum Teil dargestellt wird, ist seine Bewegung längst nicht organisiert.

Im Übrigen wird hier anders als in der Türkei offen über die Zugehörigkeit der Anhängerschaft gesprochen, weil eben in Deutschland keiner nach der Gesinnung fragt. Es ist auch nicht verfassungskonform nach der Gesinnung zu fragen. Entscheidend ist das Bildungsniveau.

Zudem wird auch behauptet, dass die Anhänger Gülens ihm gegenüber sehr kritiklos sind, ihm gehorchen, ja sogar als Messias verehren. Wer das tut, macht etwas falsch. Ich glaube auch, dass ich auf diese absurde Behauptung im Angesicht der aktuellen Geschehnisse nicht einzugehen brauche. Es ist augenscheinlich, wie kritiklos und verehrend viele gegenüber Erdoğan sind, ja sogar seine undemokratischen Handlungen versuchen verschönernd zu legimitieren. Vor allem tut es aber weh zu sehen, dass einige von ihnen in der hiesigen Gesellschaft als Intellektuelle angesehen werden.

Es ist die Rede von Mord und Totschlag. Seit drei Jahren werden die Anhänger der Gülen-Bewegung in der Türkei und in Deutschland diskreditiert und denunziert. Gab es je eine einzige vergleichbare Unruhe in der Geschichte? Ich weiß es nicht. Mögen wir wieder alle zur Besinnung kommen. Amin.