Kurdische Demonstranten haben am Montagabend in mehreren Städten Europas mit Protestaktionen und Besetzungen auf die verzweifelte Lage in der umkämpften syrischen Grenzstadt Kobani aufmerksam gemacht. Die islamistische Terrormiliz IS versucht derzeit, Kobani gegen den erbitterten Widerstand kurdischer Kämpfer unter ihre Kontrolle zu bringen.

Im niederländischen Den Haag drang am Montagabend eine große Gruppe kurdischer Demonstranten in das Parlament ein. Nach einem Gespräch mit der Vorsitzenden der Zweiten Parlamentskammer, Anouchka van Miltenburg, verließen die Protestierer am frühen Morgen das Gebäude wieder, berichteten niederländische Medien am Dienstag.

Am Flughafen der belgischen Hauptstadt Brüssel gab es ebenfalls eine Solidaritätsaktion von Kurden. Dort forderten Demonstranten ein entschlossenes Vorgehen der internationalen Gemeinschaft gegen den IS und humanitäre und militärische Hilfe für die Einwohner von Kobani.

In Wien versammelten sich gegen 21.00 Uhr rund 300 Personen vor dem Parlament zu einer spontanen Kundgebung, die friedliche verlief. Sie protestierten laut Polizei „gegen die Untätigkeit des Westens“ und forderten eine Aussprache mit Nationalratsabgeordneten. Weitere Demonstrationen gab es auch in österreichischen Landeshauptstädten wie Bregenz, Innsbruck oder Graz.

Auch in mehreren deutschen Städten gab es Proteste mit einigen tausend Teilnehmern. In Düsseldorf und Bonn drangen die Demonstranten kurzzeitig in Gebäude des Westdeutschen Rundfunks und des Auslandssenders Deutsche Welle ein. In Berlin versammelten sich nach Polizeiangaben etwa 600 Kurden. Für den Vormittag war eine weitere Demonstration in der Hauptstadt angemeldet. Auch aus Hamburg, Dortmund, Münster und Essen wurden spontane Demonstrationen gemeldet.

Kurdische Kämpfer greifen auch zu Selbstmordattentaten

Die Terrormiliz IS versucht derzeit, Kobani gegen den erbitterten Widerstand kurdischer Kämpfer unter ihre Kontrolle zu bringen. Aus den Reihen der Kurden versuchen einige sogar, sich den Terroristen als Selbstmordattentäter entgegenzustellen, wie die YPG-Kämpferin Arin Mirkan, die sich, nachdem sie einige Granaten auf die Angreifer abgefeuert hatte, selbst in die Luft sprengte und dabei dutzende IS-Extremisten mit in den Tod riss.

Noch gibt es keine Bestätigung über den endgültigen Fall der hauptsächlich von Kurden bewohnten syrischen Grenzstadt Kobani, es ist jedoch die Rede davon, dass sich die kurdischen Verteidigungslinien immer weiter nach hinten verlagern.

Auf einem vierstöckigen Gebäude in einem umkämpften Vorort der Stadt sei bereits am gestrigen Montag die Flagge der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS; vorm. ISIS) gehisst worden. Auch am östlichen Ende der Stadt soll die IS-Flagge von einem Hügel wehen.

Gefechte bereits im Stadtinneren

Aus der Stadt selbst heißt es, die Angriffe hätten noch abgewehrt werden können und die Terroristen hätten noch nicht die Stadt erreicht. Aber offenbar sind weder die Verteidiger Kobanis noch die internationale Koalition, die weiterhin intensiv Luftangriffe fliegt, in der Lage, die Extremisten, welche die Stadt von drei Seiten unter Beschuss nehmen, am Vormarsch zu hindern.

Neuere Berichte besagen, dass die Gefechte sich bereits ins Stadtinnere verlagert haben sollen.

Sollte die Stadt tatsächlich fallen, könnte das auch der Anlass für die türkische Regierung sein, von der am Donnerstag erteilten Ermächtigung durch das Parlament Gebrauch zu machen und die Armee in Bewegung zu setzen, um Schutzzonen zu schaffen.

Der inhaftierte Chef der terroristischen PKK, Abdullah Öcalan, hatte in der vergangenen Woche davor gewarnt, dass ein Fall Kobanis den Friedensprozess in der Türkei beenden und einen Putsch provozieren könnte.

Premierminister Ahmet Davutoğlu schloss unterdessen den Einsatz von Bodentruppen im Irak und in Syrien nicht aus. Er betrachtet es aber als Voraussetzung für ein solches Eingreifen der Türkei, dass der Sturz der Regierung Assad ebenfalls in die Agenda der internationalen Gemeinschaft mit aufgenommen wird. (dpa/dtj)