Müssen die Türken jetzt eine Überfremdung durch Deutsche fürchten?

Eine Pressemitteilung des Mediendienstes Integration dürfte all die Rechtsextremisten und Populisten in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt haben: „Migrationsbericht 2011: Eine halbe Million mehr Türken.“ Wie konnte das passieren? Was war geschehen? Was macht der Bundesgrenzschutz? War die Türkei dank korrupter Politiker in die marode EU eingetreten, ohne dass es jemand gemerkt hatte?

Des Rätsels Lösung ließ nicht lange auf sich warten. Nach Informationen des Statistischen Bundesamts lebten im Jahr 2010 mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft ca. 2,48 Millionen Türken in Deutschland. Man hatte jedoch die Kinder, dessen beide Elternteile einen Migrationshintergrund aus der Türkei haben, der Rubrik „Menschen mit Migrationshintergrund ohne Angabe zum Herkunftsland“ untergeordnet. Diese Praxis hat sich jetzt jedoch geändert: diese jungen Menschen wurden 2011 zum ersten Mal den Herkunftsländern der Eltern zugeordnet. Deren Zahl betrug seit der Einführung des neuen Staatsbürgerschaftsrechts im Jahr 2000 rund 471.000, so dass durch deren Hinzufügung sich die Zahl der Türken auf 2,95 Millionen erhöht hat.

Entwarnung?

Kommt diese neue Zählweise einer Entwarnung für die Populisten gleich, die die Gefahr der Überfremdung durch Türken wie den Teufel an die Wand malen? Entwarnung für diejenigen, die sagen, Türken würden sich der Integration verweigern? Entwarnung für diejenigen, die sich und ihre Zielgruppe entmenschlichen, indem sie behaupten, Muslime würden sich „wie Ratten vermehren“, die einheimische Bevölkerung durch die Gebärfreudigkeit ihrer Frauen in nicht allzu ferner Zukunft dominieren? Wenn sich Vorurteile und Ressentiments durch rationale Argumente entkräften ließen, ja. Das würde Entwarnung bedeuten.

Nicht unbedingt!

Aber seit wann sind denn diese Menschen für rationale Argumente empfänglich? Dabei sprechen die Zahlen eine eindeutige Sprache! Nehmen wir die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden als Grundlage. Danach beträgt die durchschnittliche Geburtenrate der deutschen Frauen ohne Migrationshintergrund bei 1,3 Kindern. Auch die Geburtenrate der türkischen Frauen der zweiten Gastarbeitergeneration liegt in diesem Spektrum und ist unwesentlich höher. Die Geburtenraten der arabischen und türkischen Frauen in Deutschland insgesamt liegen bei ca. 1,9 Kindern pro Frau.

Auch muslimische Länder vom Geburtenrückgang erfasst

Diese Zahlen bedeuten nichts anderes, als dass sich auch der muslimische Bevölkerungsteil in Deutschland zunehmend altern wird. Dies könnte erst bei durchschnittlich 2,1 Kindern pro Frau verhindert werden. Man könnte nun entgegnen: Diese Zahlen sind Momentaufnahmen, was ist aber mit der langfristigen Entwicklung? Wie ist die Entwicklung im übrigen Europa und in den muslimischen Ländern?

Auch dazu liegen verlässliche Zahlen vor: In den 27 Ländern der EU, in denen insgesamt rund 500 Millionen Menschen leben, schwankt die Zahl der Muslime zwischen 15 und 20 Millionen. Das sind gerade mal 3-4 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Und was ist mit der muslimischen Welt? Auch da gehen die Geburtenraten drastisch zurück. Lag die durchschnittliche Geburtenrate pro Frau in der gesamten muslimischen Welt 1995 noch bei 4,3 Kindern, so ging sie bis 2010 auf 2,9 zurück und wird 2035 lediglich auf 2,3 Kinder sinken.

Eigentlich eine deprimierende Perspektive für all die Populisten und Scharfmacher. Woran sollen sie sich noch halten, wenn sie ihr Feindbild und ihre Bedrohungsobjekte verlieren?