Abseits des vorwiegenden Medieninteresses an den politischen Ereignissen in der Türkei wird der von Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und der PKK gezeichnete Südosten des Landes in den letzten Wochen wieder von schweren Anschlägen erschüttert.

Bei zwei Anschlägen auf türkische Sicherheitskräfte sind heute in der Türkei mindestens sieben Menschen gestorben. In der südosttürkischen Provinz Bitlis wurden bei einem Sprengstoffanschlag auf ein Armeefahrzeug drei Soldaten und ein Dorfschützer getötet. Sieben Soldaten seien verletzt wurden, meldet die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı (AA). Daraufhin sei es zu Gefechten zwischen Armeeangehörigen und PKK-Kämpfern gekommen. Die Armee führe in der Region einen Einsatz mit Luftunterstützung durch.

Bereits am Donnerstagmorgen sind im osttürkischen Elazığ bei einem Anschlag mit einer Autobombe mindestens drei Menschen getötet und 146 verletzt worden. Bei den Getöteten hat es sich um Polizisten gehandelt. Gegen 09.20 Uhr Ortszeit (08.20 MEZ) explodierte ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug vor dem Polizeipräsidium der Stadt und hat das vierstöckige Gebäude schwer beschädigt. Augenzeugen berichten von einer gewaltigen Explosion, auf Bildern vom Anschlagsort sind schwere Verwüstungen und eine hohe Rauchsäule zu sehen.

„Wie ein Kriegsschauplatz“

Ein Korrespondent der Nachrichtenagentur Doğan (DHA) berichtet von dramatischen Szenen in der 600.000-Einwohner-Stadt: „Die Explosion war an den meisten Orten der Stadt zu hören. Wir haben gesehen, wie eine schwarze Rauchsäule aufsteigt. Das Gebäude ist in einem völlig verwüsteten Zustand, es war wie ein Erdbeben. Vor Ort sieht es aus wie an einem Kriegsschauplatz.“

Türkischen Medienberichten zufolge soll Premierminister Binali Yıldırım auf dem Weg nach Elazığ sein und eine Untersuchung der Hintergründe angekündigt haben. Wie nach solchen Ereignissen in der Türkei üblich, verhängte der Rundfunkrat direkt nach dem Anschlag eine Nachrichtensperre. Bisher hat sich noch niemand zu der Tat bekannt, türkische Medien gehen jedoch davon aus, dass die PKK verantwortlich ist.

Erst am Montag verübte die PKK einen schweren Autobombenanschlag auf ein Gebäude der Verkehrspolizei in Diyarbakır. Dabei wurden sieben Menschen getötet: fünf Polizisten und zwei Zivilisten, einer von ihnen noch ein Kind. 45 Menschen wurden teils schwer verletzt. Wie in Elazığ wurde das Gebäude dabei komplett zerstört. Der Anschlag fand am Jahrestag der ersten bewaffneten Attacke der PKK auf türkische Polizeistationen und Militäreinrichtungen am 15. August 1984 in Eruh und Şemdinli statt. Die PKK hatte sich wenige Tage später zu den Anschlägen bekannt. Sie hätten sich „gegen die kolonialistischen Mächte“ gerichtet; man bedauere, dass dabei Zivilisten zu Schaden gekommen sind, und spreche den Familien der Opfer Beileid aus, heißt es in dem Bekennerschreiben der Terrorgruppe.

Anschlag auf Polizeistation in Diyarbakır am 15.08.2016
Anschlag auf Polizeistation in Diyarbakır am 15.08.2016

Am Mittwoch letzter Woche hatte die PKK bei zwei beinahe zeitgleichen Anschlägen in Diyarbakır und Mardin sieben Menschen getötet und 54 teils schwer verletzt. Auch hier waren die meisten der Getöteten Polizisten, es befinden sich  jedoch auch Zivilisten unter den Opfern.  In Mardin wurde ein Sprengsatz vor einem Krankenhaus gezündet, als gerade ein Polizeibus vorbeifuhr. Dabei wurden zwei Polizisten getötet und 50 Menschen verletzt, darunter vier Polizisten. Bei dem Anschlag in Diyarbakır handelte es sich ebenfalls um eine Attacke auf einen Polizeibus, bei der 5 Polizisten getötet und 4 verletzt wurden. Am Morgen desselben Tages griffen PKK-Kämpfer in Şırnak eine Einheit des türkischen Militärs an, wobei fünf Soldaten getötet wurden.

Nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli wurden auch viele Militärs festgenommen, die für die Kriegsführung im Südosten der Türkei verantwortlich sind. Daraufhin war die Zahl der PKK-Anschläge in der Region spürbar zurückgegangen. Sicherheitsexperten gehen jedoch davon aus, dass sie die chaotische Zeit nach dem Putschversuch dazu genutzt hat, sich neu zu formieren. Seit nunmehr zwei Wochen sind wieder verstärkt Kämpfe und Anschläge zu verzeichnen, die jedoch in der öffentlichen Berichterstattung weniger wahrgenommen werden. Gleichzeitig gehen die Operationen des türkischen Militärs in der Region weiter. Verlässliche Angaben zu Opfern in der kurdischen Zivilbevölkerung, die in den letzten Wochen durch das türkische Militär umgekommen sind, gibt es auch aufgrund der prekären Lage kritischer Medien nicht. Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch gehen von mehreren Hundert in den letzten Monaten aus.