Das Dach der amerikanischen Botschaft in Berlin am 28.10.2013. Gerade einmal 350 Meter Luftlinie trennen die amerikanische Botschaft zum Bundeskanzleramt(im Hintergrund) - dpa

Inzwischen berichten Medien unentwegt vom Abhörskandal der Bundeskanzlerin. Die NSA soll  Angela Merkel und weitere 35 Staatschefs abgehört haben. Diese Spähaffäre hat eine transatlantische Verstimmung verursacht, die globale Bedeutung entfalten könnte, besonders zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den USA.

Doch spulen wir den Filmstreifen erst mal um vier Monate zurück. Der Vorspann beginnt im Bundeskanzleramt an der Willy-Brandt-Straße. Einer Veröffentlichung im Juli 2013 zufolge soll im Bundeskanzleramt, dem Machtzentrum der Republik, eine Parallelstruktur existieren. Diese würde an der Kanzlerin vorbei Intrigen und Machtspielereien anzetteln.

Im Angesicht dieser ungeheuerlichen Verschwörung wirke sogar die Kanzlerin selbst ziemlich machtlos. Um diese schier undurchsichtige Machtkonstellation und ihre Kommunikationswege ausfindig zu machen, soll die Kanzlerin inoffiziell eine intelligente ehrgeizige junge Frau beauftragt haben. Ihr offizieller Auftrag lautete, sie solle das Kanzleramt so umstrukturieren, dass es effizienter und effektiver funktioniere. Statt im Spinnennetz verfangen zu sein, wollte sich die Kanzlerin darin selbst wie eine Spinne fühlen. Natürlich war diese Mission streng geheim, bis dies vor etwa vier Monaten aufflog und die junge Bundestagsabgeordnete das Handtuch warf. Nein, die Rede ist nicht von der jungen und ehrgeizigen Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, die ebenfalls inzwischen verlauten ließ, den Posten der Ministerin räumen zu wollen, um mehr Zeit für die Familie einzuräumen.

Ließ Kohl Herrhausen eliminieren?

Die Rede ist von „Kalte Macht“, dem Politthriller-Roman von Jan Faber, der im Juli dieses Jahres erschienen ist. Jan Faber ist ein Pseudonym, das nach Angaben des Verlags einem Politinsider zuzuordnen sei. In „Kalte Macht“ geht es um eine über mehrere Jahrzehnte andauernde Verschwörung im Machtzentrum der Republik, dem Bundeskanzleramt. Indessen erkennt der politisch interessierte Leser sehr leicht hinter der Fassade der Protagonisten die Silhouette wirklicher Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, wie etwa in der Kanzlerin Angela Merkel, in Walther Braas Helmut Kohl, in Albert Ritter Alfred Herrhausen, in Jo Feldmann Josef Ackermann und in Alexander Rau Wolfgang Schäuble, daneben auch noch viele andere.

Die konspirative Verwicklung wird im Roman bis zum Mord an den Vorstandssprecher der Nationalbank (Deutschen Bank) Jo Feldmann zurückgeführt. Doch dass die Tat eine RAF-Aktion sei, wird angezweifelt. Dem damaligen Kanzler Walther Braas habe Jo Feldmanns Plädoyer eines Schuldenerlasses für hochverschuldete Länder und die Forderung nach mehr Kontrolle des Kapitalismus überhaupt nicht gepasst. Kurze Zeit, nachdem er so in Ungnade gefallen war, fiel der Bankmanager auch einem brutalen Attentat zum Opfer. Und alle Hinweise zeigen in Richtung Walther Braas, der bestens in das transatlantische Beziehungsgeflecht eingebettet ist.

Wie auch immer, die jetzt amtierende Kanzlerin kommt hinter dieses Geheimnis, begeht damit einen politischen Mord an ihrem Ziehvater Braas und tritt den Parteivorsitz an. Dennoch ist sie seither und später auch als Kanzlerin nicht sicher, wer in welcher Beziehung was wohin weiterträgt. Und genau hier kommt die Protagonistin Natascha Eusterbeck, eine junge Bundestagsabgeordnete, ins Spiel und soll als Staatssekretärin Licht ins Dunkel bringen.

„Atlantikbrücke“ als Schattenregierung

Ihr wird das Spionagespiel aber nicht einfach gemacht. Zunächst gilt es, sich dem aussichtslosen Kampf gegen die Übermacht eines unsichtbaren Gegners zu stellen. Dabei liegt ihre eigentliche Stärke darin, dass sie dauernd unterschätzt wird. Letztlich stößt sie in ihren Recherchen auf das Geheimnis, dass Rau im Namen von Braas, der wie gehabt im Interesse einer mysteriösen Vereinigung handelt, den Mord in Auftrag gegeben hat. Zwielichtige Querbeziehungen hochkarätiger Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens münden in einem gemeinnützigen Verein namens Transatlantische Allianz (Atlantik-Brücke), der wiederum vom Kulturattaché der US-Botschaft geleitet wird. Offiziell verfolge der Verein das Ziel, eine Brücke zwischen Deutschland und den USA zu schlagen. Inoffiziell aber sei er eine geheimdienstliche Einrichtung, der das Bundeskanzleramt mittels seiner Mitglieder schon lange unter Kontrolle habe.

Doch wie der Roman ausgeht, soll hier nicht weiter verraten werden.

Im Angesicht des aktuellen Abhörskandals und der NSA-Affäre vertritt der Roman eine sehr interessante These über die technologische Übermacht und Allgegenwärtigkeit der USA auf der einen und die fatalistische Haltung Deutschlands auf der anderen Seite.

Dessen ungeachtet, wie man zum Wahrheitsgehalt der Erzählung des Romans steht, lädt „Kalte Macht“ zur eigenen Recherchen zu Politik, Wirtschaft und Lobbykreisen ein. Was erwartet man eigentlich von einem Roman, außer seine Leser zum Nachdenken anzuregen und dabei auch das Unmögliche denkbar zu machen?

Aber wer hätte noch vor einigen Jahren gedacht, dass ein transatlantischer Abhörskandal solche internationale Kreise nach sich ziehen würde? In diesem Sinne erfreut es mich besonders, dass Politthriller-Romane endlich in Berlin spielen, statt wie bisher immer nur in Washington oder Moskau.

Jan Faber, Kalte Macht, Page & Turner Verlag, 2013, 448 Seiten.