Ein türkischer Kampfjet fliegt über das Gelände des Schreins von Sulaiman Shah in Syrien.
Der Schrein des Sulaiman Shah, eine türkische Exklave 40 Kilometer von der Grenze entfernt, wird seit April 2014 von den gleichen Soldaten bewacht. Nun werden Fragen laut, ob diese nicht unfreiwillig zu Geiseln des IS geworden wären.

Der Bürgerkrieg in Syrien zehrt an den Kräften aller Beteiligten. Während die Truppenteile der kurdischen Peshmerga, die neben anderen kurdischen Gruppen zur Verteidigung der Grenzstadt Kobane abgestellt sind, alle zwei Monate rotieren und durch neue Kräfte bestückt werden, befinden sich am Grabmal Sulaiman Shahs (Süleyman Şah Türbesi) seit nunmehr elf Monaten exakt die gleichen Soldaten.

Das Portal Al-Monitor hat nun die Frage aufgeworfen, ob die Türkei eigentlich noch technisch in der Lage wäre, eine Ablösung der nunmehr bereits seit fast einem Jahr von ihren Familien getrennten Soldaten zu bewerkstelligen, oder ob diese faktisch zu Geiseln der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) geworden wären. Der IS kontrolliert das Umland des Schreins und hatte wenige Tage vor den Kommunalwahlen 2014 versucht, die Türkei durch Drohungen zum Entfernen der Flagge auf dem Grabmal zu veranlassen. Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan hatte damals mehrfach betont, dass jeder Angriff auf die Grabstätte Süleyman Şahs einem Angriff auf die Türkei selbst gleichgehalten werde.

Aus der türkischen Armee hieß es nun gegenüber dem Portal, es würde sich bei den Bewachern des Sulaiman-Shah-Schreins um Elitesoldaten handeln. „Das sind harte Jungs, sehr erfahren und diszipliniert“, zitiert Al-Monitor einen pensionierten Oberst. „Sie können in jedem gefährlichen Umfeld überleben. Sie wurden dazu trainiert, unter extremen physischen und mentalen Bedingungen zu arbeiten.“

Wachablöse am Schrein des Sulaiman Shah zwei Mal gescheitert?

Angesprochen auf ihre Familien hieß es, diese hätten „das Pech, mit den Besten verheiratet zu sein“. In öffentlichen Foren entfaltet sich der Nationalstolz, wenn die Situation der Sicherheitskräfte am Grabmal angesprochen wird. Journalisten weisen jedoch darauf hin, dass vor der letzten Wachablöse im April 2014 der Rotationszeitraum höchstens zwei bis drei Monate betragen hätte. Einige Medienorgane wollen auch aus dem Umfeld der Angehörigen der Soldaten erfahren haben, dass insbesondere seit der Ermordung zweier japanischer Geiseln durch die Terrormiliz IS große Sorge um die stationierten Armeeangehörigen herrsche. Aus den gleichen Quellen heiße es, auch diesen sei eine Ablöse nach drei Monaten zugesagt worden. Selbst bei US-Elitetruppen sei nach maximal vier Monaten eine Ablösung vorgesehen, da die Dauer und der Stress des Einsatzes auch die Fähigkeiten im Kampf beeinträchtigen würden.

Man habe im September und November 2014 tatsächlich versucht, eine Wachablöse durchzuführen, dies wäre jedoch auf Grund der aktuellen Kämpfe in Nordsyrien nicht möglich gewesen.

Türkische Soldaten stehen vor dem Eingang zum Schrein des Sulaiman Shah in Syrien.
Der Schrein des Sulaiman Shah, eine türkische Exklave in Syrien 40 Kilometer von der Grenze entfernt, wird seit April 2014 von den gleichen Soldaten bewacht.

Eine Evakuierung oder Verlegung des Grabmals, das im Laufe der Geschichte bereits zwei Mal verlegt worden war, direkt an die Grenze komme jedoch ebenfalls nicht in Betracht. In der Türkei würde dies als Zurückweichen verstanden. Deshalb würde eine Mehrheit der Türken einen solchen Schritt alleine schon auf Grund eines ausgeprägten Nationalstolzes nicht billigen. Abgesehen davon wäre auf Grund der Zeit, die ein solches Unterfangen in Anspruch nehmen würde, eine Verlegung des Schreins unter den gegebenen Umständen kaum denkbar.

Schicksal wie in der Botschaft zu Mossul nicht denkbar

Im Gespräch mit Al-Monitor betonte der Oberst a.D., der dem Portal Rede und Antwort stand, dass den Soldaten ihre Situation bewusst sei: „Diese Soldaten sind Freiwillige, professionelle Truppen. Sie kennen das Risiko, das sie eingehen. Als sie ihren Posten am Grabmal bezogen, wussten sie, dass sie möglicherweise sterben würden in der Zeit, in der sie es beschützen.“

Ein Schicksal wie im Fall der Botschaftsangehörigen in Mossul, die vom IS als Geiseln genommen wurden, sei jedoch nicht zu erwarten. Die Soldaten würden sich nicht ergeben. „Es gibt keinen Vergleich dazu. Die Soldaten, von denen ich spreche, sind keine Diplomaten“, betonte der Oberst.

Die Regierung soll ebenfalls bereits einen Vorschlag der obersten Militärführung, den Schrein zu evakuieren, abgelehnt haben.

Angst vor schweren Waffen in Syrien

Unklar sei jedoch die Begründung dafür, schreibt Al-Monitor. Eine Überlegung könnte die nationalistische Stimmung im Land sein, die einen solchen Schritt nicht zulassen würde. Eine weiterer möglicherweise einkalkulierter Aspekt sei, dass jeder Angriff auf das Grabmal im Sinne des Nato-Statuts den Bündnisfall auslösen würde. Aus Sicherheitskreisen habe es jedoch auch anonyme Hinweise gegeben, wonach die Situation auf Grund der zahlreichen schweren Waffen, die den verschiedenen Bürgerkriegsparteien aus Beständen der syrischen und irakischen Armee in die Hände gefallen wären, entlang der Route einfach zu gefährlich geworden wäre, um eine risikofreie Evakuierung zu bewerkstelligen.

HINTERGRUND Sulaiman Shah war der Großvater von Osman I., dem Begründer des Osmanischen Reiches. Gemäß einem Vertrag von 1921 ist der Grund und Boden rund um den Schrein türkisches Gebiet, obwohl der Schrein selbst 40 Kilometer von der Grenze entfernt auf syrischem Territorium liegt. Das Grabmahl liegt in einer Region in Nordsyrien, die  von der Terrororganisation„Islamischer Staat im Irak und der Levante“ (ISIL) kontrolliert wird. Im April 2014 entsandte die türkische Armee einen Konvoi zu dem Schrein, um die dort stationierten Soldaten zu unterstützen. Zur Verteidigung wurden damals sechs Panzer und 12 Panzerspähwagen in einer Entfernung von 200 Metern von IS-Stellungen aufgestellt.

Für Aufregung sorgte in diesem Zusammenhang außerdem ein im Vorfeld der Kommunalwahlen in der Türkei veröffentlichtes Tonband, auf dem mehrere ranghohe türkische Politiker, darunter auch Außenminister Ahmet Davutoğlu und der Chef des türkischen Geheimdienstes, Hakan Fidan, zu hören sein sollen, wie sie über die Möglichkeit eines ‚False-Flag‘ Angriffs auf die türkischen Soldaten am Grabmahl beraten.