Feier in einem alevitischen Versammlungs- und Gotteshaus (Cemevi) anlässlich der Geburtswoche des Propheten (Kutlu doğum) 2013.

Die türkische Republik hatte schon immer Unruhen bezüglich ethnischer und religiöser Minderheiten gekannt. Sie wurden nicht nur als zurückgeblieben und rückschrittlich, sondern auch als Störfaktoren und Abweichler hinsichtlich der republikanischen Kemalisten-Ideologie des „modernen Staates“ und einer Gesellschaft aufgefasst, die gebildet und von einem positivistischen, säkularen und von oben nach unten organisierten Modernisierungsmodell inspiriert sein sollten. Es gab nur eine höchste, alles umfassende und offizielle Identität und etwas anderes wurde nicht gebraucht.

Für die Kemalisten galt die Befürwortung und Entfaltung ethnischer und religiöser Identitäten als eine Abweichung von der „ursprünglichen Idee“ der konstituierenden Ideologie hinter der Verfassung des kemalistischen Staates. Andere Identitäten als die des republikanischen Kemalismus standen der angestrebten klassenlosen, homogenen und säkularen Nation mit dem Staat an der Spitze von allem entgegen. Außerdem galten die Identitäten der Minderheiten als Quelle potenzieller Konkurrenz zum Staat und als mögliche Faktoren der Illoyalität.

Dadurch hatten religiös Konservative, Kurden, Aleviten und Nicht-Muslime ständig Probleme mit dem Staat. Sie hatten zu kämpfen, damit der Staat ihre Identitäten akzeptierte und respektierte. Für den Staat galt außer der kemalistischen jede Identität als potenziell oppositionelle Bewegung und als eine alternative Quelle der Loyalität. Deshalb konnte man sie nicht tolerieren, sondern unterdrückte sie.

Staatliche Kontrolle der Sunniten als Lebensversicherung aufgefasst

Aleviten, die sich in einem sehr hohen Ausmaß in die kemalistische Bewegung und Ideologie integrierten, blieben trotz ihrer gelegentlichen Unterdrückung und sogar Massaker durch die Hände des kemalistischen Regimes leise. Ja, sie waren nicht glücklich über einen Staat, der finanziell den sunnitischen Islam in Form der Direktion für religiöse Angelegenheiten unterstützte und ihn organisatorisch so voranbrachte. Dennoch wussten die Aleviten, dass das der Weg war, um ein Auge auf die Aktivitäten der sunnitisch-religiösen Mehrheit zu werfen, die für die alevitische Minderheit eine Quelle der Sorge war. Der Dialog des Staates mit dem sunnitischen Islam war trotz allem eine Form der Sicherheit für die Aleviten, solange sich der Staat unter der Kontrolle der säkularen Kemalisten befand, die sich als ihre Helfer gerierten.

Jedoch hat sich dieses Verhältnis in den letzten Jahren verändert. Muslimische Bewegungen und kurdischer Nationalismus haben standgehalten und die homogenisierende Identitätspolitik des säkular-nationalistischen Staates überlebt. Die Erstgenannten haben sogar einen Status erreicht, der stark genug ist, um den Staat zu kontrollieren.

Nachdem es die politischen Vertreter der konservativ-religiösen Bevölkerungsgruppe es auf die Reihe gekriegt haben, die kemalistisch-säkulare Herrschaft aus der Führung der Staatsangelegenheiten zu verdrängen, wurden auch die Aleviten, die sich ideologisch mit den Kemalisten verbündet hatten, zur Seite gestoßen. Die Aleviten fühlen allmählich, dass sie „ihren Staat“ verloren haben. Obwohl ihre Identität in der Vergangenheit nicht gewürdigt und respektiert wurde und die öffentliche Ausübung ihrer Rituale nicht gern gesehen war, hängen sie als Angehörige einer Minderheitsreligion immer noch der Vorstellung an, unter einem säkular-kemalistischen Staat leben zu wollen, der alle Identitäten unterdrückt, solange dadurch nur eine Herrschaft der sunnitischen Identität im Staatsapparat verhindert wird.

Die Dinge wendeten sich für die Aleviten enorm unter der Regierung der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AK Parti), vor allem nach der „Reform für eine Verbesserung der Situation der Aleviten“, die keine konkreten Resultate vorlegte, die ihren Anforderungen entsprochen hätten.

AKP muss über ihren Schatten springen

Die jetzige Frage besteht darin, wie ein „konservativer” Staat unter der Herrschaft der AK Partei die Loyalität der Aleviten regenerieren kann. Der kemalistische Staat konnte sich der Loyalität seitens der Konservativen nicht sicher sein, während die Aleviten loyale Unterstützer waren. Nachdem jetzt die Konservativen die Macht errungen haben und regieren, zweifelt der Staat an der Loyalität der Aleviten.

Vielleicht ist es das erste Mal, dass sich die Aleviten wirklich als eine Minderheit der Türkei fühlen, die nicht nur in der Gesellschaft isoliert wird, sondern auch vom Staat und der offiziellen Ideologie ausgeschlossen werden. Der Kemalismus verband die Aleviten mit dem Staat. Da dieser nun verschwunden ist, fühlen sich die Aleviten sitzengelassen, ausgeschlossen und staatenlos.

Die Gezi-Proteste und die Syrienkrise haben die Entfremdung der Aleviten vom Staat intensiviert. Sie stellen jetzt den Staat mit der AKP gleich. Sie sehen den Staat nicht als etwas, das sie mit den anderen teilen würden.

Das ist eines der größten Herausforderungen für die AK Partei. Sie sollte einen Weg finden, um die Aleviten zurück in das System zu integrieren und ihre Beschwerden ernst zu nehmen. Das setzt einen neutralen Staat gegenüber allen Religions- und Glaubensgruppen voraus, wobei diese Neutralität ruhig eine wohlwollende sein kann. Ein identitätsbeladener Staat hingegen kann nicht neutral sein, genauso wenig wie es der kemalistisch beladene sein konnte.

İhsan Dağı ist ein renommierter Politikwissenschaftler und Kolumnist bei der türkischen Tageszeitung „Zaman“.