Tulpen in Istabul

Die Geschichte der Lale, der Tulpe Istanbuls, ist die einer wahren Liebe, welche durch eine Reise entstand. Zunächst einmal wurde sie von Zentralasien nach Anatolien gebracht. Zu jener Zeit wurde jeder von ihrem Reiz verzaubert. Doch war es in Istanbul, wo die Tulpe ihre eigentliche Schönheit entfalten sollte und es war auch Istanbul, das ihren Namen verewigen sollte.

Fatih Sultan Mehmet selbst züchtete Tulpen in den Gärten des Topkapı-Palastes und auf seinen Befehl hin wurden überall in Istanbul Tulpengärten errichtet. In der Zeit des Osmanischen Reiches wurden Bräuche entwickelt, nach welchen man die Tulpen, kontrollierte, pflegte und züchtete. Tulpen, die in besonderem Maße favorisiert wurden, bekamen Namen.

In jedem Frühling, den Istanbul sah, hatten Tulpen überall in ihren Millionen von Farben und Varianten zu blühen begonnen. Gedichte wurden über sie verfasst, Bücher und Tagebücher wurden veröffentlicht. Irgendwann waren es mehr als 2000 Tulpenarten, die gezüchtet wurden. Tulpen waren nicht nur in der Erde zu sehen, sie haben sich überall, von der Architektur bis zur Musik, im Leben der Menschen verbreitet.

Die Tulpe wurde zu einem charakteristischen Symbol in der Kunst. In osmanischen Miniatur-Bildern wurde sie als Symbol verwendet, Kleider wurden mit ihrem Muster bestickt und auf Ebru-Bildern blühten sie einmalig auf und wurden auf diese Weise dort mit ihrer Schönheit verewigt. Die Lale und Istanbul sind keine zwei unterschiedlichen Formen des Angedenkens, denn die Lale gehört Istanbul und Istanbul gehört der Lale. Seit einiger Zeit fängt die Tulpe erneut an, in Istanbul aufzublühen…

Der Name „Lale“ kommt aus dem Persischen und bedeutet Tulpe. Wobei der Name Tulpe, Vermutungen zufolge, auf einem sprachlichen Missverständnis beruht. Der Begriff „Tulpe“ geht auf den türkischen Namen „tülbent“ zurück, welcher ebenfalls aus dem Persischen stammt und ursprünglich einen Turban bezeichnet. Die Bedeutungsübertragung des Begriffs erfolgte auf Grund der Farb- und Gestaltähnlichkeit der Tulpen zu den damals üblichen Turbantüchern der Osmanen.

Die Reise der Lale

Ursprünglich wuchsen die Tulpen wild in asiatischen Steppen. Ihre Heimat waren Pamir, der Hindukusch und Tian Shan. Während der Wanderungsbewegungen der Türken wurde diese Pflanze mit ihren Zwiebeln mit nach Anatolien gebracht.

Es gelang den Osmanen, auch Ausländer mit ihrer Tulpenleidenschaft anzustecken. Die erste Reise der Lale erfolgte zunächst einmal nach Wien. Der Gesandte des Kaisers Ferdinand I., Ogier Ghiselin de Busbecq, der 1554 in den Gärten des Topkapı-Palastes die Schönheit der Tulpen zu sehen bekommen hatte und in einem Brief an seinen Kaiser mit Begeisterung von den Tulpen der Türken schrieb, löste großes Interesse aus. Als der Gesandte sich auf den Heimweg machte, nahm er einige Tulpenzwiebeln mit nach Wien und gab sie Charles de l’Écluse, einem damals bedeutenden Botaniker, der das erste botanische Fachbuch über Tulpen im Westen verfasste. Dieser war sodann der Hauptverantwortliche für die Verbreitung der Tulpenzwiebeln in den letzten Jahren des sechzehnten Jahrhunderts. An der medizinischen Fakultät der Universität Leiden (Holland) pflanzte er sowohl einen Lehrgarten als auch einen privaten Tulpengarten, wobei er den freien Verkauf der Blume verbot. Doch leider wurden ihm einige Exemplare gestohlen und infolge dessen kam das Gewächs auf den freien Markt. Mittlerweile gehört Holland zu jenen Ländern, welche weltweit über die größte Tulpenzüchtungen verfügen.

Kaum bezahlbare Kostbarkeit

Die Tulpenzwiebeln kamen allmählich auch über die Handelswege nach Europa, erst nach Österreich und Italien, dann nach England und Frankreich. Wie keine andere Frühlingsblume hat die Tulpe den Menschen den Kopf verdreht. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde in Frankreich die Tulpe zu einer wahren Leidenschaft. Modebewusste Frauen trugen sie an ihren Haaren oder auf ihrem Dekolletee – ohne die bunten Tulpen als Schmuck wären viele möglicherweise nie in der Öffentlichkeit aufgetreten. Die Tulpen waren wertvoller als Juwelen. Sie galten zu der damaligen Zeit als eine absolut exotische Blume und Kostbarkeit. Es herrschte eine wahre „Tulpenmanie“. Auch hat sie somit viele ihrer Liebhaber in den Ruin getrieben. Kaum jemand konnte sich damals die teuren Zwiebeln der Tulpen leisten, womit sie schnell zu einem Statussymbol wurden.

Lale Devri – Epoche der Tulpe

In der türkischen Geschichte wurde sogar eine bestimmte Epoche nach der Lale benannt – Lale Devri -, was auf Türkisch „Tulpenzeit“ bedeutet. Eine wesentliche Eigenschaft dieser Periode war die außerordentliche Pflege und Entwicklung der Tulpenkultur. Die Epoche dauerte von 1718 bis 1730 an und fiel in die Herrschaftszeit von Sultan Ahmet III. und seinem Großwesir Damat Ibrahim Paşa.

Während Europa zu jener Zeit noch die Nachwirkungen des Mittelalters verspürte, verzauberten die Osmanen diese Epoche mit Poesie, Musik, Tanz und Kunst zu einem einzigartigen Kulturschatz. Weltweit gibt es kaum ein ähnliches Beispiel, in der rund um eine einzige Blume solch ein reicher Wirtschaftssektor und so eine umfangreiche Kultur entstand. In dieser Zeit befand sich das Osmanische Reich bereits im Niedergang, doch der Sultan interessierte sich nicht allzu sehr für innen- und außenpolitische Probleme.

Auch wird diese Epoche als „Zevk ve Sefa Devri“, die Epoche der Leidenschaft und des Genusses bezeichnet. Zu Ehren der Tulpe fanden jährlich zur Tulpenzeit exklusive und teure Feiern auf dem Osmanischen Hof statt. Ausländische Botschafter und insbesondere europäische Adelige wurden eingeladen. Diese Berichten der ausländischen Gäste zufolge teuren und verschwenderischen Feste dauerten bis 1730 an, bis die Bevölkerung und die Janitscharen gegen dieses Verhalten des Osmanischen Hofes revoltierten. Infolge dieser Revolution wurde der dafür verantwortliche Sultan Ahmet III. seines Amtes enthoben, an seiner Stelle kam sein Cousin Mahmut I. mithilfe der Janitscharen auf den Thron. Die Tulpenzeit fand ein jähes Ende.

Die Istanbul-Lale

Seit einigen Jahren feiert Istanbul nach mehreren Jahrhunderten sein Wiedersehen mit der Lale-Tulpe. Man hat versucht, den verlorenen Schatz so gut wie möglich wiederzuerwecken – doch mit einigen immerwährenden Verlusten. Gerade diese Tulpenart, welche mit einer schmalen Taille in messerscharfe Blütenblätter auslief und die mit einer der Mandel ähnlichen Form so anders war als alle anderen Arten konnte nicht nachgezüchtet werden. Die originale „Istanbul-Tulpe“, von der es einstmals über 1000 verschiedene Sorten gab, ist Vergangenheit geblieben. Nach der Hinrichtung des Großwesirs wurde auch dessen Haus verbrannt. Bei dem Brand wurden leider auch die sehr begehrten und ästhetisch besonderen Istanbul-Tulpen vernichtet. Seit dieser Zeit ist es niemandem mehr gelungen, diese Tulpen erneut zu züchten. In Europa gibt es zwar Tulpen, die dieser in ihrer Form ähneln, doch sind es nicht die gleichen.

Mystische Bedeutung der Lale

Ihr Anblick ist so anziehend, da sie einen verzaubert. Diese in wahrer Schönheit verschleierte Tulpe, die Lale, ist nicht nur eine Blume. Man hat der Lale gegenüber auch auf Grund der Bedeutung der Schreibweise ihres Namens eine besondere Leidenschaft empfunden. Die osmanische Schreibweise „Lale“ (original persisch: „Laleh“) setzt sich nämlich aus den gleichen Buchstaben zusammen wie der Name Allahs. Aus diesem Grund wird die Lale außerdem als ein mystisches und göttliches Symbol angesehen und in der islamischen Kalligrafie und anderen, dieser ähnlichen Kunstarten so oft verwendet.

Lale-Festivals

Mittlerweile feiert Istanbul sein Wiedersehen mit den Tulpen jährlich mit seinen Lale-Festivals. Zieht der Frühling ein, fängt diese seltene Blume an, die ganze Stadt in einen wunderschönen, bunten Traum zu verwandeln. Wenn der Kalender den Monat April anzeigt, heißt es, dass die Lale-Festivals beginnen und nicht nur türkeiweite, sondern internationale Lale-Bewunderer kommen nach Istanbul, um diese besondere Blume in ihrer Pracht erleben zu können. In diesem Jahr findet das mittlerweile bereits 9. Festival dieser Art statt und wird vom 1. bis zum 30. April abgehalten. In Istanbul haben die Menschen derzeit die Möglichkeit, überall in der Stadt diesen Tulpen zu begegnen. Man hat versucht, sie, so weit es ging, flächendeckend über die Stadt verteilt einzupflanzen. Insbesondere an folgenden Orten sollte man die Tulpen betrachten gehen, wo Gärten errichtet wurden und die Tulpen zwei Monate lang in einem unglaublichen Farbenrausch zu sehen sein werden:

Gülhane-Park mit insgesamt 1 316 000 Tulpen in 68 Variationen;

Emirgan-Wald mit 2 308 000 Tulpen in 211 Variationen;

Yıldız -Wald mit 830 000 Tulpen in 50 Variationen;

Bulbous-Botanischer Garten mit insgesamt 500 000 Tulpen in 56 Arten;

Beykoz-Wald mit 250 000 Tulpen in 16 Variationen;

Göztepe-Rosengarten mit 1 800 000 Tulpen in 150 verschiedenen Varianten;

Büyük Çamlıca mit 500 000 Tulpen in 18 Varianten;

Küçük Çamlıca mit 610 000 Tulpen in 15 Arten;

Fethipaşa-Wald mit 200 000 Tulpen in 21 Variationen

und Hidiv-Wald mit insgesamt 450 000 Tulpen in 23 Arten.

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