Zschäpe zuckte zusammen

Am zweiten Verhandlungstag des NSU-Prozesses in München wurde die Anklageschrift gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßlichen Unterstützer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ verlesen. Am frühen Morgen waren die anstehenden Zuschauen noch skeptisch, ob heute die Anklage verlesen werde. „Das wird heute bestimmt nichts“, meinte auch der Kette rauchende Rentner Helmut Sieber (68), der wieder gekommen ist. Auch diesmal stellt sich der ehemalige Malermeister Mitten in der Nacht in die Schlange für die Zuschauer, um den Nazis keinen Platz zu überlassen. Und auch heute rücken wieder mit den ersten Sonnenstrahlen die Kamerateams des Frühstücksfernsehens an und fragen Sieber, seit wann er anstehe und wie viele Zigaretten er schon geraucht habe. Um 8:20 Uhr überträgt das Deutschlandradio Siebers Raucherhusten aus der berühmtesten Schlange der Stadt. Herzlich begrüßen sich die Frühaufsteher vor der noch verschlossenen Eingangstür. Man kennt sich von letzter Woche. Freundschaften entstehen.

Daß es in dieser Stadt jedoch nicht genug Menschen wie Sieber gibt, die in aller Herrgotts Frühe auf- und anstehen, um die Rechtsradikalen präventiv aus dem Zuschauerbereich auszusperren, wird beim Einlaß um kurz nach sieben Uhr klar als es auch vier von der Polizei der rechten Szene zugeordneten Besucher in den Schwurgerichtssaal schaffen. Einer von ihnen sieht dem Angeklagten André Eminger (34) in Statur und Gesichtszügen zum Verwechseln ähnlich. Der aus Brandenburg stammende Eminger ist angeklagt, am Sprengstoffanschlag des NSU in der Kölner Altstadt und bei Raubüberfallen des NSU beteiligt gewesen zu sein. Sowohl Zuschauer als auch Angeklagter tragen ein schwarzes T-Shirt mit weißem AC/DC-Schriftzug. Beide haben Vollbärte und dieselbe sportliche schwarze Sonnenbrille auf. In den vielen Verhandlungspausen werfen sie sich immer wieder vertraute Blicke zu.
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Trotz engagierter Bürger gelangen auch Rechte in Gerichtssaal

Nachdem Eminger und die drei weiteren männlichen Angeklagten Platz genommen haben, warten die Journalisten ungeduldig auf Beate Zschäpe (38). Die versammelten Pressevertreter starren wie gebannt auf die sich nach außen öffnende beigefarbige Tür, durch welche in jedem Moment die Hauptangeklagte geführt wird. „Was sie wohl heute tragen wird?“, fragt eine Reporterin ihre Sitznachbarin.

Als die Tür aufgeht und Zschäpe endlich erscheint, wird es schlagartig still. „Noch schicker als das letzte Mal“, empört sich eine Besucherin auf der Empore. Ihr mißfällt Zschäpes heutiges Outfit, „schon wieder ein Hosenanzug“, über dessen Farbe hitzige Debatten auf der Empore entflammen. „Grau wie beton“, beschreibt ihn ein Korrespondent aus Spanien. Silbergrau, hellanthrazit, Fliederbraun, lauten andere Einschätzungen. Der Farbton liegt, so viel ist man sich sicher, irgendwo zwischen dem des Teppichbodens und der Buntfaltenhose des Justizbeamten.

Die Jagd nach dem besten Foto von Zschäpes Kostüm entfacht Erfindergeist. Ein Fotograf hebt eine Kamera auf einem fünf Meter hohen Stativ in die Höhe. Wie ein Zirkus-Artist jongliert der Technik-Tüftler einhändig mit dem langen Rohr. In der anderen Hand hält er sogar noch eine zweite Kamera. Als die Bildjournalisten des Saals verwiesen werden, jongliert er immer noch mit dem Monsterstativ bis er es vor der Tür zerlegen muß, um hindurch zu passen. Auch andere Fotografen machen beim rückwärtigen Herausgehen noch letzte Bilder von der Zschäpe.

Antragsgewitter, Wortgefechte und Streitereien

Eggolf Freiherr von Lerchenfeld, ein Coach für Körpersprache, analysiert vor Journalisten in Echtzeit Zschäpes Körpersprache. Der Experte entlarve Zschäpes Inszenierung, berichten umgehend die Onlineportale einiger Medien.

Nach der Sitzungseröffnung bricht ein Antragsgewitter über den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl (60) herein. Aussetzungsanträge, Einstellungsanträge, Anträge auf Abgabe von Erklärungen zu den Ablehnungsanträgen und viele unaufschiebbare Anträge mehr. Hinzu kommen etliche Besetzungsrügen. Die Verteidiger und die anwaltlichen Vertreter der Nebenkläger stecken ihre Claims ab. Es kommt zu hitzigen Wortgefechten und Streitereien um Wortmeldungen. So geht das über Stunden. Zschäpes Anwalt Wolfgang Heer beantragt z. B., daß in diesem Sitzungssaal nicht weiterverhandelt werden dürfe, da dessen begrenzte Kapazität zu einer unzulässigen Einschränkung der Öffentlichkeit führe, was wiederum ein Revisionsgrund wäre. Es geht Zschäpes Verteidigern darum, schon zu Beginn des Verfahrens Revisionsgründe anzulegen. Doch es hilft alles nichts. Götzl schmettert sämtliche Anträge ab und besteht auf der Vernehmung der Angeklagten zu ihrer Person.

Zschäpe verweigert die Aussage über die Daten zu ihrer Person. Götzl liest daher aus der Anklageschrift vor: ledig, zuletzt wohnhaft in der Frühlingsstraße 26 in Zwickau. Eminger hingegen sagt aus, daß er in Zwickau wohne. Holger Gerlach und Carsten Schultze betonen, sie seien zu laden über das Bundeskriminalamt. Ralf Wohlleben aus Jena gibt zu Protokoll, in der Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim inhaftiert zu sein.
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Mit deutlicher Stimme beantragt nun Herbert Diemer, Bundesanwalt beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe, die Anklageschrift zu verlesen. Götzl setzt sich gegen juristische Winkelzüge der Verteidigung durch und gibt Diemers Antrag statt. Diemers Bordeauxfarbige Robbe aus Samt schwingt etwas mit als er sich erhebt um die Anklage zu verlesen. Er klagt Zschäpe unter anderem an, in neun Fällen Menschen aus heimtückischen und aus niederen Beweggründen ermordet zu haben. Zschäpe spielt nervös mit ihren Fingern. Sie tippt mit ihren Fingern auf ihrer Handfläche.

Eminger wird vorgeworfen, eine Vereinigung unterstützt zu haben, deren Ziel gemeiner Mord und die Schädigung des Staates gewesen sei. Eminger verschränkt die Arme vor seiner Brust und schaut Diemer böse an. Wohlleben, dem Beihilfe in neun Mordfällen zu Last gelegt werden, erträgt die gegen ihn verlesene Anklage ruhig und bedächtig. Er hat die Hände in seinem Schoß wie zum Gebet gefaltet und richtet seine Blicke auf einen Aktenordner, der vor ihm aufgeschlagen liegt. Dem, so die Bundesanwaltschaft, seit 2001 unter dem Namen NSU auftretenden Trio, bestehend aus Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, wirft Diemer vor, mit ihren Taten Ausländer zum Wegzug aus Deutschland bewegen zu wollen. Ihrem Motto „Taten statt Worte“ fielen mindestens zehn Menschen zum Opfer.

Zschäpe zuckt zusammen, als die Tatumstände der Morde geschildert werden

Diemer gibt nun die Tatumstände der durch den NSU ermordeten Ausländer bekannt. Er schildert, wie Mitglieder des NSU neun Schüsse auf den Floristen Enver Şimşek abgeben, der an seinem Stand in Nürnberg gerade seine Blumen sortiert. Der Franke Diemer stammt aus der Nähe von Nürnberg. Der deutliche fränkische Dialekt, mit dem Diemer seine Anklage vorträgt, klingt in diesem Moment wie doppelt anklagender Unterton. Während Diemer die blutigen Details der Exekution bekannt gibt, schüttelt sich Zschäpe. 

Anschließend erläutert Diemer, wie der Schichtarbeiter Abdurrahim Özüdoğru mit zwei Kopfschüssen in Nürnberg hingerichtet wurde. Zschäpe zuckt kurz zusammen. 

Dann beschreibt Diemer, wie der Obst- und Gemüsehändler Süleyman Taşköprü in Hamburg mit drei Kugeln durchsiebt wurde. Zschäpe senkt den Kopf. 

Jetzt schildert Diemer, wie der Händler Habil Kılıç in seinem Münchner Geschäft erschossen wurde. Zschäpe starrt auf ihren Laptop. 

Diemer erörtert, wie Mehmet Turgut in einem Döner-Imbiß in Rostock durch mehrere Kopfschüsse getötet wurde. Zschäpe wippt zweimal nervös auf ihrem orangefarbenen Stuhl hin- und her. 

Diemer beschreibt, wie die Mitglieder des NSU den Geschäftsmann İsmail Yaşar in seinem Laden in Nürnberg mit fünf Schüssen in seinen Kopf und in sein Herz hinrichteten. Zschäpe zeigt keine Rührung mehr. 

Diemer beschreibt, wie Theodoros Boulgarides, Mitinhaber eines Schlüsseldienstes, aus nächster Nähe mit einer Pistole in München exekutiert wurde. Zschäpe bleibt rührungslos.

Diemer legt dar, wie Mehmet Kubaşık, Besitzer eines Kiosks, in Dortmund aus nächster Nähe hingerichtet wird. Zschäpe zupft den Stoff ihres Hosenanzugs zurecht.

Diemer stellt fest, wie der Halit Yozgat, Betreiber eines Internetcafés, in Kassel durch Kopfschüsse ermordet wurde. Zschäpe senkt ihren Blick.

Die anderen Angeklagten flegeln sich derweil lässig in ihren Stühlen und vermitteln allen im Saal, die sich ihr Gefühl für Anstand bewahrt haben, wie sehr ihre Körperhaltung die Opfer verhöhnt.
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Fassungslosigkeit des Publikums und des Generalbundesanwalt

Diemer, der seit 25 Jahren für den Generalbundesanwalt tätig ist und seit 2004 in der Abteilung Terrorismus leitend ermittelt, fällt es spürbar schwer, diese Verbrechen nüchtern zu schildern. Mehrmals pausiert er, nimmt einen Schluck Wasser. Auch die 100 Zuschauer auf der Empore sind erschüttert. In diesem Moment erfahren sie aus dem Mund des Bundesanwalts auf einen Schlag all die grausamen Details dieser Mordserie. Angewidert stöhnen sie, als Diemer die Folgen des Nagelbombenattentats in Köln schildert. Eine Zuschauerin hält sich fassungslos ihre Hand vor den Mund. Ihre Augen blicken traurig ins Leere.

„So“, sagt Diemer in dem Moment als er die Schilderung der Anschläge und Raubzüge des NSU beendet. In diesem kurzen „so“ stecken all die Schuld, welche die Täter auf sich geladen haben und auch das Streben des Bundesanwalts nach Sühne. Das von Diemer geforderte Strafmaß für Zschäpe lautet lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Zschäpe verschränkt die Arme und beißt sich auf die Unterlippe. Das eiskalte Lachen ist ihr vorerst vergangen.