Libanon Downtown

Erst tritt er aus der Ferne ab, nun kehrt in die Heimat und ins Amt zurück. Libanons Premierminister Saad al-Hariri vollzieht eine gefährliche Kehrtwende. Das könnte eine ganze Region ins Chaos stürzen.

Von STEFAN KREITEWOLF

Er ist wieder da. Pünktlich zum 74. Jahrestag der Unabhängigkeit Libanons, ist Premier Saad al-Hariri zurück. Am Mittwoch ließ er sich auf der Ehrentribüne in Beirut feiern – als wäre nichts gewesen. Doch vor gut zwei Wochen verlas al-Hariri in der saudischen Hauptstadt Riad noch völlig überraschend seinen Rücktritt. Morddrohungen ließen ihm keine andere Wahl, erklärte er zitternd im saudischen Staatsfernsehen.

Die Weltpolitik rätselte, um seine wahren Beweggründe ob der dubiosen Umstände des Rücktritts. Gab es tatsächlich Morddrohungen? Oder ging es um offene Rechnungen zwischen al-Hariri und dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman? Wollte der rabiate Prinz die Konfrontation mit dem regionalen Rivalen Iran im Libanon anheizen?

Fragen über Fragen: In Beirut hieß es, der saudische Kronprinz habe den libanesischen Politiker zu diesem Schritt gezwungen. Zu ungewöhnlich waren die zahlreichen Schmähungen in seiner Rücktrittsrede gegen den Iran und die Hisbollah – mit der al-Hariri am Kabinettstisch sitzt, die aber als Erzfeinde der saudischen Herrscherfamilie gelten, weil sie vom verfeindeten Iran unterstützt werden.

Dass der Sunnit al-Hariri eng mit Saudi-Arabien verbandelt ist, ist indes keine Neuigkeit. Die Herrscher in Riad konnten durch ihn ihren Einfluss im multikonfessionellen Libanon ausüben. Warum sie ihn trotzdem seinen Rücktritt verkünden ließen? Unklar. Fakt ist: Das Rätsel löste Schockwellen in der gesamten Region aus. Von einem möglichen Krieg mit Israel war bereits die Rede. Auch Frankreich und Deutschland zeigten sich besorgt.

Via Paris zurück nach Beirut

Denn die politische Gemengelage im und um den Libanon ist äußerst fragil: Der Irak und Syrien sind bereits zerstört. Der Libanon – bislang Hort der Stabilität in einer explosiven Konfliktregion – droht ein ähnliches Szenario wie dem Jemen. Dort liefern sich Riad und Teheran einen Stellvertreterkrieg, der an allen Fronten nur Verlierer produziert.

Um diese gefährliche Dynamik zu verhindern, lud Frankreichs umtriebiger Präsident Emmanuel Macron al-Hariri am Wochenende in den Èlysée-Palast ein. Der Premier erlangte in Paris seine Souveränität zurück. Ein enger Vertrauter al-Hariris wertete den Besuch in der französischen Hauptstadt als seine „Rettung“ aus Saudi-Arabien, wie die Deutsche Presse-Agentur erfahren haben will. Im Libanon und in der gesamten arabischen Welt wurde das Einschreiten Macrons bejubelt.

Al-Hariris Heimkehr entspannte zwar die Diplomaten dieser Welt. Die Saudis, allen voran Kronprinz Mohammed, zürnen indes. Auch, wenn Hariri durch den Beliebtheitsschub aufgrund seines wohl unfreiwilligen Riad-Aufenthalt gestärkt wirkt und weiterhin mit den saudischen Herrschern zusammenarbeiten dürfte: Saudi-Arabien wird diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen.

Statt der zuletzt absehbaren Befriedung des Nahen Ostens weiterzuhelfen, rüsten sich nun alle Parteien wieder für neue Konflikte. Al-Hariris Harakiri könnte eine ganze Region ins Chaos stürzen. Die Folgen für den Nahen Osten wären nicht abzusehen.

Für die Region wie für den Libanon gilt nun: Nach der Krise ist vor der Krise.