Bloggerinnen schaffen Gegenöffentlichkeit

Die negative Berichterstattung über „Ausländer“ ist nicht neu. Bereits in den 1980er und 90er Jahren waren Ausländer in den deutschen Medien unterrepräsentiert, und wenn über sie berichtet wurde, dann in Zusammenhang mit Kriminalität, sozialstaatlichen Belastungen infolge steigender Arbeitslosigkeit und Zunahme von Aslybewerbern.

Die Mutation der Kategorien von Gastarbeitern zu Ausländern, von Ausländern zu nationalen Gruppen wie Türken, Italienern oder Marokkanern bis zu der Gruppierung „Muslime“ zeigt auf, dass insbesondere in den 2000er Jahren letzterer Kategorie ein besonderes Gewicht zuteil wird. Eine Pauschalisierung, aber gleichzeitig die vereinfachte Darstellung des Ganzen, ohne differenzieren zu müssen, scheint sich durchgesetzt zu haben. „Islamistische“ Terroranschläge wurden auf die Gesamtheit der muslimischen Gesellschaft übertragen. Begrifflichkeiten wie „Schläfer“, „Hassprediger“ und „Konvertiten (zum Islam)“ gaben genug Anlass, um den Generalverdacht zu rechtfertigen und die Angst vor dem Islam salonfähig zu machen. Die ablehnende Haltung der überwältigenden Mehrheit der Muslime gegenüber Terroranschlägen wurde demzufolge medial ausgeblendet, was noch einmal die Angst in der Gesellschaft potenzierte.

Zuletzt war eine Konzentration der Berichterstattung auf das Koptuch feststellbar, das per se mit Unfreiheit und Unterdrückung assoziiert wurde.

Von einer positiven oder gar objektiven Berichterstattung über Muslime fehlt bisher jedwede Spur. Das DTJ hat mit Stine Eckert, die im letzten Jahr eine Studie über muslimische Blogger gemacht hatte, gesprochen. Sie war auf der re-publica Konferenz in Berlin.

Was führte Sie zum Kongress nach Berlin, Frau Eckert?

Ich habe dort meine Studie zu „Muslimischen BloggerInnen als Gegenöffentlichkeit“ präsentiert und wollte mir auch die vielen anderen Panels ansehen.

Worüber handelt Ihre Promotion, die Sie dort vorgestellt haben?

Die Studie, die ich vorgestellt habe, gehört nicht zu meiner Doktorarbeit, sondern ist eine Studie, die ich zusammen mit einer meiner Doktormütter, Dr. Kalyani Chadha, angefertigt habe, um die Rolle der muslimischen BloggerInnen in Deutschland aus einer qualitativen Perspektive heraus zu beleuchten.

Welche einschneidenden Ergebnisse hat die Studie geliefert?

Wir haben festgestellt, dass die 28 befragten muslimischen BloggerInnen als eine Gegenöffentlichkeit zu den traditionellen Medien in Deutschland funktionieren. Sie schaffen für sich selber durch Blogs und neue Medien eine eigene, positiv definierte Identität, verlinken sich zum großen Teil, bieten alternative Sichtweisen zu muslimischem Leben und korrigieren und kritisieren die Berichterstattung der traditionellen Medien. Mehrere BloggerInnen haben es auch geschafft, in den traditionellen Medien zu veröffentlichen und so ihre Perspektive in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen.

Wie ist Ihre Meinung zu den traditionellen Medien?

In unserer Studie bauen wir auf mehrere andere Studien auf, die belegen, dass die traditionellen Medien in Deutschland, ob Print oder Rundfunk, muslimische Menschen vor allem mit Terrorismus und negativen Stereotypen in Verbindung bringen und die vielfältige Lebensrealität der Muslime in Deutschland nicht adäquat abbilden.

Welche Chancen und Risiken bergen Online-Medien?

Für bestimmte Gruppen, die bisher kaum die Möglichkeit hatten, selbst an Medienproduktion teilzunehmen, bieten neue Medien alternative diskursive Räume, um ihre Stimme zu erheben und dadurch auch anderen Menschen eine andere Sichtweise zu bieten.

Welchen Stellenwert haben Ihrer Beobachtung nach Blogs neben den Online-Auftritten der traditionellen Medien?

Blogs werden immer noch von sehr wenigen Menschen in Deutschland gelesen; verschiedene Studien, vor allem die ARD-ZDF-Onlinestudie, zeigen das immer wieder. Die Online-Auftritte der traditionellen Medien genießen immer noch meist eine Art Vertrauensbonus der Markennamen der etablierten Medien. Die meisten Menschen lesen also eher dort als in Blogs.

Welche Bedeutung haben Ihrer Meinung nach Leitmedien in den wachsenden Möglichkeiten der freien Nachrichtenberichterstattung auf dem Wege des world wide web?

Die Leitmedien sind immer noch die Leitmedien, das heißt, sie bestimmen weiterhin die Agenda und versorgen die Medienlandschaft mit original recherchierten Berichten. Gerade in Deutschland mit einem immer noch starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk und einer immer noch sehr großen Vielfalt an Tages- und Wochenzeitugen, werden diese traditionellen Angebote sehr stark genutzt, weil sie eine große Bandbreite abdecken.

Wie sehr verschmelzen On- und Offline-Medien bzw. in welcher Beziehung stehen sie zueinander?

Es ist nicht mehr sinnvoll und wird es immer weniger sein, zwischen Off- und Online zu unterscheiden, denn wir leben ja in nur „einer“ Welt. Das wird auch in den Medien in Deutschland immer stärker durchkommen und die meisten, wenn nicht sogar alle traditionellen Medien haben ja auch Webseiten etc. Aber die Onlineauftritte können sicher noch ausgebaut werden und wandeln sich ja auch immer noch wieder, weil es dort einfach mehr Möglichkeiten gibt an Video, Grafiken, interaktiven Elementen, Text und Ton.

Welchen Stellenwert haben Ihrer Meinung nach Soziale Medien wie Facebook, Twitter, und Google Plus etc.?

Facebook wird in Deutschland von der Mehrheit der Internetnutzer genutzt. Twitter wird nur von einem sehr kleinen Teil der Deutschen, die online sind genutzt, ca. 2-3 %, bei Google Plus wird es ähnlich aussehen.


Stine Eckert ist Doktorandin am Philip Merrill College of Journalism der University of Maryland. Sie interessiert sich für internationale, vergleichende Arbeiten und die Schnittpunkte sowie das demokratische Potenzial der neuen Medien.