Bräuchte auch Deutschland einen „Rat der Weisen“?

GASTBEITRAG In den vergangenen Wochen haben wir Schlagzeilen gelesen über den „Rat der Weisen“ in der Türkei. Der Premier Recep Tayyip Erdoğan hatte ihn einberufen. Dieser Rat soll in den verschiedenen Gebieten der Türkei die Sorgen der Bevölkerung anhören, gegebenenfalls Impulse geben und vermitteln im Verhältnis zwischen Regierung und Bevölkerung. Insbesondere soll sie für den türkisch-kurdischen Aussöhnungsprozess werben. Es gibt dabei keine Vorgaben, wie diese Delegation vorgehen soll.

Die Delegation besteht aus 63 Mitgliedern, die in sieben Gruppen aufgeteilt sind. Demnach gibt es in jeder Gruppe neun Teilnehmer. Bei aller – ohnehin nicht selten rein destruktiven und von Informationsarmut und Einseitigkeit gekennzeichneten – Kritik an der AKP und an Erdoğan, wie man sie täglich in Deutschland vernehmen kann, muss man doch fair sein und einräumen, dass es der Regierung nicht an Ideen für den Frieden fehlt. Auch ich kritisiere Erdoğan und sein Kabinett in manchen Belangen, aber ich möchte dabei auch die vielen Erfolge dieser Regierung nicht außer Acht lassen.

Die Rollen der Mitglieder

Die Mitglieder des Rats der Weisen sind nicht irgendwelche abgehobenen Funktionäre. Sie haben sich über Jahre hinweg in der türkischen Gesellschaft bewährt, durch ihre Arbeit etabliert und einen guten Ruf verschafft. Sie sind Künstler, Sänger, Schauspieler und Wissenschaftler. Vor allen Dingen die Rollen, die die Schauspieler innehaben, und deren Bedeutung für die Menschen, sprechen Bände. Diese Menschen hinter den Rollen haben nicht nur das Potenzial, zwischen der Regierung und der Bevölkerung zu vermitteln, sondern auch tatkräftige und nachhaltige Impulse zu setzen.

Als Beispiele lassen sich hier unter anderem Hülya Koçyiğit in ihrer Rolle als „Melek Anne“ in der Familienserie „Ein Engel als Mutter“ und Kadir Inanır mit seiner Rolle als Freiheitskämpfer „Tatar Ramazan“. Manchmal ging es in ihren Rollen um den Kampf gegen Ungerechtigkeiten auf der Welt und gegen Tyrannei. Auch die Sänger, die Teil der Kommission sind und sich in ihren bekannten Liedern mit ähnlichen Themen beschäftigt hatten, können zum Friedensprozess beitragen.

Wäre das nicht auch eine Idee für Deutschland?

Könnte man eine ähnliche Kommission nicht auch in Deutschland auf die Beine stellen? Schließlich haben wir beispielsweise im Zuge der NSU-Krise und der Integrationsdebatten viele Probleme zu bewältigen. Dabei hat es die Regierung natürlich nicht leicht. Zum einen geht es um das Verstehen der anderen Kultur und zum anderen darum, wie man mit dieser Kultur umgeht. Bisher haben meines Erachtens nach sämtliche Berater der Regierung in dieser Hinsicht versagt. Jedenfalls sieht man es an der Regierungspolitik, dass das, was von Oben kommt, die Gemüter der Minderheiten nicht gerade erfreut. Wir denken dabei etwa an die unsägliche Plakatkampagne von Innenminister Friedrich oder an die Aussagen Merkels („Multikulti ist tot“).

Das NSU-Verfahren steht uns auch noch bevor und an diesem Punkt könnte doch so eine Kommission, sei es auf Länderebene oder auch Bundesebene, zwischen den Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft vermitteln, aber auch eine beratende Rolle für die Regierung wahrnehmen.

Welche potenziellen Mitglieder hätte Deutschland vorzuweisen?

Auf den ersten Blick mag die Idee, dass Talkshowmoderatoren, die regelmäßig sich rassistisch äußernde Politiker einladen, oder Charakterfiguren aus Serien, in denen es primär um Seitensprünge oder Drogenmissbrauch geht, eine Vorbildwirkung entfalten könnten, Skeptiker auf den Plan rufen. Aber Deutschland hat eine ganze Menge mehr zu bieten. Ich denke dabei etwa an Dieter Hallervorden, Otto Waalkes, Götz George, Kaya Yanar, Bülent Ceylan, Senay Duzcu und viele mehr.

Die Liste kann lang werden, wenn ich sie weiterführen würde. Und es gäbe nicht nur potenzielle Teilnehmer aus dem Schauspielgeschäft oder dem Kabarett. Es lassen sich bestimmt auch Namen aus Politik und Wissenschaft finden. Wichtig dabei wäre, eine ausgewogene Auswahl sowohl aus den Minderheitengruppen und der Mehrheitsgesellschaft hinzubekommen.

Wie bei jeder Gründung einer Arbeitsgruppe, könnten während der Aufarbeitung der Lösungen, unerwartete Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen einzelnen Bevölkerungsteilen entstehen. Dies wird meines Erachtens nicht ausbleiben, da sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen ihre Sorgen und ihren Frust von der Seele reden werden. Auch ist mir klar, dass der Vergleich zwischen der gesellschaftlich-politischen Situation in Deutschland und der Türkei an sich schwierig, wenn nicht gar unzulässig ist.

Dennoch bin ich sehr zuversichtlich, dass es klappen kann. Zumindest würde die Minderheitsgesellschaft erkennen, dass die Regierung an einer Lösung der Spannungen in Deutschland interessiert ist. Denn bisher hat man übereinander gesprochen. Jetzt gilt es miteinander zu sprechen.

Autoreninfo: Resul Özçelik (35) ist Gründer und Chefredakteur der Seite dib – Die Integrationsblogger. Er arbeitet als PR-Beauftragter der privaten Schulgemeinschaft „Gymnasium & Realschule Eringerfeld“ bei Paderborn.