Mehmet Görmez
Mehmet Görmez

In Çorum mussten sich zwei Koranlehrer bei zwei Politikern öffentlich entschuldigen, weil sie zuvor einer Wahlkampfrede der beiden eine Absage erteilt haben. Es hätte dem Ruf von Diyanet als überparteilicher Institution schaden können, argumentierten sie. In Antalya werden die Anträge auf Versetzung von Bediensteten der Religionsbehörde nach ihrer Gewerkschafts-Zugehörigkeit beschieden. In Çanakkale hat der Mufti Religionsbedienstete gezwungen, ihre Prämien zugunsten eines Dienstwagens für den Mufti zu spenden. In Kırşehir betätigt sich ein Imam als Redakteur eines Internet-Portals und verhält sich wie ein Vertreter einer politischen Partei.

Das sind einige der Feststellungen der Gewerkschaft Türk Diyanet Vakıf-Sen, einer Gewerkschaft der Diyanet-Bediensteten, zu Unregelmäßigkeiten innerhalb der türkischen Religionsbehörde Diyanet İşleri Başkanlığı, dem Präsidium für religiöse Angelegenheiten in der Türkei.

Die Behörde des sunnitischen Islam

Diyanet ist die größte Behörde der Türkei. Im Staatshaushalt verfügt sie über den größten Anteil aller Behörden, im Jahr 2015 beschäftigte sie um die 100.000 Mitarbeiter, ihr Budget betrug über eine Milliarde Euro. 1924 gegründet, sollte sie die Religion unter Kontrolle halten und in den Dienst des Staates stellen. Aber mit der Zeit hat sie sich gewandelt, wurde immer konservativer.

Alle zufriedenstellen konnte sie noch nie. Die Aleviten werden durch sie nicht vertreten, viele forderten sogar ihre Abschaffung. Sie stand für den sunnitischen Islam, der hanafitischen Rechtsschule. Trotzdem hatte sie sich eine gewisse Achtung und Autorität erarbeitet. Sie befolgte über lange Zeit hinaus die Vorgabe, sich aus der Politik herauszuhalten. Der Staat verstand sich als laizistisch, die Moscheen und das Amt sollten nichts mit Politik zu tun haben.

So kam beispielsweise ihr Ableger erst mehr als ein Jahrzehnt nach anderen Gemeinden wie Millî Görüş oder den sogenannten Süleymancılar nach Deutschland. DİTİB, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, wurde 1984 gegründet. Trotzdem wuchs sie mit der Zeit zum größten türkisch-religiösen Verband heran. Ihre Linie galt als liberal. Viele, die Moscheen nur wegen ihrer religiösen Verpflichtungen besuchen wollten, aber an einem darüber hinaus gehenden religiösen Engagement kein Interesse hatten, bevorzugten die DİTİB-Moscheen.

Das hat auch über lange Zeit hinaus geklappt. Jetzt aber scheint es zunehmend nicht mehr zu funktionieren. Mittlerweile scheint auch die Diyanet mit dem Virus der Parteipolitik infiziert zu sein. Das zeigt sich nicht nur daran, dass in den Diyanet-Moscheen des Verbandes DİTİB im vergangenen Jahr Wahlkampf für die AKP gemacht werden konnte, sondern auch am Bericht der Gewerkschaft über die Unregelmäßigkeiten innerhalb der Diyanet – und daran, wie auf das Bericht innerhalb der Diyanet in der Türkei reagiert wird.

Hetze im Namen der Diyanet

Eine Internet-Seite mit dem Namen dinihaberler.com wetterte gegen den Bericht. Dem Namen nach handelt es sich bei der Seite um ein Nachrichtenportal, das vorrangig Berichte und Meldungen aus dem Bereich der Religion veröffentlicht. Der Slogan der Seite erweckt den Eindruck, dass es sich dabei um eine offizielle Seite der Diyanet handelt. Sie lautet nämlich: Nachrichten-Zentrum der Behörde Diyanet (Diyanet Teşkılatının Haber Merkezi). Schaut man sich aber die Berichte und Artikel der Seite an, dann stellt man kaum Unterschiede zu regierungsnahen Zeitungen oder Hetzblättern fest. Die gleiche verunglimpfende Sprache, das gleiche Lob auf die AKP und Geschimpfe auf die Oppositionellen.

Warum duldet die Diyanet eine solche Seite in ihrem Namen? Jedenfalls waren die Vertreter der Gewerkschaft mit dem besagten Bericht auch bei Diyanet-Präsident Mehmet Görmez. Dieser habe den Vertretern der Gewerkschaft gegenüber versichert, dass auch sie es nicht in Ordnung finden, dass das Portal dinihaberler.com ihren Namen benutzt und hätten deshalb rechtliche Schritte eingeleitet. Eine kurze Recherche ergibt jedoch, dass die Seite schon seit 2011 existiert. Schwer vorzustellen, dass sie davon keine Kenntnis gehabt hätten.

Politisierung und Glaubwürdigkeit einer religiösen Institution sind wohl nicht unter einen Turban zu bringen.