Die Hände einer Schwarzafrikanerin liegen am 12.09.2006 auf der Einbürgerungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland im Rathaus Berlin-Neukölln während einer Feierstunde zur Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft - dpa

Vor über zehn Jahren habe ich aus voller Überzeugung die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Aus rationalen Erwägungen heraus gab es für mich damals auch keine Alternative: Ich wollte in Deutschland leben. Also lautete daraus die zwingend-logische Konsequenz, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Denn nur so hätte ich vollständiges Mitglied dieser Gesellschaft werden können. Kurz: Ich wollte ein Deutscher werden.

Inzwischen hat diese Gesellschaft es geschafft, aus mir, wohl gemerkt einem assimilationswilligen Sohn eines türkischen Gastarbeiters, wieder einen Türken zu machen. Ich spreche inzwischen viel besser Türkisch als damals. Auch habe ich begonnen, die Kultur und Geschichte der Türkei zu studieren. Die Märzrevolution von 1848 war mir zuvor näher als Kanuni Sultan Süleyman, hierzulande besser bekannt als Süleyman der Prächtige, während dessen Zeit das Osmanische Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht stand. Inzwischen ist er ein Held von mir geworden, den ich sehr bewundere. Seit einiger Zeit bete ich auch fünf Mal am Tag. Denn ich wurde an die Bedeutung meiner Religion erinnert.

Ein Tropfen Öl in einem Glas Wasser

Noch ein kleiner Schritt mehr, ich wäre damals ohne Zweifel assimiliert gewesen. Doch diese Gesellschaft hat mir in den letzten Jahren auf teilweise herabwürdigende und ehrverletzende Weise demonstriert, dass ich kein vollständiges Mitglied dieser Gesellschaft werden kann, wie sehr ich mich auch assimiliere. Daher ergab die logische Schlussfolgerung meiner Überlegung damals, deutscher Staatsbürger zu werden, weil ich Deutschland zu meinem Lebensmittelpunkt machen und vollständiges Mitglied dieser Gesellschaft werden will, überhaupt keinen Sinn mehr. Egal was ich mache, ich bleibe ein Kanake!

Ich habe allerdings auch verstanden, dass Deutschland kein Problem mit mir hat. Dieses Land hat ein unvorstellbar großes Problem mit sich selbst: Es kann sich nicht von seinem Völkismus befreien, der sich über Jahrhunderte hinweg in die Volksseele hineingefressen hat. Dieser Völkismus ist das perpetuum mobile für die irrationale und in Neid getränkte Überfremdungsangst in diesem Land. Diese Gesellschaft hat keinen Deut’ Fantasie, weil auch kein Interesse vorhanden ist, dass auch der Sohn eines türkischen Gastarbeiters, sei er assimilationswillig oder auch nicht, ein wertstiftendes Mitglied einer „Volksgemeinschaft“ sein kann, das sich sehr lange Zeit über das „Blut“ definiert hat. Wie hat ein kurdischer Freund aus Berlin vor einigen Jahren zu mir gesagt: „Man bleibt stets der Tropfen Öl in einem Glas Wasser, der auf der Oberfläche schwimmt. Man befindet sich zwar im Glas, aber man ist trotzdem kein Teil des Inhalts.“

Dieses Land hat es vor einigen Jahren geschafft, nicht nur mich, sondern nahezu meine ganze Generation wieder zu Türken zu machen. Und wie es aussieht, hat dieses Land es in kurzer Zeit wieder geschafft, auch die nachfolgende Generation zu enttäuschen und sie auf diese Weise wieder zu Türken zu machen. Dabei hätte es mit einem banalen symbolpolitischen Griff auf einem Schlag die Herzen nicht nur einer Generation sondern der gesamten Community zurückgewinnen können: nämlich mit dem Doppelpass.

Multikulturalismus im Grundgesetz verankern

Ich möchte klarstellen, dass für mich persönlich der Doppelpass egal ist. Ich will inzwischen etwas anderes, nämlich noch mehr. Denn aus der logischen Schlussfolgerung meines Wunsches, dauerhaft in Deutschland zu bleiben, ergibt sich inzwischen nicht mehr, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, sondern Minderheitenrechte für die türkische Community durchzusetzen, die nicht nur seit 50 Jahren in diesem Land lebt. Ich will auch, dass der Multikulturalismus in das Grundgesetz verankert wird. Nur so kann dem Völkismus das Rückgrat gebrochen werden. Aber ich kenne meine Community sehr gut.

Für sie ist der Doppelpass nicht ein Privileg, wie von der Politik behauptet, sondern er ist der Weg zur Anerkennung. Der Doppelpass, der der türkischen Community systematisch versagt, anderen Communities aber gewährt wird, ist nämlich der offensichtlichste Beweis für ihre Ungleichbehandlung. Die doppelte Staatsbürgerschaft wäre das Füllmittel gewesen, das Loch der Ungleichheit abzudichten.

Der Doppelpass wird nicht kommen!

Ja, ja… Die Frau Merkel ist auch unsere Bundeskanzlerin… Das hat sie auf der heutigen Pressekonferenz auch wiederholt. Nur klingt es nicht mehr glaubwürdig. Eine solche Aussage wirkt inzwischen wie eine Beruhigungspille, um keine Aufregung zu verursachen. Doch an diesem Tag hörte sich die Äußerung der Frau Bundeskanzlerin eher an wie „Ich bin die Bundeskanzlerin aller Menschen in Deutschland. Aber für einige bin ich noch mehr Bundeskanzlerin als für andere.“ Aber nein, der Doppelpass kommt nicht. Und als ob dies nicht schlimm genug wäre, tut die Große Koalition, die wahrscheinlich bald die Arbeit aufnehmen wird, noch so, als ob jetzt die doppelte Staatsbürgerschaft kommen würde. Schlimm genug, dass die Türkinnen und Türken ungleich behandelt werden – jetzt werden sie auch noch für blöd gehalten.

Am 5. September 2012 habe ich auf meiner Facebook-Seite folgendes gepostet:

„Ich erwäge ernsthaft wieder die türkische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Das ist kein Affront gegen Deutschland. Nein! Ich gedenke nur, diesem Land eine zweite Chance zu geben, mir ein ehrlicheres Angebot zu machen, ein Teil dieser Gesellschaft zu werden. Denn das erste Angebot ist bisher beschissen.“

Mit Verlaub – es ist immer noch beschissen.

Ich bin nicht enttäuscht. Ich empfinde nur tiefe Trauer für meine Community, die bei diesen Wahlen noch hoffnungsvoller war als sonst. Aber sei’s drum. Denn ich habe andere Ziele, die viel wertvoller sind als der Doppelpass: Zum einen die Anerkennung der türkischen Gemeinde als Minderheit. Zum anderen die Verankerung des Multikulturalismus in das Grundgesetz. Vielleicht erkennt meine Community, dass es sich bei diesen beiden Zielen noch mehr lohnt, die nächsten 50 Jahre dafür sie zu streiten.

Wer macht mit?