Islamfeindschaft - eine Folge des Narzissmus

Die über ein Jahrzehnt hinweg durchgeführte „Mitte-Studie“ um die Wissenschaftler Oliver Decker und Elmar Brähler ist letztes Jahr zu Ende gegangen. Die Ergebnisse der letzten zehn Jahre sind in dem Buch „Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose“ zusammengetragen. Im gleichen Jahr wurde auch die Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ von Wilhelm Heitmeyer zum Abschluss gebracht. Beide Studien bescheinigen der hiesigen Gesellschaft vor allem mangelhafte menschliche Qualitäten. Während „Deutsche Zustände“ mit ihrem inzwischen zum festen Diskursbestandteil gewordenen Begriff „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (GMF) in den Medien reichlich rezipiert wurde, ist die „Mitte-Studie“ bisher nur einem kleineren Kreis bekannt.

Heitmeyer diagnostiziert innerhalb der hiesigen Gesellschaft eine Ungleichbehandlung von religiösen, ethnischen und sozialen Minderheiten. Muslime seien hiervon besonders betroffen. Feindlich gesinnte Täter sehen ihre eigene Gruppe als überlegen an, lehnen die kulturelle Vielfalt ab und befürworten autoritäre Herrschaftsformen.

Die „Mitte-Studie“ hingegen untersucht die sozialpsychologischen Ursachen dieser Misere. Die Islamfeindschaft bildet auch hier die zentrale Erscheinungsform rassistischer Vorurteile. Der Rassismus in Deutschland dürfe zudem nicht mehr als Randphänomen verharmlost werden, das angesichts der Misserfolge neofaschistischer Parteien wie NPD oder „Die Freiheit“ bei Wahlen als marginalisiert angesehen werden könne. Denn dies wäre eine eklatante Verkennung eines alarmierenden Massensyndroms. Die Wissenschaftler sprechen Klartext, wenn sie etwa die Ursachen des Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft verorten, genauer bei jenen, die vom Abstieg bedroht sind oder sich zumindest für bedroht halten.

Wirtschaftswunder = Narzisstische Plombe?

Zur genaueren Erklärung dieses Syndroms gehen sie bis in die Nachkriegszeit zurück. Es heißt darin, dass der kollektive Narzissmus der Nazizeit und der darauffolgende Zusammenbruch des Hitlerregimes schwerste Schädigungen des Selbstwertgefühls hervorriefen. Dies musste überwunden werden. Nicht die Demokratie und auch nicht die Entnazifizierung, sondern der wirtschaftliche Aufschwung bewirkte hier wahre Wunder: Das geschädigte Selbstwertgefühl wurde schnell aufgewertet und als gewünschter Nebeneffekt wurde auch die Demokratie akzeptiert, auch wenn sie nicht wirklich abseits der Nabelschau einer ethnisch homogenen Gesellschaft gelebt und vorgelebt wurde. Doch mittels der narzisstischen Plombe des Wirtschaftswachstums konnten sich Deutsche endlich wieder mit einem größeren Selbst identifizieren. Selbstverständlich geht so etwas nur bis zur nächsten ökonomische Krise gut.

So räume die hiesige Gesellschaft bis heute der Teilhabe am Wohlstand und Konsum einen höheren Stellenwert ein als der Demokratie. Die Demokratie gelte nicht als Teil der Lebensrealität. Dies erkenne man daran, dass, sobald am Lack des Selbstwertes gekratzt werde, schnell auch die felsenfest geglaubte Demokratiefähigkeit erschüttert sei. So haben sich auch knapp 60% der Befragten vorstellen können, Muslimen ihr Recht auf Religionsausübung einzuschränken, da diese eine Gefahr darstellten. Dass die Religionsfreiheit durch die Menschenrechte und das Grundgesetz geschützt ist (und die Religionsfreiheit auf der Basis des Art. 18 GG nicht einmal im Falle eines Missbrauchs derselben verwirkungsfähig ist), scheint hier nicht weiter zu stören. Kurzum erkenne man, dass mit der abflachenden Konsumwelle schnell auch die Demokratiefähigkeit baden gehe.

Sündenbock: Religiöse Minderheiten?

Warum Schuldige anhand religiöser Zuordnung dingfest gemacht werden? Darauf antworten die Forscher mit einer kritischen Bewertung der Moderne. Und zwar liege der Grund hierfür in der missglückten Säkularisierung und der Existenz einer sakralen Glut direkt unter der Oberfläche moderner Gesellschaften. Die hiesige Gesellschaft sei trotz ihrer teilweise zwanghaft anmutenden, demonstrativen Areligiosität durchdrungen vom Religiösen, das – in Form von Ersatzreligionen oder säkularen Heilslehren – latent weiterlebe. Sobald der Selbstwert herabgesetzt und der eigene Bestand somit bedroht werde, versuche das Individuum, Unsicherheit und Kontrollverlust durch eine Kompensation (hier: Projektion) zu überwinden. Eigene negative Einstellungen würden dabei auf Andersgläubige übertragen, die ohnehin als Bedrohung (Terrorismus; kulturelle Überfremdung) betrachtet werden.

Aus der ökonomischen Krise gehe somit eine religiös-kulturelle Identitätskrise hervor. Die Hauptverlierer in der Mitte der Gesellschaft suchten die Ursache für diese Umwälzung in einfachen Erklärungen. Gesucht und gefunden ist der Schuldige schnell: die fremdartigen Anderen, also Muslime. Die Flucht in die Massenloyalität werde dabei als heilende Kraft für die eigene Identität empfunden. Diese bedingungslose Loyalität fordert man auch von Muslimen, obwohl man ihnen bereits die Fähigkeit dazu zugleich kategorisch abspricht. So wird – um es mit den Worten Heitmeyers zu formulieren – gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit legitimiert. Der Ruf nach repressiven sicherheitspolitischen Maßnahmen wird lauter. Nachvollziehbar ist in diesem Klima auch, dass jeder zweite Bürger so weit geht, dass sie Muslimen sogar jedwede Kritik am „Westen“ nicht erlauben will.

Solange Menschen konsumieren können, verdeckt die narzisstische Plombe diesen Umstand. Fällt aber die Plombe ab, kommt auch die sakrale Glut wieder hervor. Je bedeutungsloser die eigene religiöse Überzeugung ist, desto intensiver erfolgt auch die Abwertung der Anderen. Dies sei auch ein Grund, weshalb sich neue Rassismen an religiösen Zuordnungen (Islam, Judentum) entzünden.

Dialog – Lösung der Probleme?

Die „Mitte-Studie“ zeigt mit dem Finger direkt auf eine offene Wunde und weist auf ihre Behandlung hin. Ein Problem kann nicht auf demselben Weg gelöst werden, auf dem es entstanden ist. Insbesondere wenn die hiesige Gesellschaft unter dem demografischen Wandel leidet und auf jeden Einzelnen angewiesen ist. Daher gilt es, das Augenmerk auf das Wir-Gefühl aller im Lande lebenden Menschen zu legen und für die neuen Bürger eine Kultur des Willkommens zu schaffen.

Also liegt die Lösung des Problems nicht der steigenden Teilhabe am Konsum, die ohnehin einer Plombe gleicht, sondern in einer größeren Teilhabe an der Demokratie. Wie Menschen Luft zum Überleben brauchen, lebt auch die Demokratie von der politischen, gesellschaftlichen und öffentlichen Teilhabe. Die humane Qualität einer Gesellschaft kann den Wissenschaftlern zufolge durch den steigenden Kontakt der Mehrheit mit ethnischen, religiösen und sozialen Minderheiten erhöht werden. Der Kontakt zu Migranten und Muslimen bewirke den Abbau von Vorurteilen und führe zu gemeinsamer Identifikation. Unsere Gesellschaft braucht also ein Demokratieverständnis, das den Dialog fördert und nicht einen Teil von ihr dämonisiert. Die Lösung liegt also in der dialogischen Demokratie.

Oliver Decker, Elmar Brähler, Johannes Kiess: Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2013.