„Komme ja auch ganz gut ohne Türkisch aus“

Das Wochenende eines türkischen Fußballfans kann manchmal sehr lang sein. Es besteht nicht nur aus dem Spiel seiner Lieblingsmannschaft. Für den Sonntagabend ist das Fernsehgerät meist nur für ihn reserviert. Denn dann werden auf unzähligen Sendern nicht nur das Spiel seines Teams, sondern auch die Spiele der Konkurrenz analysiert. Stundenlang. 
Ein Sendeformat ist dabei besonders beliebt: „Maraton“. 1996 ins Leben gerufen, wechselte es 2004 über zu Lig-TV. Es überzeugt das Publikum mit qualitativ hochwertigen Analysen. Dafür zuständig ist ein Expertenteam rund um den jahrelangen Moderator Şansal Büyüka. Seit 2010 zählt erstmals auch ein Ausländer zum Team. Der international anerkannte und dreifach ausgezeichnete „Weltschiedsrichter“ Markus Merk (50) aus Kaiserslautern. 
Als Schiedsrichter mit Karten und Trillerpfeife ist die Ausstattung schon sehr gut, um sich Gehör und Aufmerksamkeit zu verschaffen. Doch wie kann ein Moderator nun zwei Mal die Woche, ohne jegliche Sprachkenntnisse, in einer türkischen Sendung, die Zuschauer von sich und seinen Fähigkeiten überzeugen? 

Alle träumen von einer Fußballerkarriere – nur einer nicht

Nun kommt das Sprachgenie mit ins Spiel. Es ist eine große Herausforderung für jeden Übersetzer, das Gesprochene simultan zu vermitteln. Dies erfordert höchste Konzentration und ein enormes Sprachgefühl. Besonders schwer ist es, mentale und kulturelle Inhalte, Dialekte, schnelles Sprechen, Redewendungen und typisch deutsche Schlagwörter verständlich in eine andere Sprache zu übersetzen. Nicht selten kommt es vor, dass möglicherweise gar kein identisches Wort besteht, und der Übersetzer ein Synonym generieren muss, welches dieselbe Aussage oder Pointe trifft.

Wer hätte für diese Aufgabe besser geeignet sein können als Fırat Isbir? Der 35-jährige Frankfurter fiel bereits in der Grundschule mit seiner Sprachbegabung auf. Ob deutsche Fernsehsendungen, Kinofilme oder Artikel aus der türkischen Tageszeitung seines Vaters, alles wurde von ihm mit großem Eifer und zweisprachig übersetzt. Während Gleichaltrige mit ihm auf dem Fußballfeld von einer Karriere als Fußballer träumten, wusste er schon, dass sein Weg die des Übersetzers sein würde.

Isbir machte seinen Übersetzer-Magister in Darmstadt. Anschließend arbeitete er im Beamtenstatus für die türkische Regierung und übersetzte sogar eine Rede der Bundeskanzlerin Angela Merkel im türkischen Fernsehen.

„Maraton“ statt Staatsbeamter

Durch den Kontakt zu Medien und Botschaften erfuhr der Übersetzer von der geplanten Sendung „Maraton“ und der Wahl von Markus Merk ins Expertenteam. Sofort kündigte er seine Anstellung als Beamter und folgte seiner Berufung.

Kennengelernt hat Isbir Markus Merk in dessen 10. Bundesligaspiel, in dem mehrere Entscheidungen des damals jüngsten Schiedsrichters der Bundesliga stark kritisiert wurden. Isbir war als Zuschauer im Stadion. Als sich bei der Expertenanalyse zum Spiel herausstellte, dass Markus Merk bei all seinen Entscheidungen richtig lag, war der Grundstein für Isbirs Bewunderung und Respekt für Merk gelegt. Ab diesem Zeitpunkt verfolgte er seine Karriere aufmerksam.

Die Sendezeit liegt oftmals über 4 Stunden, wobei durchgehend die Kommentare von Markus Merk sowie die Fragen der Teamkollegen für Merk übersetzt werden. Auch Fragen aus dem Publikum per E-Mail und telefonische Live-Schaltungen werden beantwortet. Die Resonanz zur Sendung ist durchgehend positiv, und manchmal taucht auch die ungläubige Frage auf, ob Isbir die Übersetzungen abliest oder zumindest vorbereitet. Dies sei bei einer Livesendung überhaupt nicht möglich, schüttelt Isbir den Kopf. 

Auf den Punkt bringt es Merks Ehefrau: „Wie kann es sein, dass du Markus besser verstehst als ich und alles, was er sagt, richtig übersetzen kannst? Ich bin seit 30 Jahren mit ihm verheiratet und verstehe ihn manchmal immer noch nicht.“

Der interkulturelle Erfolg

Das Fundament dieser Verbindung, welches den außergewöhnlichen Erfolg widerspiegelt, ist geprägt durch Leidenschaft zum Beruf, Mut zu Ehrlichkeit und Verantwortung, Motivation sowie Offenheit sich selbst gegenüber und der Wille, sich stets weiter zu entwickeln. Mittlerweile hat das Duo nach knapp drei Jahren die 200. Sendung hinter sich. Die anfängliche Skepsis und die Zweifel von Moderator Büyüka sind längst verflogen. Merk und Isbir sind ein untrennbares, interkulturell erfolgreiches Team geworden.

Die Zusammenarbeit geht mittlerweile schon über die Fußballsendung hinaus. Seit den 90er Jahren arbeitet Merk aktiv und ehrenamtlich an diversen Hilfsprojekten in Indien mit und gründete bereits 1999 den Verein „Indienhilfe Kaiserslautern“. Er plant mittlerweile ein ähnliches Projekt für die Türkei. Ärgerlich sei nur, merkt er an, dass er bisher kaum Türkisch lernen konnte. Schuld daran sei einzig Isbir, weil er ihm zur Sprachfaulheit verhelfe. Sehr unglücklich ist er darüber aber nicht: „Ich komme ja auch ganz gut ohne Türkisch aus.“