Türkische Militäroffensive in Nordsyrien
Dieses vom türkischen Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellte Foto zeigt eine militärische Operation an der türkisch-syrischen Grenze. Die Türkei hat nach Luftangriffen gegen kurdische Milizen in Nordsyrien nun auch eine Offensive mit Bodentruppen begonnen. Foto: -/Turkish Defense Ministry/XinHua/dpa

Iskender Sezek ist Nahost-Experte und schreibt regelmäßig als Chefredakteur des Online-Mediums Şarkpostası. Im Interview mit dtj-Chefredakteur Süleyman Bağ spricht er über die Militäroffensive der Türkei in Nordsyrien. Sezek glaubt, dass durch den Einmarsch der Türkei Gruppen wie der IS wieder aufblühen könnten.

DTJ: Die Türkei hat sich für einen Militäreinmarsch in Nordsyrien entschieden. Dort leben Kurden. Welche Auswirkungen hat diese Entscheidung in der Region?

Iskender Sezek: Seit dem 15. März 2011 herrscht in Syrien Kriegszustand. Da aber in Nordsyrien der IS nahezu ausgeschaltet worden ist, hat man diesen Kriegszustand hier nicht gespürt. Nach der Entscheidung für den Einmarsch der Türkei ist insbesondere in Regionen, in denen viele Zivilisten leben, Unruhe entstanden. Wenn man bedenkt, dass durch diesen Einmarsch Gruppierungen, wie der IS wieder aufblühen könnten, kann man von einem Chaos in der Region ausgehen.


Nahostexperte Iskender Sezek
Iskender Sezek ist Chefredakteur des türkisch-kurdischen Onlinemediums Sarkpostası.com. Mit seinen Kolumnen beleuchtet er die Innenpolitik der Türkei sowie Hintergründe zu den Ereignissen in Nahost.

Die AKP hat „Bekämpfung des Terrorismus und Schutz der nationalen Interesses“ als Ziele dieses Einmarsches deklariert. Entspricht das den Tatsachen?

Aus Nordsyrien gab es bislang keinen Angriffsversuch gegen die Türkei. Dementsprechend scheint die Deklaration „Terrorismusbekämpfung“ nicht wirklich wahrheitsgemäß zu sein. Die Weltöffentlichkeit ist sich dem bewusst.

Aber die rasant schlechter werdende Wirtschaft, das Entstehen einer neuen konservativen Bewegung in der Türkei, die mehr werdende Missachtung von Menschenrechten und die Verluste der AKP haben Erdoğan in die Ecke gedrängt. Erdoğan will diese nationalen Gegebenheiten in den Hintergrund drängen und die Opposition hinter sich vereinen. Deshalb führt er solch eine Operation durch.

Durch das Vordringen des Assad-Regimes nach Idlib, wo sich die Al-Nusra und andere radikale Gruppen befinden, haben diese Gruppen und deren Familien Schwierigkeiten bekommen, Unterschlupf zu finden. Diese Gruppen werden von Erdoğan finanziell und logistisch unterstützt. Ein Ziel Erdoğans ist es, diese radikalen Gruppen und ihre Familien in diese Orte, in denen Kurden leben, zu beheimaten.

Sezek: „Demokratische Kräfte Syriens“ werden reagieren

Wer sind die kurdischen Akteure in der Region und welche Reaktion erwarten Sie von diesen?

Nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien haben die nordsyrischen Kurden 2012 eine bewaffnete Bewegung namens YPG gegründet. Vor allem nachdem der IS am 13. September 2014 kurdische Regionen angegriffen hat, hat sich die YPG de facto in den Krieg verwickelt und sich mit dem Krieg in Kobane der Weltöffentlichkeit präsentiert. Im Oktober 2015 wurden die Demokratischen Kräfte Syriens gegründet, sie setzen ihre Arbeit noch heute fort. Diese bestehen aus Kurden, Arabern, Assyrern, Armeniern und Turkmenen. Im Falle einer Operation wird diese Bewegung sicher reagieren.

Kann diese Militäroffensive Erfolg haben?

Wenn die Amerikaner der Türkei den Luftraum nicht freigeben, kann die Türkei nur durch eine Bodenoffensive vorgehen. Aber die Kräfte in dieser Region sind schwer bewaffnet und haben zudem sehr kriegserfahrene Kämpfer. Aber wenn die Türkei Luftangriffe durchführen kann, ohne dass die USA und Russland eingreifen, könnten kurzfristig Erfolge verzeichnet werden. Doch langfristig könnte sich die Region zum Vietnam der Türkei entwickeln.

Sehen Sie die Möglichkeit für einen Genozid an den Kurden, wie mancherorts befürchtet wird?

Mit dem IS eine radikal-terroristische Gruppe ins Leben zu rufen und sie auf die Kurden zu hetzen, ist bereits ein Genozid. Außerdem ist es ein natürliches Recht der Kurden, auf ihrem eigenen Boden über ihre eigene Zukunft selbst zu entscheiden. Aber es wird klar, dass Erdoğan dagegen ist, dass die Kurden irgendwo auf dieser Welt jemals etwas erreichen.

Wir wird diese Anspannung das Verhältnis zwischen Türken und Kurden in der Türkei beeinflussen?

Erdoğan hat seit 2012 gegen die Kurden in der Türkei sowie gegen die Kurden im Nord-Irak und in Syrien eine sehr aggressive Haltung eingenommen. Natürlich hat das einen Einfluss auf die Kurden in der Türkei. Es sammelt sich viel Wut an. Wenn diese Einstellung von Erdoğan weitergehen sollte, könnte sein Plan, den Osten des Euphrats zu erobern, völlig fehlschlagen und auch noch den Verlust von Diyarbakır nach sich ziehen.

Vielen Dank für Ihre Einschätzung! 

Das Interview führte Süleyman Bağ.