Die Reaktionen auf das Ergebnis der Parlamentswahlen in der Türkei in den deutschsprachigen Segmenten der sozialen Medien waren höchst unterschiedlich. Gleichwohl wurde den Nutzern von Facebook und Twitter jedoch in den Tagen nach dem Urnengang auch ein Sittenbild des deutschen Journalismus, aber auch der politischen Klasse des Landes präsentiert, das mit Blick auf die Beteiligten einer vielbeachteten Kontroverse für sich selbst spricht.

Dass Journalisten wie der Türkeikorrespondent des „Spiegel“, Hasnain Kazim, und der von der „taz“ zum Axel-Springer-Verlag gewechselte Deniz Yücel die Nachricht vom Verlust der absoluten Parlamentsmehrheit für die regierende Adalet ve Kalkınma Partisi (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung; AKP) mit Freude quittieren würden, verwunderte vor allem jene wenig, die beiden bereits seit Längerem nachgesagt hatten, in ihrer Türkeiberichterstattung das Prinzip der Parteilichkeit in einer zu augenscheinlichen Weise zu beherzigen.

Dass diese jedoch so weit gehen würde, dass selbst der langjährige Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, Ruprecht Polenz, daran Anstoß nehmen könnte, überraschte doch den einen oder anderen Beobachter.

Als Kazim und Yücel auf ihren Pinnwänden einen Zähler gepostet hatten, der die Stunden und Minuten zählen sollte, bis der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, nicht nur nach Auffassung der beiden Journalisten während des Wahlkampfes zu stark in der Öffentlichkeit präsent, nunmehr in Anbetracht des für ihn nachteiligen Wahlergebnisses an Selbige treten würde.

Nutzt Objektivität nur der AKP?

Polenz, der Yücel konzedierte, er würde das Wahlergebnis „richtigerweise als Denkzettel für Erdoğan interpretieren“, ging dies jedoch zu weit und er mahnte an, dem Präsidenten doch bitte im Vorfeld seiner ersten öffentlichen Reaktion eine Nachdenkphase zu gewähren. Polenz äußerte schließlich: „Von einem Auslandskorrespondenten erwarte ich mehr Unvoreingenommenheit, Deniz Yücel.“

Dem Angesprochenen erschien dies als Ausdruck eines Zuviels an kleinbürgerlichem Objektivismus, weshalb er Polenz postwendend attestierte, dieser würde „im Tonfall eines erbosten Neckermannurlaubers Erwartungen formulieren“. In weiterer Folge sollte Yücel Polenz diesen denn auch blockieren und auf „Welt online“ zur „Nervensäge im Internet“ und „Ehrenvorsitzenden des AKP-Freundeskreises Münsterland“ erklären.

Der Autor Eren Güvercin hat die Kontroverse mitverfolgt und warf Yücel in Anbetracht seines Gebarens Polenz gegenüber einen Mangel an Kritikfähigkeit vor. Dessen Reaktion darauf bestand darin, Güvercin zu beschuldigen, einen „Dschihad für Akademiker“ im Internet zu betreiben und ihn in Anspielung auf einen erfolgreichen Buchtitel Güvercins zu fragen, „wie viele Peitschenhiebe“ es bei „Neo-Moslems“ für „zu viel Raki“ gäbe.

„Gute Journalisten haben eine Haltung“

Özlem Topçu von der „Zeit“ solidarisierte sich schließlich mit ihren Kollegen Yücel und Kazim, beklagte sich über „unverschämte Angriffe“ in den sozialen Medien, denen „kritische Journalisten“ ausgesetzt wären, und bekannte sich noch einmal zur Wahrung des adäquaten Klassenstandpunkts im Journalismus: „Ich glaube nicht an Objektivität im Journalismus, lieber Eren Güvercin. Es ist etwas anderes, eine Nachricht zu schreiben – da muss der Versuch vorherrschen, so objektiv wie möglich zu sein, klar. Aber gute Journalisten haben eine Haltung, das wüsstest du, wenn du einer wärst.“

Der Chefredakteur der „Islamischen Zeitung“, Sulaiman Wilms, äußerte kürzlich auf Facebook: „Kampagnenjournalisten lassen sich auch an ihrer Behauptung erkennen, es gäbe keine Objektivität. Was sie eigentlich sagen wollen: Uns ist die Unterscheidung zwischen Meinung, Tatsachenbehauptung und Schmähkritik scheißegal, weil wir uns auf Seite des/der Guten wähnen.“ Der eine oder andere Leser dürfte dies auf die Kontroverse zwischen den oben genannten Akteuren gemünzt haben…