Bundespräsident Richard von Weizsäcker (l) übergibt der Ministerin für Familie, Frauen, Gesundheit und Jugend, Rita Süssmuth (CDU) im März 1987 in Bonn die Ernennungsurkunde. Dahinter (l-r) Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, Hans Klein, Friedrich Zimmermann, Hans Engelhardt und Martin Bangemann. Von Weizsäcker ist am 31.01.2015 im Alter von 94 Jahren gestorben.

Wer als Tourist den Eiffelturm in Paris oder andere symbolträchtige Orte besucht, sieht vor Ort manche Kritzeleien. Kultivierte Menschen lassen Fotos von sich schießen, weniger kultivierte hinterlassen Kritzeleien von sich. Beide wollen ihr Dasein vor Ort verewigen. Sie wollen sagen: Wir waren hier, haben das alles gesehen. Es war schön, so schön, dass wir dieses Erlebnis festhalten wollten.

Was machen Politiker, die das Ende ihres aktiven Berufslebens vor Augen haben? Kritzeleien an den Wänden des Bundestags würden gegen die Geschäftsordnung verstoßen. Fotos vor dem Bundestag oder im Büro wären auch nicht reizvoll, nach all den Jahren.

Erinnerungsbuch einer Politikerin

Also schreibt man ein Buch. Es ist die beste Methode, sich für die Nachwelt zu verewigen.

Im Übrigen ist es ja auch gut. Man sieht, was für Erfahrungen ein Mensch durch die Jahre gemacht, was er gelernt hat. Man lernt hinzu, es muss nicht alles wieder neu entdeckt werden. Darüber hinaus sieht man, was für ein Bild von sich jemand für die Geschichte hinterlassen will.

Das neueste Politikerbuch stammt von Rita Süssmuth. „Das Gift des Politischen. Gedanken und Erfahrungen“ heißt es und erschien im deutschen Taschenbuchverlag dtv.

Im ersten Kapitel geht es um den Stoff Gift und Politik, die folgenden Kapitel erzählen die Geschichte Rita Süssmuths. Man erfährt, welche Ängste ein kleines Mädchen im besetzten Deutschland erlebte, welch entbehrungsreiche Kindheit sie in der Not der Nachkriegszeit durchleben musste.

Die Tabak-Expertin des Vaters

Sie schreibt über diese Zeit: „Bis zum Ende des Krieges und in den ersten Jahren danach ging es bei uns wie in Millionen anderen Familien in Deutschland um das schlichte Überleben, um das alltägliche Sammeln von Kartoffeln, von Fallobst, von Eicheln und Bucheckern, um das Hamstern von Eiern, Milch und Mehl, das Schlangestehen für Brot, selbst für das Maisbrot, das ich als Kind hasste, weil es mir gar nicht schmeckte und weil ich es dennoch stets herunterwürgen musste, wenn mich der Hunger plagte.“

Und weiter:

„Alles, was essbar erschien, wurde gegessen oder musste gegessen werden. Nichts wurde weggeworfen. Ich habe gelernt, Rübenkraut zu kochen, Butter zu schlagen, Dickmilch anzusetzen, Äpfel und Birnen zu trocknen. Tabak anzupflanzen, zu ernten und anschliessend für die Pfeiffe meines Vaters zu präparieren.“

Als Seiteneinsteigerin in die Politik

Sie erzählt weiter, wie sie in Paris studiert hat, eine Karriere als Wissenschaftlerin vor Augen hatte und trotzdem in der Politik gelandet ist. Sie gelangt als Seiteneinsteigerin in die Politik, 1982 tritt sie in die CDU ein, 1985 wird sie Ministerin im Kabinett von Helmut Kohl. 1986 wird sie erste Frauenministerin und bleibt es bis 1988. Von 1988 bis 1998 fungiert sie als Bundestagspräsidentin.

Aber auch nach ihrem Ausscheiden aus der aktiven Politik begnügt sie sich nicht mit einem Rentnerdasein. 2000 wird sie von dem damaligen Bundesinnenminister Otto Schily ins Amt des Vorsitzenden der Kommission für Zuwanderung berufen.

Sie widmet in ihrem Buch zu zentralen Themen der deutschen Politik wie den Frauen, dem demographischen Wandel, der Zuwanderung sowie der Bildung jeweils eigene Kapitel.

Noch keine Willkommenskultur in Deutschland

Über das Thema Migration schreibt sie: „Nach wie vor mangelt es in unserem Lande an einer Willkommenskultur. Erwartet wird von vielen, dass die Zugewanderten sich auf die Lebensverhältnisse, die Normen und Werte der Einheimischen bedingungslos einzustellen haben. Sie allein haben in dieser einseitigen Sichtweise die notwendigen Integrationsleistungen im Erwerb der Sprache, des Wissens, der beruflichen Kompetenzen, der Identifikation und der Bejahung unserer Verfassung und unserer Gesetze zu erbringen. Gewiss liegen die Hauptanstrengungen bei den Migrantinnen und Migranten. Aber die Zugewanderten können in unserer Gesellschaft nicht ankommen, wenn wir, die Einheimischen, uns nicht öffnen, nichts oder wenig mit ihnen zu tun haben wollen.“

Weiter schreibt sie über das Gift des Politischen in diesem Bereich: „Die Öffentlichkeit interessiert sich immer noch dann am meisten für Migranten, wenn es um Versagen und Gefahr, wenn es um Beunruhigendes geht. Solche Tatbestände und Vorfälle finden am meisten Resonanz. Sie bedienen die eigenen Vorurteile und Ängste, bekräftigen die Abwehr. Das ist das Gift gegen das Fremde, gegen verstärkte Integrationsanstrengungen, gegen Vertrauen in mögliches und bereicherndes Miteinander.“

Fortschritt in der Politik möglich

Über die Möglichkeiten in der Politik ist Süssmuth optimistisch. „Eine Einsicht hat sich in diesen Jahren in mir gefestigt. Bei allen Konflikten und Niederlagen habe ich gelernt: Veränderungen sind möglich und durchsetzbar, auch in jenen gesellschaftlichen Kernfragen, die uns zunächst ideologisch und politisch unverrückbar erschienen.“ Als Beispiele dafür nennt sie das dreigliedrige Schulsystem, die Wehrpflicht, die Anerkennung familiäre Lebensformen außerhalb der Ehe und Deutschland als Einwanderungsland.

Dafür müsse man aber nach Niederlagen wieder aufzustehen wissen, nach dem Scheitern weitermachen und Rückgrat zeigen. Sie schreibt: „Das Politische lebt von Persönlichkeiten. Von Menschen, die mehr tun als ihre Pflicht.“ Politiker, die etwas verändern wollen, müssten auch bereit sein, sich selber zu verändern.

In der Politik wird selten gesagt, was gedacht wird

Ihr Verhältnis zu Helmut Kohl aber scheint aber etwas problematisch zu sein, was auch für Kohls Politikverständnis gelte. Sie schreibt: „Mühsam hatte ich lernen müssen, dass in der Politik nur selten etwas gesagt werden sollte, was man wirklich denkt und was den Tatsachen entspricht. Aber es war mein Verständnis und meine Überzeugung, dass es zwingend notwendig ist zu erklären, worum es geht.“

Alles in allem ist es ein lesenswertes und lehrreiches Buch von einer Politikerin, die das Menschliche in der Politik zu bewahren wusste, obwohl der erste Teil zum Thema Gift und Politik etwas blass bleibt. Was ist es, das in der Politik als Gift wirkt? Es kann alles sein, es kann die Vorstellung sein, es müsse alles so bleiben, wie es ist; es kann der Verlust der Eigenverantwortung des einzelnen Menschen sein oder die Weigerung, für das Schwächere einzustehen. Es kann sich aber auch in der Haltung der Politiker zeigen, der Bevölkerung keinen reinen Wein einzuschenken, um die Bürger zu beruhigen oder in der Verschiebung notwendiger Reformentscheidungen.

Wenn das Buch den Titel „Das Gift des Politischen“ trägt, wünscht sich der Leser schon etwas Konkreteres, was denn dieses Gift ausmacht.

Rita Süssmuth: Das Gift des Politischen. Gedanken und Erinnerungen. dtv, München 2015.