Abseits der großen und markigen Worte ist die Mehrheit der Türken angesichts der derzeitigen Situation fassungslos und stellt deshalb berechtigte Fragen.

Die Gesellschaft ist ziemlich irritiert, und es ist zweifellos etwas sehr Wichtiges, worüber die Menschen sich Gedanken machen.

Wie wird diese Geschichte wohl enden? Es ist ja etwas Schönes, zu sehen, dass sich die Menschen um ihr Land Sorgen machen. Eine ganze Gesellschaft hat sich geradezu auf die Situation fokussiert, welche durch die Korruptionsuntersuchungen entstanden ist. Egal, mit wem man zu welcher Gelegenheit zusammenkommt, das Gespräch kommt am Ende doch wieder bei diesem Thema an.

Die Dezemberkälte ist nicht weniger kalt als die Februarkälte. Als Teil jener breiten Masse, welche im Zusammenhang mit den Untersuchungen keine persönlichen Interessen verfolgt, sollten wir zunächst einmal die Ruhe bewahren und in aller Ruhe miteinander reden.

Wir müssen uns bewusst sein, dass keiner von uns bei dieser Diskussion eigennützige Ziele verfolgt. Jeder ist insofern auf der Suche nach Wahrheit, wie er es eben weiß und wie weit er denken kann. Aus diesem Grund sollten wir mit Respekt versuchen, einander zu verstehen und zuzuhören. Mit Schreien und Brüllen kann man nichts erreichen. Das sollten wir jenen überlassen, die eigennützige Interessen verfolgen. Lassen wir sie brüllen – wir werden vernünftig reden, ohne nur unseren Gefühlen zu folgen.

Eine der irritierenden Fragen lautet: Warum kämpft die Hizmet-Bewegung gegen den Staat; ist eine Gemeinschaft in der Lage, gegen den Staat zu kämpfen?

Das Interessante an dieser Angelegenheit ist, dass diese Bewegung zuvor jahrelang von den gleichen Leuten als übertrieben staatsloyal, dem Gesetz gegenüber außergewöhnlich respektvoll, dementsprechend passiv und ängstlich beschrieben. Ihnen zufolge bedeutet Mut offenbar, im Mittelpunkt zu stehen und Lärm zu verursachen, was auch tatsächlich immer noch geschieht. Das, was als Konflikt wahrgenommen wird, hat aber nichts mit dem Staat oder der AKP, auch nicht mit der Regierung zu tun, sondern einzig mit dem Premierminister und einer kleinen Gruppierung um ihn herum, die den Eindruck erweckt, sich selbstständig gemacht zu haben und keinen Ausgleich mehr zu suchen.

Die Erklärung des ehemaligen Innenministers, Idris Naim Şahin, welcher von seinem Amt zurückgetreten ist, verstärkt diesen Eindruck: „In der Regierungsarbeit wurde vorrangig auf die Beratung, Anleitung und Aktivität durch ein bürokratisches und politisch eng mit dem Premierminister verbundenes oligarchisches Personals geachtet, dessen Absichten unklar sind.“ Der ehemalige Innenminister und der Premierminister waren zuvor über 40 Jahre hinweg enge Freunde.

Die Kinder eines nicht unerheblichen Anteils der AKP-Abgeordneten und Führungskräfte haben selbst die sogenannten „Hizmet-Schulen“ und „Hizmet-Dershanes“ besucht oder besuchen sie immer noch. Wurden diese Kinder zurückgezogen? Es ist falsch, dieses Problem als „Kampf gegen den Staat“, „Kampf gegen die AKP“ oder gegen die ganze Regierung anzusehen. Aber mittlerweile wird deutlich, dass es eine wichtige Anzahl an Kabinettsmitgliedern und Abgeordneten gibt, welche die Schließung der Dershanes verhindern wollen. Wenn wir dieser Situation einen Namen geben sollten, dann könnte man sie die „Neid-Explosion“ einer Minderheit in der Regierung nennen.

Der andere Schlüsselbegriff des Problems lautet „Kampf“. Ein Kampf findet üblicherweise entweder zwischen gleichartigen oder ähnlichen Kräften statt. Wie könnte aber eine Bewegung, welche von der „freiwilligen Vereinigung“ lebt und keine hierarchische Organisation aufweist, gegen eine Struktur, die den ganzen Staat kontrolliert, sich sogar am Gipfel der Macht befindet, kämpfen? Es gibt keinen Kampf. Es rufen nur einige, an der Macht befindliche Personen danach, einen imaginären Feind durch einen „entscheidenden Schlag zu vernichten“. Und die ins Auge gefassten Opfer, die Schwächeren, appellieren an die Vernunft der Machthaber, nichts, was mühsam aufgebaut wurde, zu zerstören.

Außerdem sind noch die Beschimpfungen und Schikanen seitens der Machtbefürworter zu vernehmen, die der Gegenseite vorwerfen, ihren Frieden zu stören und der Ordnung zu schaden. Letztendlich gibt es für die Hizmet-Bewegung keine andere Möglichkeit, als mittels der Medien ihre Rechte zu verteidigen, zu beten und zu twittern.

Die zweitwichtigste Frage: Auch wenn die Regierung in Korruption involviert ist, warum geht die Hizmet-Bewegung auf diese so sehr los; wenn diese gehen, was wird aus uns, wird der Staat nicht zusammenbrechen und die Stabilität sich verschlechtern?!

Schon zur ersten Frage habe ich versucht, zu erklären, dass die Hizmet-Bewegung auf niemanden losgeht, aber dass es seitens einer Minderheit eine „Neid-Explosion“ gibt angesichts dessen, was die Hizmet-Bewegung erreicht hat. Wenn es um Korruption geht, was sollten die Hizmet-Volontäre denn tun; sollen sie die Regierung in ihren Vertuschungsbemühungen unterstützen? Sollte man über Verfehlungen einfach hinwegsehen? Sollte man späteren Generationen solch ein Erbe hinterlassen?

Zudem ist die Aufgabe der Medien, die vorhandenen Behauptungen in ihrer Essenz zusammenzufassen und die Bevölkerung darüber zu informieren. So ist es überall auf der Welt.

Wenn nun argumentiert wird, dass das zwar alles richtig wäre, man aber aus Staatsräson schweigen solle, dann überlässt man das Schicksal eines großen Volkes Personen, von denen nicht geklärt wäre, ob sie nicht doch in unlautere Machenschaften verstrickt seien. Und unverzichtbar ist niemand. Viele, die heute oft Jahrzehnte nach ihrem Tod als schlechte Beispiele gelten, wurden zu Lebzeiten als alternativlos betrachtet.

Wenn eine ganze Nation überhaupt keinen Wert hätte und unsere einzige Hoffnung nur von ein paar Personen abhinge, würde das sowieso bedeuten, dass wir am Ende sind. Die Lehre „So wie ihr lebt, werdet ihr auch geführt“, zeigt uns, dass das Volk die Basis ausmacht. Außerdem würde die Reinigung der AKP von denjenigen, welche Korruption treiben, die Partei nicht zerstören, sondern sie im Gegenteil sauberer, zuverlässiger und unserem Land dienlicher machen – warum hat man also so große Angst davor?

Dritte Frage: Wenn diese Personen so schlecht waren, warum hat die Hizmet-Bewegung sie jahrelang unterstützt?

Zunächst einmal muss folgendes geklärt werden: Wenn es der Hizmet-Bewegung um Macht und Eigennutz gehen würde, dann würde sie sich in einer Zeit, in welcher die Regierung am mächtigsten ist, bemühen, mit ihr in voller Übereinstimmung zu sein und nach Konsens um jeden Preis streben. Sie würde nie in die Rolle des Angegriffenen fallen. Die derzeitige Lage zeigt umso deutlicher, dass Hizmet solche Interessen und Absichten nicht verfolgt.

Wenn ihr einen Freund hättet und seinen guten Werke, die er jahrelang vollbracht hätte, applaudiert, doch dann ihr entdeckt, dass er euch betrogen und jahrelang gegen euch Hinterhalte und Fallen ausgelegt hätte, würdet ihr ihm gegenüber immer noch loyal sein? Die Hizmet-Volontäre haben zweifellos dem Guten zugestimmt, was in den letzten Jahren geschehen ist, und keiner von ihnen wird es bereuen. Allerdings sehen sie auch die Unterdrückung, die derzeit herrscht und bemühen sich, diese aufzuhalten.

Ein Muslim zu sein bedeutet nicht in Tribalismus oder Befangenheit zu leben, sondern es bedeutet, für Recht und Wahrheit zu sein. Wenn das Richtige von deinem Feind kommt, sollte man ihm applaudieren, doch wenn das Falsche sogar von deinem Freund kommt, sollte man „Halt!“ rufen.

Gott macht alles Schlechte gut,

Denk nicht, dass er andres tut,

Des Weisen Blick auf ihm nur ruht.

Lass uns sehen, was Gott tut:

Was er macht, das macht er gut…

Yaşar Yeşilyurt ist Kolumnist für die türkische Zeitung “Zaman”.