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„Typisch türkisch? Nachbarstanten, die sich mehr einmischen als deine Eltern“

Derya Dilşad Gür, 20, aus Bremen.

Was ist typisch deutsch-türkisch? In einer neuen Interview-Serie stellt DTJ-Online Menschen mit türkischer Migrationserfahrung vor – ohne Scheuklappen und Klischees. Heute mit von der Partie: Derya Dilşad Gür aus Bremen.

Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund stehen in Deutschland regelmäßig im Fokus politischer Debatten. Allzu häufig wird über sie gesprochen, selten mit ihnen. Es ist Zeit, das zu ändern: DTJ-Online stellt sogenannte „Deutsch-Türken“ mit der neuen Interview-Serie „Typisch deutsch-türkisch“ in den Mittelpunkt. Wer sind diese Menschen? Was treibt sie an? Wovon träumen sie?

Hallo Derya, bitte stell Dich kurz vor.

Hallo, ich bin Derya und 20 Jahre alt. Ich wohne seit Kurzem in Bremen, bin jedoch gebürtige Osnabrückerin. Der Grund für den Umzug ist mein Soziologie-Studium an der Universität Bremen gewesen.

Würdest Du Dich als Deutsch-Türkin bezeichnen?

Definitiv, ja. Hättest du mir die Frage vor einigen Jahren gestellt, hätte ich keine Antwort gewusst, weil ich einfach selbst nicht wusste, wozu ich mich eher zählen würde. In der Türkei sind wir die Deutschen, in Deutschland die Türken. Inzwischen kann ich guten Gewissens sagen, dass ich zwei Kulturen in mir trage und darauf stolz bin – ganz egal, ob es jemandem gefällt oder nicht.

Wo oder was ist für Dich Heimat?

Heimat ist dort, wo ich mich wohlfühle: Osnabrück. Dazu muss ich sagen, dass ich zum Heimatort meiner Eltern eine ganz andere, enge Bindung habe, die für mich von großer Bedeutung ist.

Was ist für Dich typisch deutsch, was typisch türkisch und was typisch deutsch-türkisch?

Typisch deutsch ist für mir auf der einen Seite Disziplin und Ordnung, auf der anderen Seite aber auch das ‚Sich über alles beschweren‘. Typisch türkisch sind für mich Empathie und Gastfreundschaft. Und auch die Nachbarstanten, die sich in dein Leben mehr einmischen als deine Eltern (lacht). Und typisch deutsch-türkisch bin ich, eine Mischung aus beiden Kulturen.

Mit welcher Sprache fühlst Du Dich wohler?

Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht entscheiden, mit welcher Sprache ich mich wohler fühle. Ich versuche das mal zu erklären: Die deutsche Sprache benutze ich, wenn ich eine Situation genau beschreiben möchte. Die türkische Sprache benutze ich, wenn ich über meine Gefühle spreche. Und gemischt spreche ich meistens, wenn ich etwas erzähle und mir das Wort aus der einen Sprache schneller einfällt, als das Wort aus der anderen.

Deutschland und die Türkei sprechen derzeit selten dieselbe Sprache. Interessiert Dich das aktuelle Verhältnis zwischen den beiden Ländern?

Mich interessiert viel mehr das Verhältnis und der Umgang zwischen den zwei Völkern und den Individuen untereinander. Es würde mich freuen, wenn beide Seiten mehr Verständnis füreinander hätten, anstatt sich ständig auf ihre Fehler zu konzentrieren.

Was wünscht Du Dir für die Zukunft?

Für die Zukunft wünsche ich mir ein harmonisches Miteinander. Nur wenn man seinen Gegenüber akzeptiert und respektiert, kann man seinen Horizont erweitern und für ein Stückchen mehr Frieden auf der Welt sorgen.

Die Fragen stellte STEFAN KREITEWOLF.

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