Rafik Hariris 10.Todestag.

Es war der 14. Februar 2005. Valentinstag. Ich war 14 Jahre alt und auf dem Weg nach Hause. Obwohl Valentinstag für mich nicht wirklich eine Bedeutung hatte, war es in der Schule immer aufregend zu sehen, wer alles Rosen bekam. Viele trugen rot und es herrschte eine gewisse „Valentinsstimmung“ in der Luft. Ich freute mich darüber meiner Mutter eine rote Rose zu schenken, denn der Valentinstag galt ja nicht nur Liebespaaren. Als meine Mutter mir die Tür öffnete und ich ihr die Rose überreichte, bedankte sie sich zwar für die Rose, doch sie schien sich nicht zu freuen. Bevor ich sie fragen konnte, was los sei, sagte sie mir, dass Rafiq Hariri ermordet wurde.

Ich war schockiert und wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich wusste zwar, wer er war und dass er ein guter Mensch und wichtiger Politiker für den Libanon gewesen ist, doch ich kannte diesen Mann nicht wirklich. Dass meine Eltern und meine gesamte Familie im Libanon so betroffen war, nahm mich sehr mit. Von diesem Tag an begann ich mich mit 14 Jahren das erste Mal mit Politik auseinander zu setzen.

Meine Mutter schaute die ganze Zeit Nachrichten und telefonierte zeitgleich mit meinem Vater, der gerade arbeitete und über die neusten Geschehnisse informiert werden wollte. Die libanesische Welt war geschockt. Ich fragte meine Mutter nach diesem Mann aus. Wer hatte ihn umgebracht? Als mein Vater abends nach Hause kam, begann ich damit auch ihn auszufragen. Ich hatte am nächsten Tag Schule und meine Eltern schickten mich ins Bett. Doch ich konnte nicht schlafen und kam zurück ins Wohnzimmer. Dort sah man die weinende Familie des ehemaligen Ministerpräsidenten und wütende Libanesen auf den Straßen.

Auch in den folgenden Wochen wurden Demonstrationen veranstaltet und das Begräbnis des Präsidenten und der weiteren 22 Menschen, die mit ihm in den Tod gerissen wurden, wurde ebenfalls auf allen libanesischen Sendern ausgestrahlt. Ich begann zu weinen. Meine Eltern fragten mich, warum mich das Ereignis so mitnehmen würde. Ich starrte weiter auf den Fernseher und antwortete „Weil es ungerecht ist.“ Im Fernsehen lief gerade eine Rückblende, in der Rafiq Hariri kurz vor seinem Attentat gezeigt wurde.

Das Attentat – Hariri lächelte noch, bevor er in die Limousine stieg

Der Ex-Ministerpräsident hat an diesem Tag gute Laune. Eine Debatte im libanesischen Parlament verläuft nach seinem Geschmack, Rafiq Hariri scherzt mit Abgeordneten. Später trifft er Journalisten in einem Café gegenüber. Auf Filmaufnahmen ist zu sehen, wie Hariri am 14. Februar 2005 aus dem Parlament im Herzen Beiruts tritt. Es sind die letzten Bilder, die ihn lebend zeigen.

Gegen Mittag steigt der 60-Jährige in eine schwere Limousine, Hariri will nach Hause. Als der Konvoi aus mehreren Wagen das berühmte St. George Hotel an der Küstenstraße erreicht, zündet der Attentäter in einem weißen Transporter die Bombe. Die Druckwelle ist so gewaltig, dass sie noch kilometerweit entfernt Gebäude erschüttern lässt.

Marwan Hamade, ein Vertrauter Hariris, stürmt aus seinem Büro im siebten Stock der Zeitung „An-Nahar“ ans Fenster, als er die Detonation hört. „Eine riesige schwarze Rauchsäule stieg auf“, erzählt der Journalist. „Es war wie eine Atombombe.“

Fast 3000 Kilogramm Sprengstoff sollen die Attentäter eingesetzt haben. Mit Hariri starben 22 weitere Menschen, 226 wurden verletzt. Die Bombe hinterließ einen zwölf Meter breiten Krater. Es war eines der blutigsten Attentate im von Gewalt geplagten Libanon. Der Anschlag veränderte nicht nur das Land, sondern die gesamte Region.

Wer war Rafiq Hariri?

Hariri hatte den Libanon geprägt wie kaum ein anderer. Nach dem Ende des 15-jährigen Bürgerkriegs übernahm er 1992 für mehrere Jahre das Amt des Ministerpräsidenten. Der Politiker, selbst Milliardär, ließ den Libanon wiederaufbauen. Später verfolgte der Sunnit vor allem ein Ziel: Syriens Truppen, die im Land als „Schutzmacht“ stationiert waren und es kontrollierten, sollten abziehen. Hariri wollte seine Heimat aus dem Griff des Regimes in Damaskus befreien.

Doch das wurde ihm zum Verhängnis. Der Streit eskalierte, als sich Hariri weigerte, einer Verlängerung der Amtszeit des pro-syrischen Präsidenten zuzustimmen. Im August 2004 soll ihm Syriens Machthaber Baschar al-Assad in Damaskus gedroht haben, er werde den Libanon zerstören, sollte Hariri nicht einlenken – so erzählt es Hamade. Hariri tritt zurück, setzt aber alles daran, die nächsten Wahlen zu gewinnen. Bis ihn das Attentat aus dem Leben reißt.

Noch immer ist der Anschlag nicht aufgeklärt. Der deutsche UN-Sonderermittler Detlev Mehlis sah den Verdacht untermauert, dass Syriens Geheimdienst mitverantwortlich war. Marwan Hamade sagt, der Befehl für das Attentat sei aus Teheran gekommen, Assad habe es abgesegnet und die Schiiten-Miliz ausgeführt. Es sollte die Achse zwischen dem Iran, Syrien und der Hisbollah sichern.

Auch Hunderttausende Libanesen gaben Damaskus die Schuld für den Anschlag. Sie zogen in den Wochen nach dem Mord auf die Straße und forderten den Abzug der syrischen Truppen. Die „Zedern-Revolution“ war ein Vorgeschmack auf die arabischen Aufstände die sechs Jahre später ausbrechen sollten. Auf internationalen Druck zogen die syrischen Truppen noch Jahr 2005 tatsächlich ab. Der oder die Täter sind heute immer noch auf freiem Fuß.

Mein Herz ist am Valentinstag im Libanon

Dass heute zehn Jahre später der Täter immer noch nicht zur Rechenschaft gezogen worden ist, macht mich traurig. Nach Hariris Tod folgten zahlreiche weitere Attentate auf Politiker und bedeutende Journalisten, die für die Freiheit in ihrem Land kämpften. Auch heute haben wir bei uns den ganzen Tag die libanesischen Sender angeschaltet. Dort wird dem Tod des ehemaligen Ministerpräsidenten Rafiq Hariri gedacht wird und über seine bedeutenden Taten berichtet. Es laufen auch libanesische Volkslieder und ich werde wieder traurig.

Rafiq Hariri war nicht nur ein wichtiger Ministerpräsident gewesen, er war ein ehrgeiziger Mann, der es trotz der ärmlichen Verhältnisse, in denen er aufwuchs, geschafft hatte ein, erfolgreicher Politiker zu werden. Er schaffte es aus eigener Kraft Milliardär zu werden und blieb dennoch bescheiden. Er war es der, der dafür gesorgt hatte, dass der Libanon wieder aufgebaut wurde und noch schöner wurde als zuvor. Er sorgte dafür, dass junge Männer aus ärmlichen Verhältnissen ein Stipendium bekamen, um sich im Westen weiterbilden zu können. Dazu gehört auch mein Onkel, der dank Rafiq Hariri in Frankreich studieren konnte und nun ein erfolgreicher Professor an einer libanesischen Universität ist. Seinen Sohn hat er auf Rafiq genannt. Und er war es, der mir als 14-jähriges Mädchen zeigte, dass es sich lohnt für seine Freiheit zu kämpfen.

Heute bin ich 24 Jahre alt. Zehn Jahre später habe ich einiges mehr über das Heimatland meiner Eltern gelernt. Doch wie man für Macht morden kann, werde ich niemals verstehen können. Bei jedem Besuch im Libanon, besuche ich das Grab Rafiq Hariris und bete für ihn und die Menschen, die mit ihm gegangen sind. Auf seinen Fotos stand ein Spruch, den ich nicht vergessen werde. Heute bin ich zwar in Berlin, doch mein Herz ist an diesem Tag im Libanon. Ich erinnere mich an den Spruch und werde etwas traurig. „Lan nansa!“ In der Tat „Wir werden dich nicht vergessen“. (dtj/dpa)