HANDOUT - Dieses vom türkischen Militär zur Verfügung gestellte Bild zeigt am 26.09.2017 in Silopi an der Grenze zum Irak (Türkei) türkische und irakische Soldaten, die nach dem umstrittenen Unabhängigkeitsreferendum der Kurden im Nordirak an einem Militärmanöver teilnehmen. (zu dpa «Türkei und Irak beginnen nach Kurden-Referendum gemeinsames Manöver» vom 26.09.2017) ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur bei Nennung der Quelle: Foto: Uncredited/Pool Turkish Military/AP/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Das Referendum in der irakischen Autonomieregion Kurdistan ist friedlich verlaufen. Die Mehrheit hat für einen souveränen Kurdenstaat votiert. Doch der Traum von Freiheit ist trügerisch.

Von STEFAN KREITEWOLF

Rot, weiß, grün, mit einer gelben Sonne in der Mitte: In Erbil weht sie, die Flagge der Kurden im Irak. Auf den Straßen der kurdischen Großstadt herrscht Festtagsstimmung. Zu Recht: Haben die Kurden im Nordirak doch mit großer Mehrheit für ihre Unabhängigkeit gestimmt. Das offizielle Endergebnis des Referendums wird zwar erst in ein paar Tagen erwartet, aber schon jetzt steht fest: Die Kurden wollen einen eigenen Staat. Der in Erbil heimische, kurdische TV-Sender „Rudaw“ schätzt, dass über 90 Prozent der Wahlberechtigten für eine Loslösung vom Irak votiert hätten. 

Doch die Freude der Anhänger eines souveränen Kurdistans ist trügerisch: Das Votum ist rechtlich nicht bindend. Für Masoud Barzani, den kurdischen Präsidenten, steht dennoch fest: „Wir haben uns endgültig für einen eigenen Staat entschieden, das sollte auch Bagdad akzeptieren.“ Im Irak stehen die Zeichen nun auf Konfrontation. In einer Rede sagte Barzani: Es gebe keinen Weg zurück. 

Stellt sich die Frage: Welche Chance hat ein unabhängiges Kurdistan? Die ehrliche Antwort: eine sehr geringe. Denn: Außer Israel ist niemand bereit, Irakisch-Kurdistan anzuerkennen. Im Gegenteil: Neben dem Irak, das eine Abspaltung seines Staatsgebietes nicht dulden wird – die Zentralregierung stellte das mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft, allen voran der Vereinten Nationen, bereits vor dem Referendum klar –, beabsichtigen alle Nachbarn der irakischen Kurden, gegen einen Kurdenstaat vorzugehen. 

Erdoğan schickt Panzer

Allen voran die Türkei. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan schickte vor dem Referendum Truppen und schweres Gerät wie Panzer und Kampfflugzeuge an die Grenze zum Irak. Am Dienstag kündigte er an, die Kurden im Irak zur Not aushungern zu wollen. „Wenn wir den Ölhahn schließen, werden all ihre Einnahmen ausbleiben und sie werden nichts zu essen mehr haben, wenn wir unsere Lastwagen nicht mehr in den Nordirak lassen“, sagte Erdoğan. 

Hintergrund dieser Drohung ist, dass die irakischen Kurden ihr Erdöl über die Türkei exportieren und gleichzeitig Waren von dort beziehen. Ohne den Zugang zu den internationalen Märkten über die Türkei würden die irakischen Kurden also kaum überleben. 

Auf der anderen Seite steht der Iran. Dort leben rund zehn Millionen Kurden. In den hiesigen Kurdengebieten im Nordwesten des Landes feierten die Menschen das Referendum – beobachtet von Teheran. Die Ayatollahs sehen die Unabhängigkeitsbestrebungen jenseits der Grenze nämlich aus Eigeninteresse mit Argwohn. Vier mehr noch: Sie interpretieren das Engagement der Kurden als „zionistische Verschwörung“. Israel wolle mithilfe der Kurden die Länder des Nahen Ostens destabilisieren, lautet die viel zitierte Sichtweise.

Der Blick in die Nachbarstaaten zeigt: Irakisch-Kurdistan hat mit dem durchgeführten Referendum noch nichts gewonnen. Im Gegenteil: Gegen den Willen Bagdads, Ankaras und Teheran kann ein eigenständiger kurdischer Staat nicht überleben. Irakisch-Kurdistan bleibt damit faktisch autonom, aber eben auch allein. 

Dennoch gilt in der Stunde des Triumphs ein Leitsatz Bertold Brechts: „Wer kämpft kann verlieren. Wer nicht kämpft hat schon verloren.“ 

[paypal_donation_button]