Ein al-Sisi-Anhänger in Ägypten nach der Wahl.

Denn die Erwartungen, die die Wähler an Abdel Fattah al-Sisi haben, sind nach Einschätzung ägyptischer Beobachter mindestens so groß wie ihre Begeisterung für den Mann, unter dessen Führung die Muslimbrüder 2013 von der Macht vertrieben und zu Tausenden eingesperrt wurden.

Zwar wurde in den Wahlkampfwochen mehr über Terrorismusbekämpfung gesprochen. Doch die Probleme, die den Alltag der Mehrheit der Bevölkerung bestimmen, sind Armut und Jugendarbeitslosigkeit.

„Al-Sisi kennt die Zahlen. Er weiß, dass er an wirtschaftlichen Reformen nicht vorbeikommen wird, sonst schwindet seine Popularität ganz schnell“, glaubt Karim Abadir. Er gehört zu den führenden Mitgliedern der 2011 gegründeten liberalen Partei der Freien Ägypter und hat einen Lehrstuhl für Ökonometrie am Imperial College in London. Der Wirtschaftsmathematiker ist überzeugt: „Wenn uns die Golfstaaten (vor allem Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate) nicht helfen würden, hätten wir hier schon eine Hungersnot.“

Hexenjagd gegen Muslimbrüder

Die Kampagne der Sicherheitskräfte gegen die Muslimbrüder und andere politische Gegner der Militärführung findet er übertrieben und „unnötig“. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International findet noch deutlichere Worte. In ihrer aktuellen Einschätzung der Lage heißt es: „Die Situation der Menschenrechte wird sich wahrscheinlich weiter verschlechtern.“ Amnesty zählt auf: Unfaire Prozesse, Einsatz übertriebener Gewalt gegen Demonstranten, Folter und Misshandlungen in Polizeigewahrsam. Tausende Kritiker der Militärführung und mehrere Journalisten wurden inhaftiert.

Dass der linke Aktivist Hamdien Sabahi, der schon 2012 die Präsidentenwahl in Ägypten nicht gewinnen konnte, diesmal gegen Al-Sisi angetreten ist, der von lokalen Fernsehsendern zum Superhelden stilisiert wird, finden viele Ägypter mutig.

Die Sicherheitskräfte, die von Al-Sisi nach den Massenprotesten gegen Präsident Muhammad Mursi im Juni 2013 weitgehend freie Hand erhalten haben, sind wahrscheinlich sogar ganz froh, dass sich ein zweiter Kandidat gefunden hat. Schließlich wirkt die Wahl dadurch demokratischer. Mehr als ein Zählkandidat ist er jedoch nicht.

Bei einigen Wählern geht die „Al-Sisi-Hysterie“ trotzdem so weit, dass sie nicht einmal ertragen können, wenn neben ihnen ein Wähler bekennt: „Ja, ich habe Sabahi gewählt.“ Auch Journalisten, die vor den Wahllokalen kritische Fragen stellen, ziehen schnell den heiligen Zorn der glühenden Anhänger des Feldmarschalls auf sich.

Überraschend kommt das alles nicht. Schließlich hatte Al-Sisi selbst schon angekündigt, er wolle keinen „traditionellen Wahlkampf“ führen.

Niedrige Wahlbeteiligung in Muslimbrüder-Hochburg

Ein Wiedererstarken der Muslimbruderschaft, die im offiziellen ägyptischen Diskurs inzwischen als „Terrororganisation“ bezeichnet wird, erwartet in Ägypten kurzfristig niemand. Denn sie haben nicht nur durch die Verhaftungswellen und die Schließung freundlich gesinnter Medien einen großen Teil ihrer politischen Schlagkraft eingebüßt. „Durch ihren inkompetenten Regierungsstil haben sie auch binnen weniger Monate Sympathien verspielt, die sie sich über Jahre durch Wohltätigkeitsarbeit aufgebaut hatten“, sagt Abadir.

Danach, dass die Rufe westlicher Regierungen nach einer Aussöhnung mit den Islamisten bald gehört werden, sieht es in Ägypten an der Schwelle zum „Sisi-Zeitalter“ nicht aus. Niemand weiß, was passieren wird, falls Al-Sisi die wirtschaftlichen Probleme nicht in den Griff bekommen und der Geldstrom aus den Golfstaaten eines Tages versiegen sollte.

Anhänger von Abdel Fattah al-Sisi waren in der Nacht zum Dienstag bereits mit ihren Autos hupend und Fahnen schwenkend durch Kairo gefahren, um den erwarteten Sieg des Feldmarschalls zu feiern. Die Unterstützer seines einzigen Herausforderers, Hamdien Sabahi, blieben zurückhaltender. Die Wahlbeteiligung war am ersten Tag relativ niedrig gewesen. In der Unruheprovinz Nord-Sinai lag sie nach Angaben eines Sprechers bei rund 17 Prozent. Die Muslimbrüder, die zum Wahlboykott aufgerufen hatten, sahen sich dadurch bestätigt. (dpa/dtj)