In Istanbul ist gestern Nacht der regierungskritische Journalist Ahmet Hakan vor seinem Haus im Stadtteil Nişantası angegriffen worden. Die Angreifer überwältigten den Fahrer des Journalisten und schlugen auf Hakan ein. Anschließend wurde Hakan ins Krankenhaus gebracht. Die Diagnose ergab, dass die Nase und einige Rippen des Journalisten gebrochen sind. Es bestehe keine Lebensgefahr, doch muss der Journalist wegen der Verletzungen operiert werden.

Ahmet Hakan schreibt eine Kolumne in der Zeitung Hürriyet und moderiert Diskussionssendungen im Nachrichtensender CNN Türk. Gestern Abend ließ er sich nach der Sendung nach Hause fahren, wo dann der Angriff vor seinem Haus erfolgte. Mittlerweile sind die vier Angreifer von der Polizei gefasst worden. Sie sollen als Grund eine Verkehrsstreitigkeit angegeben haben.

„Das ist ein Signal“

Ertuğrul Özkök, langjähriger Chefredakteur und jetziger Kolumnist der Zeitung Hürriyet, erklärte zum Fall: „Dies ist für mich ein Signal. Ich hoffe, dass keine weiteren Angriffe folgen werden. Wenn wir den Ernst der Lage nicht begreifen, so meine Befürchtung, könnten sich solche Vorfälle wiederholen.“

Sedat Ergin, Chefredakteur von Hürriyet, sagte, dass den Kamerabildern zufolge die Angreifer Ahmet Hakan von den Fernsehstudios bis nach Hause gefolgt seien. „Die Behauptung, es handele sich um einen Verkehrsstreit, ist nicht glaubwürdig. Dieser Übergriff sollte unser aller Augen öffnen und uns zeigen, in welcher Lage sich die Pressefreiheit in der Türkei im Jahr 2015 befindet“, so Ergin.

Der Journalisten- und Schriftstellerverband (GYV) der Türkei ließ verlauten, dass mit dem Vorfall der Druck auf die Journalisten eine neue Dimension erreicht habe. „Leider stellen wir fest, dass sowohl der Staatspräsident als auch einige AKP-Abgeordnete Journalisten und Medien zur Zielscheibe erklären. Das ist eine Straftat. Es ist beunruhigend, mit welcher Ruhe und Gelassenheit sie dies tun“, hieß es in der Pressemitteilung des GYV.

Personenschutz nicht gewährt

Ahmet Hakans Anwältin Aslı Kazan warf der Istanbuler Polizei vor, Personenschutzforderungen für seinen Mandanten ignoriert zu haben.

Hakan erhielt bereits in den letzten Wochen Drohungen. So schrieb Cem Küçük am 9. September in seiner  Kolumne in der regierungstreuen Zeitung Star bezüglich Ahmet Hakan: „Wenn wir wollten, könnten wir Dich wie eine Fliege zerquetschen. Wenn Du immer noch lebst, dann verdankst Du das unserer Barmherzigkeit.“

Der AKP-Abgeordnete Abdurrahim Boynukalın, der auch beim Angriff auf das Redaktionsgebäude von Hürriyet dabei war und in seiner Rede allen Kritikern der Regierung drohte, hatte in Richtung Ahmet Hakan gesagt: „Es war wohl unser Fehler, dass wir es bisher versäumt hatten, dich zusammenzuschlagen.“ Nach dem tätlichen Angriff auf den Journalisten distanzierte er sich via Twitter nun von der Tat und wünschte Hakan gute Besserung.

Doğan-Gruppe als Zielscheibe Erdoğans

Die kritische Presse steht in der Türkei unter dem Druck der Regierung. Auch die Doğan-Gruppe, die die Zeitung Hürriyet und den Nachrichtensender CNN Türk beherbergt, steht seit längerem im Fokus der Kritik von Präsident Erdoğan. Gegen die Mediengruppe wird wegen angeblicher Unterstützung des Terrors ermittelt.

Das Redaktionsgebäude von Hürriyet wurde am 6. und 8. September angegriffen. Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu hatte die Angriffe relativiert und die hetzerischen Worte des Abgeordneten Boynukalın auf dessen junges Alter zurückgeführt.