Ahmet Kaya war einer der bekanntesten Liedermacher der Özgün-Musik. Hayri Argav war einer seiner Weggefährten im Widerstand gegen das Militärregime.

Der Fernsehjournalist Hayri Argav ist nicht nur Zeitzeuge des Militärputschs von 1980, sondern auch sein Opfer. Er war angeklagt, verhaftet und gefoltert worden und musste seine Heimat – die Türkei – verlassen. Jahrzehntelang lebte er in Deutschland im Exil und kehrte nun in die Türkei zurück. Wir sprachen mit ihm über den Militärputsch, sein Leben in der Haft, den Exil und seine Arbeit. Denn Argav hat einen Dokumentarfilm über Ahmet Kaya, eines der berühmtesten türkischen Sänger und Komponisten der 1990ger Jahre, gemacht. Kaya selbst ist im Pariser Exil gestorben.

Sie sollen nach dem Putsch vom 12. September 1980 verurteilt und gefoltert worden sein.

Ich habe eine lange Zeit von 6 Monaten mit geschlossenen Augen in einem Folterzentrum, das „Untersuchungshaft“ genannt wurde, verbracht. Ich habe viele Dramen von anderen mitbekommen. Ein erst 3 Tage altes Baby wurde mit der Mutter zusammen vom Krankenhaus abgeholt und ins Gefängnis gebracht. Es starb kurz danach. Dies ist eine der vielen Lebensgeschichten.

Ich wurde damals nach Verhängung der Untersuchungshaft 6 Monate halbnackt, mit ausgelöschten Zigaretten am Körper und zwei unbeweglichen Armen in eine Zelle gesteckt. Die Folterungen  wurden einen Stockwerk unterhalb dieser Zelle durchgeführt. Wir hörten Schreie von Frauen und auch von Kindern. Das Schlimmste war für uns, die Folterung von anderen Menschen zu hören. Folterungen, die wir bezeugen konnten, wurden von den Gerichten nicht anerkannt.

Wer hat sie gefoltert?

Ein 12-köpfiges Team war für die Folterungen zuständig. Die Liste von denen habe ich von Nationalisten erhalten, die genau wie ich Folteropfer waren. Die Leitung der Folter übernahmen der Major Seyfettin, sowie Resat Altay und Abdurrahman Toygar. Ich habe die Liste dem Militärgericht vorgelegt und gesagt, dass ich klagen möchte. Das Gericht sagte mir, das sei nicht seine Aufgabe. Mir wurde mit dem Tod gedroht. Die Liste, die ich ihnen gab, befindet sich seither in den Akten des Militärgerichts.

Was haben Sie nach der Entlassung gemacht?

Ich habe angefangen, bei einer Zeitung zu arbeiten. Während dieser Zeit schrieb ich einen Roman über den Putsch vom 12. September mit dem Namen „Das Schafott, bevor die Sonne aufgeht“.  Anschließend habe ich über die Hinrichtungen während des Militärregimes geforscht. Aus diesem Grunde wurde ich mehrmals festgenommen und mit dem Tode bedroht. Es war die Zeit der unaufgeklärten Morde. Das Buch „Die Reiter der Morgenröte“ wurde kurz nach Erscheinen beschlagnahmt und verboten. Ich musste nochmal in das Gefängnis. Das Gefängnisleben kannte ich bereits, nun begann mein Leben im Exil.

Haben Sie gedacht, dass Sie niemals zurückkehren könnten?

Ich habe nichts kennengelernt im Leben, was mehr wehtäte, als die eigene Heimat und sein eigenes Volk verlassen zu müssen. Man sieht sich selbst als Feigling. Die Hoffnung, irgendwann zurückzukehren, bildet den langen Weg einer Reise. Ich musste meine Frau und meine erst zweijährige Tochter zurücklassen und in Exil gehen.

Was hat man Ihnen vorgeworfen?

Zuallererst wurde ein Buch von mir beschlagnahmt. Nach drei Jahren dann mein Buch „Die neue Reise des Westens in den Osten/ Nato und die Kurden im Osten der Türkei“. Auf diese Weise wurden die Anschuldigungen gegen mich vervielfacht. Insgesamt wurde ich zu sieben Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt.

Was haben Sie gedacht, als Sie nach Jahren zurückgekehrt sind?

Exiljahre sind vorrangig Sehnsuchtsjahre. Ihre Familie, Ihre Freunde, Ihr Dorf, die Straßen, wo Sie Ihr Leben verbracht haben, auch die Städte, die Sie besucht hatten – sie alle gehen Ihnen nicht aus dem Kopf. Exil ist für solche Menschen wie uns ein Schicksal. Europa ist wie ein Zentrum des Exils. Letztes Jahr im Dezember haben wir eine Vereinigung namens „Europäische Exil-Plattform“ gegründet. Diese versucht, alle einst der Türkei Verwiesenen wieder in die Türkei zurückzubringen. Ich hoffe, dass wir diese Schande irgendwann beheben können.

Was war das Schmerzvollste an Ihrem Exil-Leben?

Dass Sie ihre Liebsten verlieren. Als ich meine Schwester verlor, habe ich den Schmerz der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung gekostet. Meine Schwester starb, doch ich konnte es nur von der Ferne aus betrachten. Auch die Krankheit meiner Mutter musste ich unter diesen Umständen aus der Weite beobachten. Sie hatte Lungenkrebs.

Sind Sie wegen Ihrer Mutter zurückgekehrt?

Ich ging zu meiner kranken Mutter. Doch ich wusste nicht, wie lange es nach Istanbul dauert, drei oder fünf Stunden? Als ich in Istanbul ankam, fand ich sie in der Leichentruhe eines Cem-Hauses. Sie wurde in einer Decke eingewickelt. Ihr schwaches Herz konnte nicht länger warten. Ein unbeschreiblicher Schmerz…

Die Putschisten haben eine Sonderstellung

Die Gerichtsverfahren über dem Militärputsch vom 12. September Angelegenheit haben begonnen. Was löst das bei Ihnen aus?

In einem Rechtsstaat gibt es keine Ausnahme für Einzelne, hieß es, doch die Putschisten haben eine Sonderstellung. Dies erweckt den Anschein, dass das Gerichtsverfahren nur eine Farce sein könnte. Bei dem Ergenekon-Prozess gab es eine standhafte Haltung, doch die galt nicht für die Putschisten vom 12. September. Dabei ist deren Schuld ganz klar. Sie haben nicht nur versucht, das Grundgesetz des Landes zu brechen, sondern sie haben es regelrecht zertreten. Sie haben nicht nur gefoltert und getötet, sondern auch dem Land geschadet. Ich glaube nicht daran, dass die Türkei sich von den Militärputschen gänzlich losgelöst hat. Die Regierungen in der Türkei basieren immer noch auf dem Gleichgewicht der Kräfte.

Welchen Unterschied gibt es zwischen der alten und der neuen Türkei?

Die Städte haben mich überwältigt. Es war so, als ob sie überfüllt wären. Die Hochhäuser geben das Gefühl, als würden sie die ganze Stadt bewachen. In Europa leben eher die armen Menschen in solchen Plattenbauten. Doch hier in der Türkei geben die Menschen viel Geld aus, um in solchen Gegenden, wo die Residenzen von Stacheldraht umzäunt sind, zu wohnen. Andererseits, in den alten Straßen gab es ungelöste Mordfälle, Blut und Tränen. Die Menschen trauten sich nicht alleine zu weinen oder gar ihre Meinung zur Sprache zu bringen. Es gab einen schmutzigen Krieg. Doch jetzt hört man die Melodie des Friedens. Ungeklärte Morde haben aufgehört. Empathie ist verbreitet, die Menschen verstehen einander immer besser. Das reicht zwar noch nicht aus, doch auf den Straßen spürt man diese moderate Atmosphäre und die Hoffnung auf Frieden wird immer stärker.

Glauben Sie, dass die Stimme des Friedens am Ziel ankommen wird?

Es gibt immer noch erhebliche Hindernisse für den Erfolg der demokratischen Initiative. Die Türkei hat eine Menge Zeit verloren. Das Ausmaß des kurdischen Problems ist längst nicht das der 1990er-Jahre. Damals war die Kurdenfrage ein internes Problem. Die Auswirkungen des Sturzes von Saddam Hussein machten es zu einem regionalen Problem, doch seit 2000 stieg es auf den Status eines internationalen Problems. Es kann keine zentrale Errungenschaft für die Region geben, die ohne Berücksichtigung der Kurden verläuft. Zunehmend sind Anzeichen von Problemstaus zu beobachten. Die ersten Anzeichen hierfür waren die Morde, die in Paris begangen wurden. Hieraus soll keine Resignation entstehen. Um aus diesem Prozess herauszukommen, ist ein demokratischer Wille unerlässlich.

Was genau meinen Sie damit?

Für den Friedensprozess ist es erforderlich, dass alle Kräfte Zugeständnisse machen. Um Vorurteile und Unsicherheiten aller politischen Strömungen innerhalb und außerhalb des Parlaments zu beseitigen, müssen Organisationen der Zivilgesellschaften mitwirken, einschließlich einer „Regierung des Friedens“. Dies würden den Friedensprozess sowohl innerhalb als auch außerhalb garantieren. Dem Prozess fehlt genau diese Kraft. Aus diesem Grund besteht das Risiko, dass man sich in eine Sackgasse begibt.

Was denken Sie über die Zugeständnisse des Ministerpräsidenten?

Ich halte den Dialog in Richtung einer Lösung der kurdischen Frage zwischen den Parteien und der Regierung für sehr wichtig. Es ist ein großer Schritt des Premierministers und auch der AKP, trotz aller Kritik seitens der Ultranationalisten und Rassisten standhaft zu bleiben. Doch sie dürfen nicht aufgeben und es muss weitergehen. Die Gefahr liegt hier: Die Regierung hat zwar der Lösung zuliebe große Schritte gemacht, doch ist sie nicht fern von Traditionen staatsautoritärer Haltung. Die Haltung bezüglich der muttersprachlichen Bildung oder der Senkung der 10-Prozent-Hürde für Parteien sind noch Hindernisse auf diesem Weg. Die Lösung der Kurdenfrage erfordert Mut. Wenn die Regierung weit hinter dem, was sie versprochen hat, zurückbleibt, gibt es den Anschein einer gewissen Labilität. Ich hoffe, dass dieser Prozess überwunden wird. Denn es kann der AKP nur helfen, wenn die Demokratie und der Frieden auf diesem Wege gewinnen.

Es gab schwerwiegende Fehler seitens der PKK, die den Prozess gehemmt haben. Trifft die BDP nicht auch Schuld mit Blick auf die kurdische Frage?

Fehler in der Methode des Friedensprozesses betreffen nicht nur die Regierung, sondern auch die der PKK und der BDP.  Die Regierung hat den „Rat der Weisen“ initiiert, die PKK hat mit der „Konferenz-Methode“ versucht, den Prozess für die Erweiterung der eigenen Reihen zu nutzen. In diesem Verfahren zeigt sich jedoch die Tatsache, dass die PKK sowohl die Macht der regionalen Kräfte als auch die Macht des internationalen Hauptgeschäftssitzes der PKK übersehen hat.

War es Ihrer Meinung nach ein Zufall, dass die Gezi-Park-Ereignisse und die Abwicklung des Friedensprozesses sich überschnitten haben?

Die Gezi-Park-Ereignisse und ihre Entstehung sind interessant. Genau zu der Zeit als das Augenmerk in der Türkei auf einen türkisch-kurdischen Frieden gerichtet war, kam auf einmal die große Ablenkung durch die Gezi-Park-Proteste. Anfänglich erschien es von seiner Art und vom Timing her wie eine Alternative zum Friedensprozess. Auch die Symbole und die Worte der Kemalisten haben diesen Eindruck zunächst vermittelt. Meiner Meinung nach war es auch so. Die kurdische Bewegung hat die Entwicklung deshalb auch erst mal nur mitverfolgt. Die kurdische Politik hat zwar versucht, die kurdische Bewegung im Kampf um eine Lösung zu vereinen, doch blieb sie leider ohne Erfolg.

„Wie werden die Künstler, die mit Ahmet Kaya gemeinsam die Bühne einnahmen, ihre Schweigsamkeit verantworten?“

Gab es auf dem Berliner Konzert von Ahmet Kaya noch andere Sänger?

Am 29. Januar 1993 veranstalteten Unternehmer aus Dersim ein Konzert in Berlin. Ahmet Kaya war nicht alleine bei diesem Konzert. Da gab es auch etliche andere Sänger, auch „Intellektuelle“. Doch der einzige, der als Opfer für die Übergriffe ausgewählt wurde, war Ahmet Kaya. Diejenigen, die sich ebenso beim Konzert befanden, kamen nicht auf die Idee, Ahmet Kaya zu unterstützen. Sie haben geschwiegen. Sie haben zugelassen, dass Kaya von Rabenkrähen geschnabelt wurde. Ich weiß nicht, wie sie das verantworten können. Das ist deren Gewissen überlassen.

Wer waren diese Sänger? Wieso glauben Sie, dass diese sich für das Schweigen entschieden haben?

Ich kann Ihnen nicht sagen, wer diese waren. Das sollen sie selber machen. Ich denke, dass sie Angst hatten. Es gibt dafür keine andere Erklärung.

Wie war das Leben Ahmet Kayas im Exil?

Er soll viel gelitten haben. Vor allem Einsamkeit, wie jeder andere Verbannte. Sehnsucht und das Nie-Wieder-Sehen sollen seiner Seele sehr wehgetan haben  und das tut es immer noch, denn er ist immer noch ein Verbannter.

Dieses Interview erschien in der türkischen Tageszeitung „Zaman“.