Polen, in dem es vor wenigen Wochen einen Regierungswechsel gab, ist schwer unter Beschuss geraten. Die Europäische Union und vor allem Deutschland sehen die dortige Demokratie in Gefahr und wollen das östliche Nachbarland der Bundesrepublik unter Kuratel stellen. Gewiss ist es bedenklich, die öffentlich-rechtlichen Sender der Staatsaufsicht zu überantworten und die Direktoren der TV-Anstalten fortan durch die Regierung ernennen zu lassen, aber wo ist da der große Unterschied zum Rest der EU, auch zu Deutschland? Natürlich macht man es hier anders, gibt es Gremien und Ausschüsse, sogar Stellenausschreibungen für Intendanten in Tageszeitungen, wie gerade für den RBB in Berlin geschehen, aber am Ende beraten die Parteien im Hinterstübchen, wer es wird, ob CDU oder SPD dran sind. Warum also die Aufregung?

Waszczykowksi: Hat mit traditionellen polnischen Werten nichts zu tun

In einem der zahlreichen Interviews, die der neue polnische Aussenminister Witold Waszczykowski während der letzten Tage gegeben hat, um die Kritik an seiner Regierung ein wenig aufzufangen, sind in Verbindung mit dem für Deutschland überraschend gekommenen Wahlsieg der Konservativen in Polen ein paar interessante Worte gefallen. Man muss die Ansicht des Außenministers nicht teilen, aber sie berührt einen Teil des Problems. Unter der Vorgängerregierung, so Waszczykowksi, sei ein bestimmtes Politik-Konzept verfolgt worden. „Als müsse sich die Welt nach marxistischem Vorbild automatisch in nur eine Richtung bewegen – zu einem neuen Mix von Kulturen und Rassen, eine Welt aus Radfahrern und Vegetariern, die nur noch auf erneuerbare Energien setzen und gegen jede Form der Religion kämpfen. Das hat mit traditionellen polnischen Werten nichts mehr zu tun.“

Der Seitenhieb auf die Bundesrepublik ist offensichtlich. Aber viel entscheidender ist, dass sich in Verbindung mit der Diskussion um die Flüchtlinge gezeigt hat, dass das Tempo der Entwicklung in Europa unterschiedlich verläuft, dass Polen und große Teile Mittel- und Osteuropas viel mehr dem Nationalstaat verhaftet sind als Deutschland. Hinzu kommen die Belastungen durch die Geschichte. Polen hat mehr als jedes andere Land unter der deutschen Besatzungsherrschaft im Zweiten Weltkrieg gelitten, in Auschwitz sind die Juden Europas in die Gaskammern der SS geschickt worden. Anders gesagt, es gibt im deutsch-polnischen Verhältnis Empfindlichkeiten, die rasch wieder aufbrechen können, wenn die Sprache nicht stimmt. Mein Eindruck ist, dass es den deutschen Politikern seit Monaten an der nötigen Sensibilität im Umgang mit Polen fehlt. Das kostet nicht nur Sympathiepunkte in Warschau, überall in Europa lässt sich seit der vorläufigen Beilegung der Finanzkrise um Griechenland beobachten, dass die Deutschen als Zuchtmeister wahrgenommen werden. Und das fängt bei der Sprache an, beim Mangel an Respekt und Höflichkeit, beim Fehlen von Verständnis für den Gegenüber, für seine Sachzwänge.

Vorbehalte gegen Polen

Nicht vergessen werden sollte in Deutschland, dass die deutsche Wiedervereinigung sehr viel mit dem Widerstandswillen der Polen zu tun hat, dem Auflehnen der Gewerkschaft Solidarnosc gegen den Status quo in Europa, der Hinnahme der europäischen Teilung. Und wenn in Polen während der frühen 1980er Jahre die Hoffnung sank, gab es da noch den polnischen Papst in Rom, der mit seinen Besuchen in der Heimat den Menschen Mut machte. Polen hat somit während der Zeit der kommunistischen Herrschaft eine bessere Figur abgegeben als die protestantisch geprägte DDR. Diese Tatsache wird in Deutschland allzu gern verdrängt. Bis heute ist es in den östlichen Landesteilen der Bundesrepublik nicht gelungen, die Vorbehalte gegenüber Polen zu beseitigen, die zum Teil noch aus der Vorkriegszeit stammen, verdichtet in dem Schimpfwort von der „polnischen Wirtschaft“.

Polen hat darüber hinaus nicht das Glück gehabt, nach 1990 einen reichen Verwandten zu besitzen, wie ihn die DDR in Gestalt der Bundesrepublik besaß. Der wirtschaftliche Aufstieg des Landes verlief dadurch langsamer, aber stetig. In Teilen von Westpolen liegen die Löhne heutzutage höher als im benachbarten Brandenburg. Die junge Generation zeigt Selbstbewusstsein.

Deutschland und die EU sind daher gut beraten, die jüngsten Ereignisse in Polen aufmerksam, aber ohne Hysterie zu verfolgen. Was zur Zeit unterschätzt wird, ist die Existenz einer polnischen Zivilgesellschaft, die bei ihrem Kampf um demokratische Rechte während der letzten 30 Jahre viel Selbstbewusstsein entwickelt hat. Die neue Situation ist ungewohnt für das Land, kommt aber nicht überraschend, wenn man die anderen Staaten Mittel- und Südosteuropas zum Vergleich heranzieht. Im Gespräch zu bleiben, Neugierde für den anderen zu haben, entlang der Grenze zu Polen in den Schulen vermehrt die Sprache des Nachbarn zu unterrichten – viele Polen sprechen gut Deutsch – ist daher wichtiger denn je.