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Diese Türken sind zum Schämen

Was ist los in der Türkei?

In Istanbul wird ein China-Restaurant angegriffen. Auf dem Sultanahmet-Platz werden südkoreanische Touristen, die für Chinesen gehalten wurden, Opfer von Übergriffen.

Zuletzt gab es einen weiteren Vorfall in Ankara. Vor der thailändischen Botschaft griff eine Gruppe Protestierender eine Frau an, zerrte an ihren Haaren, jemand versuchte, mit einer Fahnenstange ihren Kopf zu treffen. Zum Glück erbarmte sich ein Passant der völlig verstört wirkenden Touristin und brachte sie in Sicherheit. Toll auch, dass der Betreiber des angegriffenen Restaurants nicht aufgibt und weitermachen wird.

Der Hintergrund:

Seitdem Meldungen die Türkei erreichen, dass China die turksprachige uigurische Minderheit im historischen Ost-Turkestan unterdrücke, gibt es massive Proteste. In Ankara wurde gegen die Auslieferung von Uiguren von Thailand nach China protestiert, sodass in den letzten Tagen nun auch thailändische Einrichtungen vom Zorn der Straße betroffen waren.

Diese Proteste sind legitim und verständlich. China ist kein Vorzeigeland, was Menschenrechte angeht.

Aber, aus Zorn auf die Politik eines Landes kann man doch in der Türkei keine Chinesen angreifen! In den konkreten Fällen waren die Opfer nicht mal Chinesen, sie wurden lediglich dafür gehalten. Ihre einzige Schuld war es, mit ihren asiatischen Gesichtszügen zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort aufgetaucht zu sein.

Es kommt aber schlimmer.

Wie soll man Koreaner von Chinesen unterscheiden?

Der Chef der rechts-nationalen MHP, Devlet Bahçeli, hat sich verständnisvoll über die Pöbelnden geäußert. Gegenüber einem Hürriyet-Kolumnisten sagte Bahçeli: „Das sind junge Leute. Wie soll man auch Koreaner von Chinesen unterscheiden? Beide haben Schlitzaugen. Macht es einen Unterschied?“

Wohl gemerkt, derjenige, der das sagt, ist ein Partei-Vorsitzender, einer, der in diesen Tagen mit dem AKP-Chef Ahmet Davutoğlu Koalitionsgespräche führen wird und in einigen Wochen vielleicht einen wichtigen Posten in der neuen Regierung erhält.

Wäre der Hintergrund nicht so ernst, so könnte man über das Ganze lachen.

Einerseits ist China für türkische Nationalisten ein Feindbild aus der Geschichte. Bei den alten Türken in Mittelasien war China die Macht, an der man sich abrieb. Der auch heute noch geläufige Name Kürşad, wahlweise auch mit t geschrieben, gilt als Held im Kampf gegen die Chinesen. Man erzählt sich stolz, dass die Chinesen aus Angst vor den Türken die Chinesische Mauer, heute noch das größte Bauwerk der Welt, errichtet hätten.

Sollen auch Kirgisen und Kasachen die Türkei meiden?

Andererseits:

Schaut man sich die Bilder über alte Türken in diesen Sphären an, Bilder über Mete Han, Oğuz Han, über Atilla und andere, so sieht man sie öfter mit sogenannten Schlitzaugen dargestellt. Kirgisen und Kasachen, die heute als turkstämmige Brudervölker angesehen werden, haben auch diese typisch ostasiatische Augenform. Sollen auch sie die Türkei meiden?

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Menschen Gesichter ihrer eigenen Ethnie leichter erkennen als Gesichter aus anderen Kulturen. Konkreter: Für uns sehen Chinesen und Japaner gleich aus, ebenfalls Afrikaner (Cross-Race-Effekt). Studien zeigen auch: Personen mit mehr Vorurteilen nehmen Menschen aus anderen Kulturen als gleich wahr, unterscheiden schlechter zwischen ihren Gesichtern.

Wäre ich Lehrer, würde ich Bahçeli im Fach Sozialkunde im Thema Menschenrechte eine glatte Sechs geben und zur Strafe rote chinesische Laternen anfertigen lassen. Vielleicht hilft es ja, wer weiß.

Was die pöbelnde Menge angeht: Sie sollten sich für ihre Haltung schämen. Hätte Atatürk diese Menge gesehen, so hätte er seine oft kritisierte Aussage so bestimmt nicht geäußert, als er sagte:

Ne mutlu Türküm diyene (Wie glücklich ist der, der sich Türke nennen kann). Diese Türken sind zum Schämen!

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