Weihnachten, normalerweise das große, besinnliche Familienfest, wird für viele Menschen in diesem Jahr einen anderen Verlauf nehmen. Sie müssen sich Sorgen machen. Denn zu den Ländern, aus denen beunruhigende Nachrichten kommen, zählt seit Neuestem auch die Türkei. Die Zukunft unabhängiger Medien steht dort auf dem Spiel, die Jobs der Kollegen sind in Gefahr, eine nicht unbeträchtliche Zahl von türkischen Journalisten wird sich über Weihnachten im Gefängnis befinden, unter ihnen Menschen, denen ich in den letzten Jahren begegnet bin. Ich teile mit ihnen das Verständnis von unserem Beruf, ich sehe die Welt wie sie. Und ich weiß aus der deutschen Erfahrung, dass der Verlust der Pressefreiheit in der Regel schwerwiegende Konsequenzen hat.

Eine politische Weihnachtsgeschichte 

Ich bin in den zurückliegenden Jahren vielen Deutschen mit türkischen Wurzeln begegnet, und vielleicht ist angesichts der aktuellen Ereignisse, zu denen auch der fahnenschwingende Protest in Dresden gehört, der Moment gekommen, über meine Erfahrungen ein wenig zu erzählen, wenn man so will meine (politische) Weihnachtsgeschichte. Ich bin in ganz Deutschland mit hunderten von Menschen zusammengetroffen, die Bemerkenswertes geleistet haben. Viele von ihnen, Deutschtürken der zweiten Generation, haben auf mühevollen Wegen Schul- und Hochschulabschlüsse nachgeholt. Und weil sie dieses Schicksal ihren Kindern ersparen wollten, haben sie Schulen gegründet. In diesen Einrichtungen legen nicht nur deutschtürkische Kinder das Abitur ab, sondern auch viele andere Kinder aus Migranten-Nationen. In breiter Front zieht mittlerweile die dritte Generation in akademische Berufe ein.

Anscheinend hatten und haben die Schulgründer eine glückliche Hand. Ich erlebe sie als Pragmatiker, als zupackende Menschen, und das erinnert mich an meine eigene Kindheit, als Kind von Flüchtlingen. Eine „Willkommenskultur“ habe ich nicht in Erinnerung. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft hat viele Stärken, was ihr fehlt ist Empathie. Herzenswärme, ausgestreckte Hände, große Gastfreundschaft und grenzenlose Hilfsbereitschaft habe ich hingegen in den letzten fünf Jahren bei den Deutschtürken erlebt. Und noch etwas ist mir aufgefallen: die große emotionale Kraft, die die Menschen aus dem Glauben beziehen. Wenn ich eine zutreffende ungefähre Einschätzung vom Islam gewonnen haben sollte, dann handelt es sich um eine Religion, die ein umfassenderes Angebot unterbreitet als mein eigener Glaube. Sie ähnelt einem Schutz und Wärme gebenden Zelt. Ich habe nur höfliche, zurückhaltende Menschen angetroffen, die mich an den Ausspruch eines berühmten Deutschen erinnern: „Mehr sein als scheinen“.

Gülen-Bewegung: Vertrauen in die Kraft des Glaubens

Dieses Vertrauen in die Kraft des Glaubens – eine der Folgen ist eine enorme Spendenbereitschaft – kommt nicht überall im Lande gut an, nicht einmal bei denen, die auch aus der Türkei stammen, aber eine andere soziale Prägung oder politische Auffassung haben. Das ist sehr zu bedauern. Vielleicht tragen die aktuellen Ereignisse in der Türkei dazu bei, von den Verschwörungstheorien und von der Schwarz-Weiß-Malerei zu lassen, die der Gülen-Bewegung in Deutschland und vielen anderen Ländern – nicht in den USA, in Afrika und Australien – so schwer zu schaffen macht.

Integrationspolitik ohne Kompass

Ich erlebe die deutsche Integrations- und Migrationspolitik zur Zeit als hilflos, ohne Kompass. Aber ich bin auch sicher, dass sich in den Quartieren der Städte und in den Dörfern Nachbarschaften und Freundschaften herausgebildet haben, die tragen. Darüber hinaus hat es jeder Einzelne in der Hand, in diesen Tagen Zeichen zu setzen. Bereits ein spontanes freundliches Wort kann den Tag verschönern, ein kleines Geschenk für ein Kind eine ganze Familie zum Strahlen bringen. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, werden Hunderttausende von Menschen in wenigen Tagen singen. Ich will nicht soweit gehen, dies wörtlich zu nehmen, von dieser Gesellschaft das zu verlangen, was Türken, Libanesen, Jordanier offenkundig in der Lage sind zu praktizieren, nämlich Syrien-Flüchtlinge in großen Zahlen aufzunehmen.. Aber eine „Willkommenskultur“ kann nur dann entstehen, wenn sie von den Menschen her kommt, nicht über bürokratische Erlasse von oben verordnet wird. Aber es ist auch an der Politik, eine Art von „Weihnachtsgeschichte“ zu erzählen.