Schulleiter in Bosnien festgenommen. Erdogans langer Arm.
Das Logo des Richmond Park College im bosnischen Bihac.

Erneut hat die türkische Regierung offenbar einen Kritiker im Ausland verhaften lassen. Diesmal wurde ein Schulleiter in Bosnien-Herzegowina festgenommen. Laut Medienberichten befindet er sich derzeit in Abschiebehaft.

In Bosnien-Herzegowina wurde am Mittwoch ein türkischer Schulleiter festgenommen. Darüber berichten türkische Medien und die deutsche Nachrichtenagentur dpa. Dabei handelt es sich um Fatih Keskin, Direktor des „Richmond Park College“ in Bihac. Der Schulleiter ist türkischer Staatsbürger und lebt seit etwa 20 Jahren in Bosnien.

Keskin sei in die örtliche Polizeiwache eingeladen worden. Dort habe man ihm gesagt, dass sein unbefristeter Aufenthaltsstatus widerrufen werde, weil er Gesetze missachte. Man habe ihm aber nicht sagen können, welche Gesetze genau er missachtet haben soll, so Keskin. Daraufhin habe man ihn in ein Flüchtlingszentrum in Sarajevo gebracht. Derzeit soll der Schulleiter sich laut Medienberichten in Abschiebehaft befinden. Das würde bedeuten, dass ihm eine Abschiebung in die Türkei bevorsteht.

Keskin erklärt Situation in Sprachnachricht

Der festgenommene Keskin hatte vor der Abschiebehaft noch die Gelegenheit, eine Sprachnachricht an sein Umfeld zu schicken. Darin sagt er, dass zwei Polizeibeamte ihn nach Sarajevo mitnehmen. Anfangs habe er sich geweigert und einen Anwalt verlangt. Die Beamten hätten ihm aber gesagt, dass er entweder aus freien Stücken mitgehen könne oder aber man ihn zwanghaft mitnehmen werde. „Jetzt bin ich in einem Flüchtlingszentrum in Sarajevo. Die Situation hier ist sehr schlimm. Es schneit und die Heizungen funktionieren nicht. Eine sehr seltsame Situation“, so Keskin in seiner bisher letzten bekannt gewordenen Sprachnachricht.

Das Richmond Park College hat eine Pressemitteilung zur Verhaftung veröffentlicht und den Vorgang verurteilt. Man erwarte Unterstützung vom bosnischen Staat.

Nach Ansicht seines Anwalts, der sich mittlerweile zu Wort gemeldet hat, stehen die Festnahme Keskins und die Anordnung der Abschiebehaft nicht im Einklang mit den Gesetzen Bosniens. Diese sehen derartige Maßnahmen nur vor, wenn eine Person die Sicherheit des Staates gefährdet oder gegen Gesetze verstößt. All dies sei im Falle seines Mandanten nicht gegeben, erklärte der Anwalt.

Entführungen von Erdoğan-Kritikern im Ausland

Medien in Bosnien bringen das Vorgehen der Behörden gegen den in Bihac beliebten Schuldirektor vielmehr mit Interventionen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Zusammenhang. Dieser hatte bei einem Besuch im Juli in Sarajevo bei der bosnischen Staatsführung erneut darauf gedrungen, türkische Staatsbürger auszuliefern, denen eine Zugehörigkeit zur Gülen-Bewegung nachgesagt wird. Das College, an dem Keskin tätig war, ist aus der Gülen-Bewegung hervorgegangen, die in der Türkei derzeit als Terrororganisation eingestuft wird. Die Bewegung lehnt die Vorwürfe ab.

In der Vergangenheit hatte es bereits Entführungen von Erdoğan-Kritikern im Ausland gegeben. So beispielsweise vergangenes Jahr im Kosovo. Dabei wurden sechs mutmaßliche Anhänger der Gülen-Bewegung in einer Operation des türkischen Geheimdienstes entführt und in die Türkei gebracht. Der Fall sorgte für Aufregung. In der Türkei droht Kritikern weiterhin Folter in Gefängnissen.

Schon in der Vergangenheit drohte die türkische Regierung immer wieder mit Entführungen von Kritikern aus dem Ausland.

Mit Material von dpa