Hurra! Erdoğan, Staatspräsident der Türkei, beglückt uns wieder mit einer neuen Erkenntnis. Nämlich: Frauen und Männer sind gar nicht gleichberechtigt, wie uns der Westen weißmachen will. Doch, sie sind zwar wertvoll, muslimische Männer küssen die Füße ihrer Mütter, so sehr wertschätzen sie sie. Aber das bedeute noch lange nicht, dass sie gleichberechtigt wären, so Erdoğan. Sie seien nämlich von unterschiedlicher Natur und wer meine, sie seien gleichberechtigt, der sage etwas Widernatürliches.

Das alles sagt er bei einer Veranstaltung des Frauenverbandes Kadem in Istanbul.

Als diese Sätze fielen, ging eine kleine Welle der Empörung durch westliche Medien. Wie kann der Mann das sagen! Ist er noch bei Sinnen?

Westliche Medien können das nicht verstehen

Westliche Medien können dies nicht verstehen – aber was dieser Mann sagt, hat eine Logik. Er ist Staatspräsident eines Landes, in dem westliche Medien nach allgemeiner Kenntnis nicht zum Wahlvolk gehören. Der Mann aber möchte der Umwandlung des Staates mit den nächsten Wahlen in 2015 eine Legitimität verschaffen. Wenn Erdoğans Partei, die AKP, eine Mehrheit bekommt, mit der er die Verfassung ohne fremde Mithilfe ändern kann, wird er seinem Ziel näher sein und das Präsidialsystem legitimieren, das er de facto eingeführt hat.

Insofern besitzen Argumente, die das fromme Wahlvolk gut findet, ihre Logik, wie rückständig ausländische Medien dies auch einstufen mögen.

Aus welchen anderen Gründen noch könnte er sich so über Frauen geäußert haben? Zum einen kann man sich naiv geben und alles so nehmen wie Erdoğan es gesagt hat und darüber rätseln, was er gemeint haben könnte.

Ob es allerdings klug wäre, sich bei einem Politiker wie Erdoğan naiv zu geben und alles für bare Münze zu halten, was er sagt, ist fraglich. Zu oft hat er heute dies und morgen genau das Gegenteil vertreten. Berühmt ist zum Beispiel seine One-Minute-Reaktion in Davos gegenüber dem israelischen Präsidenten Shimon Peres 2009. Später sagte er aber, er habe damit gar nicht Peres, sondern den Moderator gemeint.

Also, seien wir misstrauisch und hinterfragen, warum er das gesagt haben könnte. Eine Reihe von Beispielen fallen da einem ein: Immer wenn Erdoğan unter Druck steht, versucht er mit solchen Äußerungen die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema zu lenken und sich Luft zu verschaffen.

Erdoğan und seine fraglichen Äußerungen über Frauen

Als 2011 die Luftwaffe an der türkisch-irakischen Grenze eine Gruppe von Schmugglern bombardierte und dabei 35 Menschen starben, entdeckte Erdoğan seine Sorge um ungeborenes Leben. Er meinte, Abtreibung wäre Mord. Und die Aufmerksamkeit war gelenkt von geborenem (aber totgeschossenem) auf ungeborenes Leben.

Bei Gezi-Protesten im vorigen Jahr behauptete Erdoğan, Protestler hätten in einer Moschee Alkohol zu sich genommen. Plötzlich ging es nicht mehr um einen landesweiten Massenprotest, sondern um ein paar Tropfen Alkohol am falschen Ort, auch wenn diese Geschichte vom Moschee-Personal vor Ort nicht bestätigt werde konnte. Später wurden sie versetzt. Man darf drei Mal raten, weshalb.

Als der Unmut über die Kosten des sogenannten Ak Saray, der neuen Residenz Erdoğans mit tausend Zimmern hochkam, da besann er sich auf sein historisches Wissen, dass Amerika gar nicht von Kolumbus, sondern in Wahrheit viel früher von den Muslimen entdeckt wurde.

Türkei diskutiert Parallelstaat anstatt Korruptionsskandal 

Und seit dem 17. und 25. Dezember letzten Jahres ist die Türkei mit dem größten Korruptionsskandal der türkischen Geschichte konfrontiert – aber diskutieren tut man, dank Erdoğan, über den sogenannten Parallelstaat und einem versuchten Zivil-Putsch gegenüber seiner Regierung.

Wie dem auch sei. Seine Äußerungen, egal ob über die Rolle der Frauen oder über den Parallelstaat, sie folgen einer gewissen Logik. Am Ende lenken sie zum einen ab, zum anderen binden sie seine Wählerschaft noch enger an ihn. Dabei poliert er sein Image als muslimischer, tiefgläubiger Staatsmann auf.

Dass dabei noch alle so denken wie seine Wähler, dass ein Teil der Wähler vom Staat keine Belehrung in Weltanschauungs-Fragen wünscht und sich ausgegrenzt fühlt, das scheint ihn nicht sonderlich zu stören: Cuius regio, eius religio – der Staat gibt die Richtung vor, was in den Köpfen und Herzen stattzufinden hat.

Die Meinung der Frauen nicht gefragt

Fast haben wir vergessen, was denn die Frauen dazu zu sagen haben – es geht doch dabei auch um sie! Wie steht es um die Situation der türkischen Frauen heute? Warum wurden in diesem Jahr 260 Frauen ermordet? Warum liegt die Türkei in puncto gesellschaftlicher Chancengleichheit von Frauen international so weit zurück? Schlechter als die Fußball-Nationalmannschaft im internationalen Vergleich. Was meinen denn die türkischen Frauen dazu?

„Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ Dieses Zitat stammt von Friedrich II., genannt der Große, preußischer König. Friedrich II. war gestern.

Die Haltung Erdoğans kann man wohl in Anlehnung an den preußischen König am zutreffendsten so umschreiben: Jeder soll nach meiner Façon selig werden.