Zu Hause spürt der türkischen Premierminister zunehmend Gegenwind. Doch seine Anhänger bleiben ihm treu, vor allem in der arabischen Welt.

ANALYSE Er kritisierte Israels Vorgehen gegen die palästinensische Bevölkerung und warf der Regierung in Jerusalem vor, unschuldige Zivilisten und Kinder zu töten. Für seinen Auftritt beim Weltwirtschaftsforum und seine so genannte “One Minute”-Rede wurde er vor allem in der arabischen Welt, wie ein Held gefeiert. Er forderte eine Bestrafung Israels, nachdem ein israelisches Kommando eine Flottille nach Gaza stürmte. So etwas kam dort an, wo es ankommen sollte.

Zu Hause im eigenen Land waren andere Qualitäten gefragt. Er schaffte es, dass das Land wirtschaftlich boomte. Er hob das Kopftuchverbot auf. Er vollendete das Marmaray-Projekt, er plant den Eurasiatunnel, den größten Flughafen der Welt und eine dritte Brücke über den Bosporus. Recep Tayyip Erdoğan schien als Premierminister die Türkei zu einem Vorbild für den Nahen Osten umzugestalten. Das Volk liebte ihn und ein Beitritt in die EU erschien gar nicht mehr so unwahrscheinlich.

Doch seit 2011 wendete sich das Blatt. Erdoğan scheute, zum dritten Mal und prozentual gestärkt im Amt bestätigt, nunmehr polarisierende Schritte und die Konfrontation nicht. Er setzte sich für die Wiedereinführung der Todesstrafe ein, er kündigte an, das Abtreibungsrecht zu verschärfen und auch der Alkoholkonsum und -verkauf wurden eingeschränkt. Damit brachte er Teile der türkischen Bevölkerung gegen sich auf und auch die unvermeidlichen Mahnungen aus der EU blieben nicht aus.

Spätestens aber das Vorhaben, ein Einkaufszentrum auf dem Taksim-Platz zu errichten, erzürnte viele türkische Bürger und es kam zu einer ungeahnten Protestwelle gegen die Regierung. Der Vorwand für die Proteste waren die Bäume, die dem Projekt weichen sollten, doch was tatsächlich dahinter steckte, war der Versuch eines Sturzes der Regierung. Diese ging ihrerseits gewaltsam gegen die Demonstranten vor und die Medien stürzten sich weltweit auf das Thema. In Deutschland begann man von einem „Türkischen Frühling” zu sprechen – etwas, das aus Sicht der Regierung bereits 2002 Platz gegriffen hatte. Plötzlich wurde der beliebte Ministerpräsident vom eigenen Volk als „Diktator” bezeichnet. Als langsam wieder etwas Ruhe einkehrte, verkündete die türkische Regierung im November 2013 die geplante Schließung von privaten Nachhilfeschulen – Dershanes -, um die arme Bevölkerung „vor hohen Kosten zu schützen”.

Erdoğan und seine Partei geraten immer mehr in Kritik

Doch damit nicht genug, gerät die Regierung Erdoğan im Dezember 2013 in einen Korruptionsskandal. Einige Ministersöhne werden verhaftet und im Februar 2014 wurden in den türkischen Medien Telefongespräche zwischen dem Premierminister und seinem Sohn veröffentlicht, in denen er diesen auffordert, offenbar privat gelagerte Gelder so schnell wie möglich aus dem Haus zu schaffen. Erdoğan bestritt zunächst, diese Gespräche geführt zu haben und bezeichnete sie als Fälschung.  Die oppositionellen Parteien sowie einige Politiker in der Türkei allerdings gelangten zu der Überzeugung, dass diese Telefongespräche echt seien.

Vergangenen Dienstag starb der 15-jährige Berkin Elvan, der bei den Taksim-Protesten verletzt worden und ins Koma gefallen war. Dies sorgte erneut für einen Aufstand und Tausende von Menschen in der Türkei demonstrieren abermals gegen die Regierung.

In der Türkei scheinen die Spannungen kein Ende mehr zu nehmen und man wartet täglich auf neue Ereignisse. Die Gesellschaft scheint wenige Tage vor den Wahlen vollständig polarisiert zu sein. Erdoğan macht für die Ermittlungen zur Korruptionsaffäre die Hizmet- oder Gülen-Bewegung verantwortlich und beschuldigt sie, einen Staat im Staat installiert zu haben.

Der Premierminister gerät nun nicht nur im eigenen Land, sondern weltweit immer mehr in Kritik und viele erwarten und fordern gar seinen Rücktritt.

Bei einem Blick in die meisten arabischen Medien wird hingegen deutlich, dass Erdoğan in großen Teilen der arabischen Welt immer noch bewundert und geachtet wird. Es entsteht der Eindruck, dass er gerade für sein selbstbewusstes und unbeirrbares Auftreten geschätzt und als starker und entschlossener Führer der Türkei wahrgenommen wird. Die Mehrheit der arabischen Medien und viele Menschen aus dem arabischen Volk und in vielen muslimischen Ländern stehen hinter Erdoğan.

„Gott segne dich, Erdoğan!”

Schon zur Zeit der Taksim-Proteste, als unter türkischen Usern Hassbilder des Premierministers durch die sozialen Netzwerke gewandert waren, konnte man auf vielen Profilen arabischer Menschen Bilder von Erdoğan entdecken, auf denen er in stolzen Posen zu sehen ist. Oft waren darüber Sprüche zu lesen wie: „Gott segne dich!”, „Wir stehen hinter dir!”, „Du bist und bleibst stark!”. Gerade auf den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter, die Erdoğan in seinem Land zeitweise verbieten wollte, hat er zahlreiche Fanpages mit Tausenden von Followern – darunter etliche Araber.

Doch was ist der Grund für Erdoğans so große Beliebtheit unter so vielen Arabern?

Eine mögliche Begründung ist, dass er sich in der Vergangenheit medienwirksam für das palästinensische Volk einsetzte und sich oft gegen Israel stellte. In den Herzen vieler gläubiger Muslime verschaffte er sich außerdem einen Ehrenplatz, indem er die traditionell laizistische Türkei unter gleichzeitiger Betonung muslimischer und demokratischer Werte regiert und den Islam somit in positiver Weise als mit der heutigen Zeit kompatible Religion herausstellt. Viele arabische Muslime bewunderten Erdoğans Vermögen, in einem modernen Staatsgebilde muslimische Politik zu betreiben.

Der Kolumnist Baschir Abdul-Fattah schreibt in einem Bericht beim Nachrichtenkanal  Al-Jazeera etwa: „Erdoğan bemüht sich zielsicher um einen demokratischen Wahlkampf, indem er zum Wohle der Bevölkerung wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen veranlasst, für die das türkische Volk allerdings größtenteils nicht bereit zu sein scheint.”

In einer weiteren Kolumne erklärt Muhammed Zahed in Bezug auf die wachsende Kritik am türkischen Premier: „Die Opposition versucht dem Westen ein anderes Bild der AKP […] vor Augen zu führen [um sie in ein schlechtes Licht zu rücken].”

Doch am größten scheint die Zustimmung und Begeisterung auf Facebook zu sein. Die treuen Anhänger Erdoğans schreiben: „Die Zeit und alle Nationen sind deine Zeugen und du wirst immer einen Platz in den Herzen der Muslime finden.” Auf Twitter gibt es den Hashtag #OurHeroErdogan, auf dem ihn Menschen aus aller Welt unterstützen. Einer der arabischen Kommentare lautet: „Er ist derjenige, der gegen Kindermörder kämpft. Wir unterstützen ihn. Er ist ein wahrer Mann.”

Die Kommunalwahlen werden zeigen, wie beliebt Erdoğan wirklich ist

Selbstverständlich hat Erdoğan auch in der arabischen Welt viele Kritiker, etwa die Anhänger des syrischen Präsidenten Assad, die ihn auf den sozialen Netzwerken schmähen und in der Türkei die Opposition unterstützen. Doch die Mehrheit der arabischen User scheint hinter ihm zu stehen und bezeichnet die momentanen Anschuldigungen  gegen den einstigen Liebling der Türken und der Menschen im Nahen Osten als Operation, um ihn zu stürzen.

Eines ist klar: In den Herzen vieler Araber wird Erdoğan immer einen Platz haben. Allerdings bleibt abzuwarten, ob er es schaffen kann, die Unterstützung seines eigenen Volkes zurückzugewinnen. Sollte die Polarisierung innerhalb der türkischen Bevölkerung zu mehr Opfern führen, würde das dem Ansehen Erdoğans sicherlich schaden.

Ob Erdoğan es schaffen wird, die Bewunderung und den Respekt, den er in großen Teilen der arabischen Welt genießt, zu erhalten, wird sowohl das Ergebnis der Kommunalwahlen am Ende dieses Monats als auch sein künftiges Verhalten gegenüber seinen politischen Gegnern zeigen.