Die Armenierfrage ist in der Türkei bis heute hoch umstritten. Im Zusammenhang mit dem 100. Jahrestag der Ereignisse von 1915 und 1916 will Präsident Erdoğan nun eine Klärung durch Historiker veranlassen.
Die Armenierfrage ist in der Türkei bis heute hoch umstritten. Im Zusammenhang mit dem 100. Jahrestag der Ereignisse von 1915 und 1916 will Präsident Erdoğan nun eine Klärung durch Historiker veranlassen.

Die Debatte um die Ereignisse der Jahre 1915 und 1916 rund um die gewaltsame Vertreibung der armenischen Bevölkerungsgruppe im späten Osmanischen Reich, gewinnt im Vorfeld des 100. Jahrestages des Beginns der Deportationen an Dynamik.

Über Jahrzehnte hinweg waren diese Ereignisse, die von armenischer Seite und von einigen westlichen Staaten als „Genozid“ bezeichnet werden, in der Türkei ein Tabuthema. Wer es ansprach, lief Gefahr, in den Verdacht der „Beleidigung des Türkentums“ zu geraten. Zahlreiche Journalisten, Schriftsteller und Historiker saßen in diesem Zusammenhang bereits auf der Anklagebank.

Die türkische Regierung nimmt auch heute noch Stellung zu den Ereignissen von vor 100 Jahren und vertritt dabei die These, dass die Gewalt gegen die Armenier und ihre Deportation die Folge von bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen, von Seuchen und Not im damaligen Anatolien gewesen sei. Ankara bestritt die Hunderttausenden Toten, welche die damaligen Geschehnisse zur Folge hatten, nicht, verweist vielmehr stets auf die politisch-historischen Zusammenhänge.

Jetzt allerdings scheint Bewegung in die Debatte zu kommen. Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist offenbar bereit, sich dem Urteil einer Historikerkommission zu beugen. In einem Interview mit dem türkischen Staatsfernsehen TRT erneuerte Erdoğan am Donnerstagabend seinen Vorschlag, eine Expertenkommission einzusetzen. „Wenn es wirklich ein Verbrechen gab und ein Preis von uns zu zahlen ist, dann werden wir uns das ansehen und die entsprechenden Schritte tun“, sagte er.

Bereits vergangenen April hatte der damalige Premierminister einen Schritt auf die Armenier zu getan. Er bezeichnete es als „eine menschliche Pflicht“ auch das Leid, das die Armenier zu jener Zeit durchlebt hätten, zu „verstehen und es mit ihnen zu teilen“. Vor wenigen Wochen lud Erdoğan auch seinen armenischen Amtskollegen Sergej Sarkisyan ein, der Opfer der Gallipoli-Schlacht im Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren zu gedenken.

Perinçek prozessiert wegen Aussagen zu 1915 vor dem EGMR

Bislang haben 22 Länder und das Europaparlament das Geschehen bislang offiziell als „Genozid“ eingestuft. Der Bundestag sprach 2005 lediglich von „Deportationen und Massakern“. Der Begriff „Völkermord“ wurde allerdings in der Begründung des Antragstextes verwendet. Derzeit überprüft auch der Europäische Menschenrechtsgerichtshof die Verwendung des Begriffs „Völkermord“. Der Vorsitzende der İşçi Partisi (Arbeiterpartei; İP); Doğu Perinçek, hat davor gegen eine Verurteilung in der Schweiz geklagt. Dort gilt es als strafbare Handlung, die Ereignisse von 1915/16 nicht als „Genozid“ einzustufen.

Am 24. April 1915 wurden 235 armenische Intellektuelle in Istanbul verhaftet, dies galt als Ausgangspunkt. Der politische Niedergang des Osmanischen Reiches, das nicht uneigennützig vonstattengehende Drängen europäischer Mächte gegenüber der Hohen Pforte zur Übernahme europäischer politischer Rezepte, das Liebeswerben des Russischen Zarenreiches gegenüber den christlichen Armeniern, gewalttätig ausartende Konflikte zwischen Armeniern und Kurden (die unter anderem in mehreren Massakern zwischen 1894 und 1896 kulminierten) und mehrere versuchte oder vollendete Anschläge armenisch-nationalistischer Kräfte gegen Vertreter des Osmanischen Reiches hatten auch im osmanischen Vielvölkerreich die Saat für Nationalitätenkonflikte aufgehen lassen.

Anfangs gab es innerhalb der armenischen Volksgruppe Sympathien für die Jungtürken, die sich gegen die auch von den Armeniern als unterdrückerisch wahrgenommene Politik Sultan Abdulhamids II. wendeten und diesen zu politischen Reformen drängen wollten. Allerdings verstärkten sich innerhalb der Komitees für Einheit und Fortschritt (İttihad ve Terakki Cemiyeti) nach der Wiederinkraftsetzung der liberalen Verfassung 1908 die nationalistischen Tendenzen.

Nationalismus zerfraß Osmanisches Reich von innen

Im von Krisen geschüttelten Osmanischen Reich bildeten die Armenier um 1900 eine autonome Gemeinde mit eingeschränkten Rechten. Erfolge in Landwirtschaft, Handwerk und Finanzwesen weckten in einer Zeit des Niedergangs multinationaler Reiche und des Aufstrebens nationalistischer Ideologien Neid. Für viele Türken waren die unter westlichem Schutz stehenden Christen Schuld am Siechtum des Reiches.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu Pogromen. Allein die Massaker von 1894 bis 1896 hinterließen zwischen 50.000 und 300.000 Tote. Als zwischen 1909 und 1912 auch die Balkanvölker auf Unabhängigkeit von den Türken drängten oder von den Großmächten annektiert wurden, spitzte sich die Situation zu: Die 1908 an die Macht gekommenen Jungtürken zielten auf ein einheitliches Reich, wollten Türkisch und einen vom Staat kontrollierten, sunnitischen Islam als alleinige Basis durchsetzen.

Der Erste Weltkrieg lieferte die Gelegenheit, dieses Konzept umzusetzen. Auf Befehl des Innenministeriums wurde die Elite der Armenier zu Tausenden verhaftet und meist ohne Prozess hingerichtet. Zehntausende starben auf Todesmärschen.

Deutschland, damals Kriegsverbündeter der Türkei, schaute stillschweigend zu, war aber informiert. Der deutsche Vizekonsul in Erzurum hielt 1915 fest: „Die armenische Frage soll nun im gegenwärtigen Krieg gelöst werden“, und zwar „in einer Form, die einer absoluten Ausrottung der Armenier“ gleichkomme.

17 Todesurteile durch türkisches Kriegsgericht

Der Widerstand einer kleinen Gruppe ging in die Literaturgeschichte ein: In seinem Erfolgsroman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ schilderte Franz Werfel, wie sich im Herbst 1915 mehrere tausend Armenier am 1700 Meter hohen Mosesberg verschanzten. Kurz bevor sie aufgeben mussten, wurden sie von einem französischen und einem britischen Kriegsschiff gerettet.

Zwischen 1915 und 1917 wurden zwischen 300 000 und 1,5 Millionen Armenier ermordet oder starben an den Folgen von Seuchen, Hunger oder den Strapazen der Vertreibung. Die großen Unterschiede bei den Zahlen hängen auch mit ungenauen Bevölkerungsstatistiken zusammen.

Die Gewalttaten hatten ein Nachspiel, das Rechtsgeschichte schrieb: Nach dem Weltkrieg drängten die westlichen Siegerstaaten erstmals auf Kriegsverbrecherprozesse. Ein türkisch besetztes Kriegsgericht in Istanbul stellte fest, dass die Verbrechen zentral vorbereitet wurden, und verurteilte 17 Angeklagte zum Tode. Die Haupttäter flohen, wurden aber zum Teil von armenischen Attentätern ermordet.

Präsident Erdoğan hat nun zwar davor gewarnt, die Türkei vorzuverurteilen, aber sein bereits 2005 an den damaligen armenischen Präsidenten Robert Kocharyan gerichtetes Angebot an die armenische Seite erneuert, die Archive beider Staaten zu öffnen und Historiker die Ereignisse wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen.

Erdoğan: „Türkei nicht vorverurteilen“

„Lasst sie die Unterlagen studieren und uns ihren Bericht vorlegen. Dann lasst uns als Politiker an einem Tisch Platz nehmen“, regte Erdoğan an. „Aber lasst uns hier vorsichtig sein. Die Ereignisse von 1915 liegen als Geschichte offen zur Aufarbeitung. Der türkische Staat geht offen damit um, unsere Archive sind geöffnet und bieten freien Zugang, aber die Archive der Gegenseite sind nicht offen. Sie sagen nur ‚Die Türkei ist schuldig‘, aber die Türkei wird nicht bereits dadurch schuldig, dass sie es sagen.“

Im Oktober des Vorjahres hat Premierminister Ahmet Davutoğlu mit dem Journalisten Etyen Mahçupyan einen türkisch-armenischen Chefberater verpflichtet. Es ist davon auszugehen, dass dieser im Zusammenhang mit der Frage nach der Behandlung der Ereignisse durch die türkische Staatsspitze für Impulse sorgen wird. (KNA/dtj)