Bei einer Veranstaltung seiner Partei der AKP sagte Erdoğan: “Als eine konservativ demokratische Partei wollen wir eine religiöse Generation hervorbringen.” Kaum hat er das gesagt, begann schon eine hitzige Debatte. Die erregte türkische Öffentlichkeit spaltete sich in zwei Lager.

Nun stellen sich manche die Frage: Nun also doch? Erdoğan doch ein verkappter Islamist? Benutzt er nicht die Demokratie, um seine religiösen Vorstellungen zu verwirklichen? Hatte er denn doch nicht bisher mehrmals gesagt, “Die Demokratie ist ein Mittel. Das Ziel die Glückseligkeit des Menschen”? Hat er nun nicht eigenhändig den Beweis dafür geliefert? Manch einer mag so denken. Aber langsam. Um die Situation zu verstehen, hilft vielleicht ein Gleichnis aus dem Werk Masnavi des türkisch-persischen Mystikers Mevlana (1207-1273). In das besagte Gleichnis erhalten vier Personen aus vier Ethnien zusammen eine Dirham bzw. etwas Geld. Jeder behauptet nun, das Geld gehöre ihm. Der Perser sagt, er möchte mit diesem Geld ‘engür’ kaufen. Nein, sagt der Araber, er möchte ‘inep’ kaufen. Auch der Türke und der Römer bzw. Grieche widersprechen. Der Türke möchte ‘üzüm’, der Grieche ‘istafil’ kaufen. Und so geraten in Streit.

Aber eigentlich wollen alle das gleiche: Trauben. Nur sie verstehen sich nicht, haben dafür verschiedene Ausdrucksmittel und geraten sie so in Streit. Kann es denn sein, dass es sich beim Streit über die Worte Erdoğans um einen ähnlichen Streit handelt? Diejenigen, die Erdoğans Aussage befürworten, assoziieren damit eine ethisch gefestigte Persönlichkeit. Sie fragen: “Was kann es denn daran so schlimm sein an einer religiösen Generation? Welche Eltern bzw. Erziehungsberechtigte möchte keine Kinder haben, die fleißig in der Schule sind, die nicht stehlen, die später ihre Steuern zahlen usw.?” In der Tat: Viele in der muslimischen Welt verbinden eigentlich mit Religion bzw. Religiosität keine Staatsordnung, sondern authentische, nicht entfremdete Persönlichkeiten bzw. Handlungsweisen mit hoher ethischer Kompetenz.

Auf der anderen Seite fragt man sich jedoch: Ist es denn Aufgabe des Staates, eine religiöse Generation zu erziehen? Wo bleibt der Laizismus, die Trennung von Staat und Religion, weltanschaulicher Neutralismus? Wollten denn die Kemalisten schon nicht mal eine neue Generation umerziehen; gehen wir also von einem autoritären Projekt zum anderen über? Auch diese Fragen haben durchaus ihre Berechtigung. Zumindest im Vergleich zu europäischen Staaten liegt die Türkei in PISA-Studien abgeschlagen in hinteren Plätzen. Außer dem Literaturnobelpreis hat bisher kein türkischer Wissenschaftler irgendeinen Nobelpreis für seine wissenschaftlichen Leistungen bekommen. Erdoğan wäre besser beraten, die Religiösität bzw. die Erziehung zum Religiösen den Bürgern bzw. der zivilen Initiativen zu überlassen.

Der Staat sollte sich besser darum kümmern, wie er das Niveau der Bildung steigern und demokratische Standards im Land heben kann. Abgesehen davon würde auch ein solches Projekt einer pluralistischen modernen Gesellschaft nicht gerecht.