Die Türkei wird aller Voraussicht nach dauerhaft nicht mehr am Grand Prix Eurovision de la Chanson (Eurovision Song Contest) teilnehmen. Im Jahr 2003 konnte die Türkei den traditionsreichen europäischen Gesangswettbewerb gewinnen, seit 2012 nimmt das Land jedoch nicht mehr teil und auch der staatliche Sender TRT strahlt ihn nicht mehr aus. Die Türkei hat ihren Ausstieg mit Beschwerden über das Wertungssystem begründet, die Unzufriedenheit saß jedoch tiefer.

Bereits seit einiger Zeit war der Wettbewerb ins Gerede geraten. Unter anderem sorgten Schiebungsgerüchte, Klagen über eine zunehmende Politisierung, sexuelle Anspielungen oder unpassende Kleidung von Künstlern für Unmut. Am Samstag gewann der österreichische Travestiekünstler Conchita Wurst den Wettbewerb, der von skandalösen Begleitumständen überschattet wurde – unter anderem wurden zwei 17-jährige Mädchen ausgebuht, die für die Russische Föderation starteten.

Nun hat der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Großen Nationalversammlung in Ankara, Volkan Bozkir (AKP), getwittert: „Gut, dass wir da nicht mehr mitmachen“, und dafür viel Zuspruch bei Parteifreunden geerntet. Auch regierungsnahe Zeitungen äußerten ihre Empörung über die Instrumentalisierung des Gesangswettbewerbs für politische Botschaften.

Auch Russland denkt über einen künftigen Boykott des Wettbewerbs nach, die Fraktion der Kommunistischen Partei in der Staatsduma hat eine entsprechende Motion eingebracht. Noch am Abend des Wettbewerbs hatten Kritiker aus der türkischen und russischen Einwanderercommunity in Westeuropa die Ausrichtung einer alternativen Veranstaltung mit eurasischer Perspektive angeregt, die von der Türkei und Russland auf den Weg gebracht werden könnte.