Die Drohungen von AKP-Funktionären gegenüber der Doğan-Mediengruppe nehmen weiter zu. Nachdem die Staatsanwaltschaft am Dienstag Ermittlungen gegen den Medienkonzern aufgenommen hatte, ist nun ein Video aufgetaucht, in dem ein AKP-Abgeordneter prominenten Journalisten des Medienhauses Prügel androht.

In dem Video spricht der AKP-Abgeordnete Abdurrahim Boynukalın zu einer Menge von Jugendlichen. Über den Chefredakteur der Doğan-Zeitung „Hürriyet“ sagt er dabei, dass dieser „ins Schwitzen“ kommen werde. Es sei ein Fehler gewesen, „diese Leute nicht zur rechten Zeiten verprügelt zu haben“.

„Ahmet Hakan ist ein Angsthase“

Insbesondere nimmt der 28-jährige Abgeordnete, der auch Vorsitzender der Jugendorganisation der AKP ist, den bekannten Hürriyet-Kolumnisten Ahmet Hakan ins Visier. „Diese Leute sind wohl vor allem an meiner Aussage ‚Egal, wie die Neuwahlen ausgehen…‘ hängengeblieben. Ja, wir werden ihn [Erdoğan, Anm. d. Red.] zum Präsidenten machen, egal, wie die Wahlen ausgehen werden. Ahmet Hakan muss sich sehr aufgeregt haben. Er ist ein Angsthase. Ich hatte vor, heute nach Nişantaşı vor sein Haus zu fahren. Ich wollte warten und sagen: Komm mal her.“ Die Jugendlichen reagieren mit höhnischem Gelächter.

Kurz bevor das Video auftauchte, schrieb der Journalist Murat Yetkin in seiner Kolumne bei der ebenfalls zur Doğan-Gruppe gehörenden Internetzeitung „Radikal“ über mögliche Hinweise zu solch einem Video. Unter dem Titel „Neuer Druck und neue Angriffe auf die Presse müssen verhindert werden“ führte Yetkin aus: „… denn schon jetzt spricht sich hinter den politischen Kulissen herum, dass ein Video existiert, in dem ein AKP-Verantwortlicher seinen Parteimitgliedern erklärt, dass die Beängstigung eines Journalisten durch Prügel ihn auf den rechten Pfad leiten würde. Ich hoffe, das es nicht stimmt. Ich hoffe sehr, dass ich mich irre.“

Hakan: Boynukalın soll sich wie ein „echter Mann“ verhalten

Der betroffene Journalist Ahmet Hakan ging in seiner aktuellen Kolumne auf die Drohungen Boynukalıns ein. Hakan provozierte Boynukalın, indem er einen HDP-Politiker zitierte. „Na los komm her, lasst ihn, er soll ruhig kommen“, lautet der Titel seiner Kolumne. Hakan forderte Boynukalın auf, sich wie ein „echter Mann“ der Situation zu stellen und sich nicht „hinterhältig“ zu benehmen.

Boynukalın war vergangene Woche in die Schlagzeilen geraten, als mutmaßliche AKP-Anhänger das Hauptgebäude der Zeitung „Hürriyet“ in Istanbul stürmten. Dabei hielt er vor der aufgebrachten Menge eine Rede, in der erklärte, dass sie [die AKP-Anhänger] Erdoğan zum Präsidenten eines Präsidialsystems machen würden, unabhängig davon, wie die Neuwahlen am 1. November ausgehen. Zudem bezeichnete Boynukalın alle Oppositionelle als Terroristen.

Hintergrund war ein Fernsehauftritt des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Dort sagte der Staatsspräsident: „Wenn eine Partei es geschafft hätte, 400 Abgeordnete oder die (nötige) Anzahl, für eine (neue) Verfassung zu bekommen, würde die Situation heute ganz anders aussehen.“ „Hürriyet“ brachte diese Äußerung in einem Tweet mit dem tödlichen PKK-Angriff in Dağlıca in Verbindung. Erdoğan bestritt noch während des Live-Interviews, dass seine Aussage eine direkte Reaktion auf den Anschlag war. Wenige Stunde danach erfolgte der Angriff auf das Gebäude der Zeitung.

Konsequenzen scheint Boynukalın wegen seiner Auftritte und Worte nicht befürchten zu müssen. Erst kürzlich wurde bekannt, dass er in das Parteigremium der AKP gewählt wurde.