Der türkische Prediger Fethullah Gülen

KOMMENTAR Unter dem Titel „Baut Schulen statt Moscheen“, einem Zitat Fethullah Gülens, fand vergangene Woche im SWR2-Forum eine Radiosendung statt. Unter der Moderation Eggert Blums waren Dr. Friedmann Eißler (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen), Timofey Neshitov (Süddeutsche Zeitung) und Dr. Günther Seufert (Türkei-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik) geladen. Von den aktuellen Debatten der Türkei um die AKP-Regierung und die Hizmet-Bewegung ausgehend, wurde die Bewegung in Deutschland diskutiert.

Drei „Gülen-Experten“

Das – vom Ziel eines nutzbringenden Gesprächs ausgehend – schon anfänglich vorhandene Defizit einer fehlenden Beteiligung von Vertretern der Hizmet-Bewegung selbst wollte man dabei auf eigenwillige Weise lösen, indem man gleich drei selbsternannte „Fachleute“ berief. Alle drei Herren sind oder halten sich zumindest auf ihre ganz eigene und besondere Art für Experten in diesem Gebiet: Timofey Neshitov hat eine „Gülen-Schule“ besucht, für die Zeitung Zaman gearbeitet und, wenn auch nur für kurze Zeit, in einer sogenannten „Lichthaus“-Wohngemeinschaft gelebt. Er zeichnet sich als „Praxis-Experte“ in dieser Runde aus.

Dr. Günther Seufert profiliert sich als Türkei-Experte mit seinem jüngsten Bericht über die Bewegung stattdessen als „Theorie-Experte“. Dr. Friedmann Eißler, der angibt, im Grunde genommen schon auf Grund seiner Profession ein Gülen-Experte zu sein, zeichnet sich in dieser illustren Dreierrunde als „Skepsis-Experte“ aus. Man kann es Eißler bei näherer Betrachtung nicht einmal verübeln, zumal die Einrichtung selbst, die „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ (EZW) nach eigenen Angaben die „zentrale wissenschaftliche Studien-, Dokumentations-, Auskunfts- und Beratungsstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für die religiösen und weltanschaulichen Strömungen der Gegenwart“ ist. „Sie hat den Auftrag, diese Zeitströmungen zu beobachten und zu beurteilen“ – eine ambitionierte Aufgabe, behaupten doch böse Zungen, dass diese seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts an der EKD selbst weitgehend vorbeigegangen wären.

Unter Zeitströmungen versteht man dort denn auch im Allgemeinen so genannte „Sekten“. Dem Lexikon des Dialogs ist zu entnehmen, dass „besonders im Deutschen… der Begriff in polemisch-pejorativer Verwendung von einem bestimmten konfessionellen Standpunkt aus…“ zu verstehen ist, dieser „…bedeutete dann: Abtrünnige bzw. Irrlehrer.“ Somit ist es Dr. Eißler leider auch in diesem Gespräch nicht möglich, die Hizmet-Bewegung mal aus etwas anderem als der „Sekten-Perspektive“ heraus zu betrachten. Er verkörpert auch in diesem Radio-Programm sein Motto: einmal Skeptiker – immer Skeptiker!

Altes bewährt sich

In der Radio-Runde werden diverse Facetten der Bewegung wie Schulen, Nachhilfeeinrichtungen, Lichthäuser und Religiosität angesprochen. Alle Experten bringen sodann immer wieder durch ihre persönlichen Ressourcen einen unterschiedlichen Perspektivblick in die anregende Diskussion. Dr. Friedmann Eißler betont, dass es sein Anliegen wäre, diese Gülen-Bewegung in einen offenen und kritischen Diskurs zu bringen. Er betrachtet das Gesamtkonzept kritisch und behauptet, dass „die Verpackung Gülen nicht das vorgibt, was sie zu sein scheint“.

Eißler ist fest davon überzeugt, dass die Hizmet-Bewegung einer geheimen Agenda folgt. Bei seiner Argumentation bedient sich der Experte des Sprichworts „Altes bewährt sich“. Zuhörer, die zuvor schon in den Genuss von Eißlers Weisheiten gekommen sind, bekommen auch in diesem Radioprogramm nichts Neues zu hören. Erneut beruft sich Eißler auf seine bekannten Zitate aus Gülens Werken aus den 70ern – wo ja, wie Kritiker behaupten, offenbar auch der bleibende geistige Bezugspunkt nicht unerheblicher Teile der EKD selbst anzusiedeln sein soll. Eißlers abgenutzte Joker sind auch im Radioprogramm unter anderem die Themen Apostasie und Frauen: Themen, zu denen der islamische Gelehrte seine früheren Auffassungen bereits längst selbst revidiert hat.

Hartnäckige wird es immer geben

Der Aufruf zu Dialog und Transparenz bewegte viele Menschen und Einrichtungen der Hizmet-Bewegung in Deutschland dazu, sich zu öffnen. Das Gespräch wurde gesucht, Veranstaltungen wurden initiiert und wertvolle Wissenstransfers absolviert. Dialog ist oftmals ein salopp daher gesagtes Stichwort: Zwei Seiten kommen zusammen, artikulieren einander, vertreten Positionen, versuchen sich in die Gegenseite hineinzuversetzen, nehmen neues Wissen auf und mit, um dann dieses wieder für sich selbst zu verinnerlichen. Diesen Idealfall des Dialogs gibt es, um realistisch zu sein, nur selten. Denn viel zu oft sind Dialogpartner nicht bereit und auch manchmal gar nicht in der Lage, ihre unterbewussten Vorurteile und Ängste abzulegen und sich dem Gegenüber ganz zu öffnen.

Denn Dialog würde eigentlich voraussetzen, dem Gegenüber zu vertrauen. Dialog heißt sicher nicht, Überzeugungsarbeit, Überredungskunst und schon gar nicht Missionierung zu leisten. Manch ein Dialogpartner verliert sich in dem schmalen Grat zwischen Kritik und verbissener Behauptung seines eigenen Standpunktes. Der Dialog mit solchen Partnern ist im Endeffekt kein wahrer Dialog, sondern blanke Konfrontation, oder aber er wird auf einer Seite zum Selbstgespräch. Der wahre Dialog erfordert nämlich neben dem Vertrauen, welches als Basis dient, auch eine Öffnung, eine eigene, innere Öffnung. Diese muss nicht, aber kann jedem gelingen, sofern er sich denn auch nur grundsätzlich dem Dialog hingibt.

Fethullah Gülen selbst sagt, „wären Dialog und Toleranz an bestimmte Persönlichkeiten gekoppelt, hätten sie mit Sicherheit nicht auf Dauer Bestand, und die Leute würden sich zurecht Sorgen machen. Meine Motivation entspringt aber religiösen Quellen, denen ich folge. So lange die Religion existiert, wird es auch Dialog und Toleranz geben“.