Islam in Deutschland: Der Vorsitzende der Islamischen Föderation in Berlin Fazlı Altın kritisierte die Haltung der deutscher Sicherheitsbehörden, Politiker und Medien unmittelbar nach dem Brand in der Mevlana-Moschee. Er bedankte sich bei der türkischen Regierung.

Was wäre, wenn in Berlin-Kreuzberg nicht eine Moschee, sondern eine Synagoge in Flammen aufgegangen wäre? Wie hätten deutsche Politiker und Medien darauf reagiert? Oder was wäre, wenn eine Kirche in Istanbul gebrannt hätte? Die Empörung wäre groß, die Solidaritätsbekundungen grenzenlos. Doch diese Fragen hat in den vergangenen Tagen niemand gestellt. Wieso nicht?

Als in der Nacht zum Dienstag um kurz vor elf ein Feuer in der Berliner Mevlana Moschee ausbrach und das Gebäude zerstörte, bleibt auch noch Tage danach eine breite Solidaritätswelle aus. Seit heute (Freitag) weiß man, dass es sich um einen Brandanschlag handelt. Kriminaltechniker fanden Spuren einer brennbaren Flüssigkeit, wie die Polizei am Freitag mitteilte. Die Ermittlungen werden nun beim polizeilichen Staatsschutz, der für politisch motivierte Taten zuständig ist, gebündelt. Er hatte schon unmittelbar nach dem Feuer ermittelt. Dann hieß es, es gebe keine Anhaltspunkte für eine politische Tat.

Zwar sagte Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) am Freitag: „Wenn in unserer Stadt religiöse Gebäude brennen, ganz gleich, ob es sich um Kirchen, Synagogen oder Moscheen handelt, dann nehme ich das äußerst ernst. Wenn nur der Verdacht besteht, dass es sich um eine vorsätzliche Brandstiftung handeln könnte, muss dies dringend aufgeklärt werden.“ Doch einen Besuch der betroffenen Gemeinde durch den für die Sicherheit ALLER Berliner zuständigen Senator blieb aus.

Womöglich größter Moscheebrand in der deutschen Geschichte

Bei dem Brand handelt es sich womöglich um den größten Moscheebrand der deutschen Geschichte, so der Vorsitzende der Islamischen Förderation in Berlin, Fazlı Altın. Altın schilderte die Ereignisse nach dem Brand wie folgt: „Der 11.08. war ein schwarzer Tag die Gemeinde der Mevlana Moschee in Berlin-Kreuzberg und ein schwarzer Tag für die Muslime in Deutschland. Um 22:51 Uhr ging der Anbau des Moscheegebäudes in Flammen auf. Es ereignete sich womöglich der größte Moscheebrand in der deutschen Geschichte.“

Fazli Altın ist Rechtsanwalt und wurde 1979 in Berlin-Schöneberg geboren. Er erwarb sein Abitur im Jahre 1999 auf dem Robert-Blum Gymnasium in Berlin-Schöneberg. Neben Deutsch spricht er auch Türkisch und Arabisch. Seine Biografie liest nicht nur als eine Erfolgsgeschichte, sondern auch als ein Musterbeispiel für gelungene Integration. Im Jahre 2003 hielt er an der Freien Universität Berlin am Fachbereich für Arabistik als Privatdozent eine Vortragsreihe zum Thema „performative Texte im Islam, Christentum und Judentum”.

Als in der Nacht zum Dienstag um kurz nach zehn ein Feuer in der Berliner Mevlana Moschee ausbrach und das Gebäude zerstörte, bleibt auch noch Tage danach eine breite Solidaritätswelle aus. (dpa)

Der Jurist setzte seine Schilderungen wie folgt fort: „Die Medien durften die Moschee früher betreten, als die Mitglieder des Moscheevorstandes, als die Vorstandsmitglieder der Islamischen Föderation und dem Grundstückseigentümer. Die Verantwortlichen wurden vom Grundstück verwiesen und waren auf Medienberichte angewiesen, um zu erfahren, was mit ihrer Moschee geschehen war. In den Medien stand aber nichts von einem Moscheebrand. Es hieß in den Medien, dass Baumaterial in Brand geraten sei. So hofften wir aufrichtig, dass sich der Brand auf den Moscheehof beschränkte.”

Der Verband beklagt mangelnde Unterstützung durch die Berliner Regierung

Die Mevlana Moschee ist Mitglied der Islamischen Föderation in Berlin, die wiederum dem Islamrat angehört. Das stärkste Mitglied des Islamrats ist die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş. Die Gemeinde wurde Mitte der Siebziger Jahre gegründet und hat heute ca. 350 Mitglieder. Der Neubau der Moschee ist ein Millionenprojekt. Bei dem Brand soll ein Sachschaden in höhe von ca. 1 Millionen Euro entstanden sein.

Altın beschrieb die Situation am Tag nach dem Brand: „Wir wurden um 9 Uhr am nächsten Tag vom Grundstück verwiesen. Um 11 Uhr kam schließlich der türkische Generalkonsul Herr Şen in die Mevlana Moschee und wurde hineingelassen. Nach einer halben Stunde setzte er sich dafür ein, dass meine Wenigkeit das Grundstück betreten durfte. Bis dahin hat die Polizei nicht mit uns kommuniziert und uns unwürdig behandelt. Gegen 12 Uhr kam der türkische Botschafter Herr Karslıoğlu und brachte sein Mitgefühl zum Ausdruck. Ich möchte die Gelegenheit heute dazu nutzen, diesen beiden Herren vor Ihnen zu danken – im Namen der Mevlana Moschee und im Namen der Islamischen Förderation Berlin. Wir hätten uns die Unterstützung, die wir von der türkischen Regierung erhalten haben, von der Berliner Regierung erhofft. Weder der Bürgermeister, noch irgend ein Senator des Landes Berlin hat es für nötig gehalten, die Mevlana Moschee zu besuchen oder wenigstens per Telefon sein Mitgefühl mitzuteilen. Die Mevlana Moschee wurde mit ihrem Kummer allein gelassen. Und dies ist inakzeptabel.“

Die Zahl der Übergriffe auf Moscheen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Dies ging aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag vom Juni 2014 hervor. Demnach wurden zwischen 2001 und 2011 im Schnitt 22 Übergriffe pro Jahr gezählt, 2012 und 2013 stieg die Zahl auf 35 beziehungsweise 36 im Jahr. Von Anfang 2012 bis März 2014 wurden 78 Attacken registriert, davon 13 in Niedersachsen. Auch in Westfalen hat es im Gebetsraum eines türkischen Moscheevereins an der Detmolder Straße am Montagvormittag gebrannt.

„Ein Moscheebrand darf nicht einfach ignoriert werden“

Am heutigen Freitag – vier Tage nach dem Brand – kamen um die 500 Muslime zusammen, um ihre Solidarität mit der Gemeinde auszudrücken. Das Freitagsgebet konnte aber nicht in der Moschee verrichtet werden. Die Gläubigen beteten stattdessen auf der Skalitzerstraße vor dem Moscheebau. Dabei sagte Altın, der das Freitagsgebet leitete und die Freitagspredigt hielt: „Die heutige Versammlung soll die Solidarität mit der Mevlana Moschee zum Ausdruck bringen. (…) Die heutige Versammlung soll zeigen, dass die Mevlana Moschee zerstört ist und Muslime auf der Straße beten müssen, um ihren religiösen Pflichten nachzukommen. Die heutige Versammlung, meine Damen und Herren, soll auf die mangelnde Sensibilität in der deutschen Gesellschaft aufmerksam machen. Muslime sind Teil dieser Gesellschaft. Ein Moscheebrand darf nicht einfach ignoriert werden. Gleichgültig ob es ein Brandanschlag war oder nicht.“

Die zuständige Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann (Die Grünen) kam erst am zweiten Tag nach dem Brand in die Mevlana Moschee und sprach ihr Mitgefühl aus. Auch am heutigen Freitag war sie anwesend und solidarisierte sich mit der Gemeinde. Sie warnte davor, Verschwörungstheorien bezüglich der Hintergründe des Brandes aufzustellen und bot ihre Unterstützung an.

Altın sagte im Bezug auf den Zustand der Gemeinde und dem aktuellen Ermittlungsstand: „Es steht nunmehr fest, dass die Mevlana Moschee mutwillig in Brand gesetzt wurde. Für uns steht seit heute Morgen fest, dass ein Brandanschlag auf die Mevlana Moschee verübt wurde. Ich danke im Namen der Berliner Muslime allen Politikern, die ihre Anteilnahme vor dieser Erkenntnis zum Ausdruck gebracht haben und hoffe, dass durch das heutige Bild der Mevlana Gemeinde deutlicher wird, in welch misslicher Situation sich die Gemeinde befindet.“