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Mit Solidarität und Stärke hat Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern auf die rechten Terroranschläge in Christchurch reagiert. Deutsche Politiker sollten genau hinsehen.

Von STEFAN KREITEWOLF

Ein Bild geht um die Welt: Es zeigt eine Frau mit dunklem Kopftuch, die Augen gesenkt, der Blick versteinert. Es ziert die Titelseiten internationaler Zeitungen, verbreitet sich viral via Social Media und wurde auf ein Hochhaus in Dubai projiziert. Auf dem Bild ist Jacinda Ardern zu sehen, die Premierministerin Neuseelands. Es ist ihr Verdienst, dass dieses Bild im kollektivem Gedächtnis mit den Terroranschlägen von Christchurch verbunden wird – und nicht das eines hasserfüllten Psychopathen, der seine Taten live streamte.

Die junge Politikerin ist eine Ausnahmeerscheinung. Schon ihr erstes Statement, nur Minuten nach dem Tot von 50 Muslimen, beweist das. Sie sagte: „Viele der Betroffenen sind Einwanderer, sie sind vielleicht Flüchtlinge, sie wollten Neuseeland zu ihrer Heimat machen und es ist ihre Heimat. Sie sind wir.“ Statt Menschen über ihre Religion oder Herkunft zu definieren, wählte Ardern den Weg der Solidarität. Sie durchkreuzte die Logik des Terroristen – sofort und kompromisslos.

Keine Symbolik, echte Gefühle

Am Tag nach dem Anschlag besuchte sie dann ein Flüchtlingszentrum und sprach mit Betroffenen. Das Bild mit dem dunklen Kopftuch entstand dort. Sie kam ohne Presserummel, nur mit ihren engsten Mitarbeitern und Kabinettsmitgliedern. Sie bewies damit: Es geht ihr nicht um Symbolik, sie scheint wirklich an den Menschen interessiert zu sein. Die traurigen Augen, das versteinerte Gesicht und ihre Umarmungen, Betroffene wie Beobachter kauften sie ihr ab. Wo sich andere Politiker hinter Floskeln und Bodyguards verstecken, zeigte Ardern echte Gefühle.

Ardern ist eine Frau mit Prinzipien. Als Premierministerin setzt sie sich seit Beginn ihrer Amtszeit 2017 für die Rechte von Minderheiten ein. Sie ist Feministin und Pazifistin. Dass sie während ihrer Amtszeit Mutter wurde und nach einer fünfwöchigen Babypause fortan zum Teil mit einem Säugling auf dem Arm ihren täglichen Pflichten nachkommt, schlug hohe Wellen – auch außerhalb des Pazifikinselstaats. Für die Sozialdemokratin Ardern ist das ganz normal.

Waffenverbot und Millionen-Programm

Sicheres und bestimmtes Handeln zeichnet sie auch nach dem Terroranschlag aus. Nur sechs Tage danach verschärfte sie die Waffengesetze des Landes. Halbautomatische Waffen und Sturmgewehre dürfen in Neuseeland ab sofort nicht mehr verkauft werden. Zugleich beabsichtigt die Regierung, den  aktuellen Besitzern diese Waffen abzukaufen. Umgerechnet 120 Millionen Euro stellt der Staat dafür bereit. Damit gibt sie den Betroffenen das Zeichen: Wir kümmern uns und möchten, dass so etwas nie wieder passieren kann.

In Deutschland ist so eine Politikerin kaum denkbar. Zwar sind wir bislang von antimuslimischen Terrorangriffen verschont geblieben, Islamophobie ist aber auch hierzulande eine Gefahr. Politik und Gesellschaft streiten dennoch über Floskeln wie „der Islam gehört zu Deutschland“. Richtig wäre: „Der Islam ist Deutschland.“ Ardern hätte kein Problem damit.

Deutsche Politiker können viel von ihr lernen – zum Beispiel, dass Kopftücher nicht nur Zeichen der Unterdrückung sein müssen.