life on the border copyright eksystent

Kobane und Sindschar: Beide Städte stehen für den Terror des „Islamischen Staates“, für Krieg und Not. Was das mit den Menschen dort macht, beschreibt ein Film des kurdischen Regisseurs Ghobadi – aus der Sicht von Kindern.

Bildern von Kindern und Jugendlichen auf der Flucht wird in der Berichterstattung große Bedeutung zugeschrieben. Sie stehen für die Opfer des Kriegs, die sich nicht wehren können und besonders schutz- und hilfsbedürftig sind. Eine Stimme aber erhalten sie nur selten. Der kurdische Regisseur Bahman Ghobadi hat sich bereits in seinen ebenso poetischen wie bedrückenden Spielfilmen „Zeit der trunkenen Pferde“ und „Schildkröten können fliegen“ für die Belange von Kindern eingesetzt; nun hat er einen Film produziert, der die Sichtweise konsequent verschiebt: „Life on the Border„, zu sehen ab 9. November in den Kinos.

Kinder im Krieg – „Ich möchte, dass ihr mein Leben kennenlernt“

Angeleitet von professionellen Kameraleuten erhielten Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 14 Jahren, die 2015 in den Flüchtlingslagern unweit von Kobane in Syrien und Sindschar im Irak lebten, die Chance, Kurzfilme zu drehen. „Ich möchte, dass ihr mein Leben kennenlernt“, lautet einer der zentralen Sätze, mit denen die jungen Regisseure ihre Werke einleiten.

Die sieben Episoden folgen keiner festen Struktur und schwanken zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Mit seiner Schwester, die kein Wort mehr spricht, seit sie eine Woche lang in der Hand von Kämpfern des „Islamischen Staats“ (IS) war, streift Hazem durch das Lager. Die Jesidin Basmeh, die ihre Hand durch eine Landmine verloren hat, will über das Leben in Sindschar erzählen und auf das Leid der verschleppten Mädchen und Frauen aufmerksam machen. Auch Samis Schwester ist noch nicht aus der Gefangenschaft des IS zurückgekehrt.

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Der von Brandwunden gezeichnete Diar möchte eine Brille für seinen schwer verletzten Vater suchen. Delovan ist auf der Suche nach Medikamenten für seinen kranken Vater. In die Ruinen von Kobane führt der Weg von Mahmod und seiner Schwester zu ihrem Elternhaus. Auf der Suche nach dem Mädchen mit der schönsten Stimme trifft ein Musiker auf Zohur. Doch seit dem Märtyrertod ihres Vaters will diese nicht mehr singen.

„Life on the Border“ – „Sie haben mich nochmal verletzt“

Immer wieder kehren die Filme, in denen die jungen Regisseure auch die Hauptrollen spielen, zu denselben Themen zurück. Um das Suchen geht es, von Gegenständen oder verschollenen Menschen, und vor allem um misshandelte Mädchen und Frauen. Manchmal bleibt es bei Sätzen wie „Sie haben mich nochmal verletzt“, die gerade durch die Beiläufigkeit, mit der sie ausgesprochen werden, so erschütternd wirken; manchmal ist es die Sorge in den Gesichtern der Familienmitglieder, manchmal die Unmöglichkeit, über das Geschehene zu reden.

Was die Kurzfilme überdies verbindet, ist, dass sie häufig auf eine Auflösung verzichten. Der Himmel, an dem die Hubschrauber mit den dringend benötigten Medikamenten auftauchen sollen, bleibt leer, die Schwestern, die in IS-Gefangenschaft geraten sind, kehren nicht zurück, das Mädchen mit der schönen Stimme bleibt stumm und weigert sich, wieder zu singen. Anstelle in sich geschlossener Geschichten steht der Ausschnitt, der aufrütteln soll. Bemerkenswert, wie selbstbewusst die jungen Protagonisten, die viel zu schnell erwachsen werden mussten und deren Gesichter nicht selten von den traumatischen Erfahrungen gezeichnet sind, diese Situationen meistern.

Obwohl mehrere Beiträge des Kompilationsfilms bisweilen an bekannte Bilder aus der Kriegsberichterstattung erinnern, setzen die Kurzfilme diesen Standardmotiven immer wieder auch eigenständige poetische Bilder entgegen, die über die Situation hinausweisen und mit der Wahrnehmung spielen. Wenn Hazem einen Becher in eine Pfütze hält und mit ihm danach das Spiegelbild eines fliegenden Kampfflugzeugs einzufangen scheint, dann zeigt der Film mit dieser kleinen Geste eine Spur Hoffnung und Selbstermächtigung – mit den Mitteln eines Kindes.

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KNA/mit/joh/twi